Sorgearbeit Mütter nehmen Großteil der Kinderkrankentage – aber es tut sich etwas

Mütter übernehmen noch immer einen Großteil der Kinderkrankentage.
Mütter übernehmen noch immer einen Großteil der Kinderkrankentage.
© IMAGO / Westend61
In der Pandemie haben Väter einen größeren Teil der Kinderkrankentage übernommen als bisher. Den Großteil stemmen aber weiterhin die Mütter

Noch immer bleiben vor allem die Mütter zu Hause, wenn ihre Kinder krank oder Kita und Schule mal wieder wegen Corona geschlossen sind. Doch es tut sich womöglich etwas, wie Auswertungen der Techniker Krankenkasse (TK) und der Barmer für ntv.de zeigen. Bei beiden Krankenkassen ist der Väter-Anteil an den Anträgen auf Kinderkrankentage im vergangenen Jahr gestiegen, um je rund drei Prozentpunkte im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019. Mit knapp 32 Prozent nahm der Anteil der Männer bei der TK auf immerhin fast ein Drittel zu, bei der Barmer auf 28 Prozent.

Damit stecken allerdings nach wie vor in erster Linie die Mütter beruflich zurück. Im ersten Pandemie-Jahr 2020 war der Väter-Anteil sogar leicht zurückgegangen, bei beiden Kassen um etwa einen Prozentpunkt. Außerdem ist bei dem Anstieg des Väter-Anteils zu berücksichtigen, dass die Gesamtzahl der Anträge massiv gestiegen ist. Verzeichnete die TK 2020 noch rund 353.000 Anträge, waren es im vergangenen Jahr mit gut 800.000 mehr als doppelt so viele - ein Drittel davon coronabedingt. Auch bei der Barmer nahmen die Anträge um mehr als 100 Prozent zu.

Die Belastung der Frauen ging also nicht etwa zurück, sondern stieg sogar. „Der leichte Anstieg bei den Männern ist ja ganz nett, aber bei Weitem nicht genug“, sagt die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack, auf ntv.de-Anfrage. „Die Sorgearbeit wird immer noch zu einem Großteil von Frauen erledigt - die unterschiedliche Inanspruchnahme des Kinderkrankengelds ist nur die Spitze des Eisbergs.“

Belastung der Familien steigt wieder stark

Die Zahl der möglichen Kinderkrankentage war im vergangenen Jahr nochmals deutlich erhöht worden auf 30 Tage pro Jahr und Elternteil beziehungsweise 60 Tage für Alleinerziehende. Bei mehreren Kindern sind bis zu 65 Tage möglich, für Alleinerziehende maximal 130. Bis 19. März dieses Jahres können Eltern diese auch nutzen, wenn ihr Kind nicht krank ist, aber betreut werden muss, weil Kita oder Schule pandemiebedingt geschlossen sind. Das dürfte der Hauptgrund für den starken Anstieg bei den Kinderkrankentagen sein.

In diesem Januar stieg die Belastung für Familien wieder stark an, wie eine Befragung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zeigt. 19 Prozent der Frauen mit betreuungsbedürftigen Kindern gaben an, wegen deren Betreuung weniger gearbeitet zu haben. Nur im April 2020, während des ersten harten Lockdowns, war der Wert mit 24 Prozent höher. Als in diesem Januar die Omikron-Welle Deutschland voll erfasste, arbeiteten der Umfrage zufolge allerdings nur 6 Prozent der Väter wegen der Kinderbetreuung weniger. 

„Die Pandemie hat diese Ungleichgewichte in vielen Familien deutlich und einer breiteren Öffentlichkeit bewusst gemacht“, stellt DGB-Vizechefin Hannack fest. Mit passgenauen Angeboten und familienorientierten Arbeitszeitarrangements für Väter könnten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber maßgeblich dazu beitragen, dass sich die Lücke zwischen den Geschlechtern bei der Sorgearbeit schließt. „Die Flexibilität, die sie von ihren Beschäftigten erwarten, müssen Arbeitgeber*innen auch selbst an den Tag legen, um allen Beschäftigten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen.“

Nachholeffekte bei Virusinfekten

Dass sich Mütter öfter wegen der Kinder krankmelden, dürfte neben gesellschaftlichen Faktoren auch an den Gehältern liegen. Da sie im Schnitt weniger verdienen, sind die Lohneinbußen bei Kinderkrankentagen oft niedriger als bei Vätern. Letztere arbeiten allerdings zunehmend im Homeoffice. Dieser Zeitgewinn für die Familie könnte die Entwicklung verstärken, dass sich Männer mehr bei der Kinderbetreuung engagieren - zum Beispiel in Form von Kinderkrankentagen.

Hinter den Anträgen bei den Krankenkassen stecken übrigens deutlich mehr bewilligte Kinderkrankentage, da mit einem Antrag mehrere Tage gleichzeitig beantragt werden können. So wurden etwa bei der Barmer mit 490.000 Anträgen im vergangenen Jahr insgesamt 1,29 Millionen Tage bewilligt. Nach den AOKs sind TK und Barmer mit fast elf beziehungsweise neun Millionen Versicherten die größten gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland. 

Ursache für den starken Anstieg bei den Kinderkrankentagen sind neben der Erhöhung der Obergrenze auf 30 Tage offenbar auch Nachholeffekte bei anderen Erkrankungen als Covid-19. Kinderarztpraxen beobachteten im vergangenen Sommer eine ungewöhnliche Zunahme von Virusinfekten, wie die TK ausführt. Zuvor waren Kinder durch die Corona-Regeln offensichtlich auch vor anderen Krankheiten stärker geschützt als sonst. Im Sommer und Herbst wuchs die Zahl der Anträge auf Kinderkrankentage dann außergewöhnlich stark.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de


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