GastbeitragDie Corona-Krise bedroht die Gleichberechtigung

Katharina Schulze, Grünen-Chefin in Bayern
Katharina Schulze, Grünen-Chefin in Bayernimago images / ZUMA Press


Katharina Schulze, 34, ist das Gesicht der bayerischen Grünen und seit 2017 deren Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag. Bei der letzten Landtagswahl hat sie als Spitzenkandidatin die Grünen mit 17,6 % der Stimmen zur zweitstärksten Kraft geführt. Capital hat sie 2018 unter Deutschlands Top 40 unter 40 gewählt.


Frauen halten den Laden am Laufen – im Job und daheim. Trotzdem sind in dieser beispiellosen Corona-Krise erneut überproportional Frauen und Kinder davon bedroht, als wirtschaftliche und soziale Verliererinnen hervorzugehen. Das darf nicht sein. Wir müssen jetzt Corona bekämpfen und gleichzeitig die Gleichberechtigung in diesem Land stärken. Das tut uns allen gut.

Egal ob im Supermarkt, im Krankenhaus, bei der Pflege oder zu Hause: Bei der Bekämpfung der Pandemie sind Frauen schwer gefordert, sie leisten den Großteil der Sorgearbeit unserer Gesellschaft. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung arbeiten zu 75 Prozent Frauen in den für diese Krise als systemrelevant definierten Berufen. Prekäre Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne sind hier traurige Normalität. Da Frauen häufiger in Minijobs und Teilzeit tätig sind, sind sie in Krisen stärker gefährdet. Frauen verdienen deutlich weniger als Männer für gleichwertige Arbeit, deshalb fällt auch das Kurzarbeitsgeld für sie geringer aus. Applaus um 19 Uhr für Beschäftigte in systemrelevanten Bereichen ist eine nette Geste, davon kann aber niemand die Miete zahlen. Es ist dringend erforderlich, Tätigkeiten im Care-Sektor angemessen zu bezahlen, Arbeitsbedingungen zu verbessern, die Fehlanreize des konservativen Ehegattensplittings endlich abzuschaffen und ein Entgeltgleichheitsgesetz für diskriminierungsfreie tarifliche und nichttarifliche Löhne einzuführen. Meine Sorge ist, dass die Regierung das zwar jetzt anspricht, jedoch nicht handelt und nach der Krise andere Themen wieder stärker im Fokus sind.

Frauen übernehmen auch im unbezahlten Care-Sektor den Löwinnenanteil, denn oftmals müssen sie sich neben ihrer Berufstätigkeit noch um Kinder oder um pflegebedürftige Angehörige kümmern. Alleinerziehende, 89% sind Frauen, stehen besonders unter Druck, sie können die Betreuung nicht verteilen. Das alles galt schon in Vor-Corona-Zeiten. Damals hatten aber Kitas und Schulen auf und das feinjustierte Netz aus Betreuungshilfen hat gerade so gehalten. Und auch wer jetzt sogar das Privileg von Home-Office hat, muss viel parallel jonglieren: Konzentriert in der Videokonferenz mitarbeiten, zusätzlich die Kinder beschäftigen, Mittagessen zubereiten, während man in der TelKo steckt und später mit den Kindern noch ne Runde Homeschooling (oft ohne die passende Technik). Das hält doch niemand auf Dauer aus. Wir müssen Eltern entlasten und Kinderrechte mit dem Infektionsschutz zusammenbringen.

Entlastung für Eltern, soziale Kontakte für Kinder

Es ist deshalb gut, dass die Regierung endlich auf den Druck, u.a. von uns Grünen und vielen #Coronaeltern reagiert und die Notbetreuung in den Kitas und Schulen ausgeweitet hat. Ich freue mich, dass in Bayern auf unseren Vorschlag private “Betreuungsgemeinschaften” zugelassen werden: Zwei bis drei Familien bilden eine solche Gruppe und unterstützen sich wechselseitig. So werden Eltern entlastet und Kinder haben soziale Kontakte unter Gleichaltrigen – und trotzdem können Infektionsketten nachverfolgt werden. Denn es geht ja weiter darum, unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten und Menschenleben zu retten. Solange KiTas flächendeckend zu bleiben müssen, setzen wir uns für eine deutschlandweite Corona-Elternzeit mit Elterngeld ein (angelehnt an das bestehende Elterngeld mit Kündigungsschutz), für jene Menschen, die wegen Kinderbetreuung nicht arbeiten können. Das hilft, Druck, Existenzangst und Stress aus den Familien zu nehmen.

Immer noch ist der eigene Haushalt der gefährlichste Ort für Frauen. Jeden Tag versucht in Deutschland ein Mann seine (Ex-)Partnerin zu töten, jeden dritten Tag gelingt dies. Wenn jetzt alle mehr zu Hause sind, steigt das Risiko. Wir müssen deshalb Beratungsangebote online wie offline ausweiten. Ich wünsche mir für Deutschland das französische Modell: Dort gibt es Beratungsangebote für Familien in Supermärkten mit Informationen zu Gesundheitsvorsorge und konkreter Hilfe bei Gewalt. Denn wer in einem gewaltvollen Umfeld lebt, kann in Isolationszeiten nicht einfach die Telefonhotline anrufen. Bei uns in Bayern gibt es leider seit Jahren einen Mangel an Frauenhausplätzen, daher schlagen wir vor, hierfür kurzfristig Pensionen oder Hotelzimmer anzumieten. Langfristig muss endlich der Gewaltschutz besser ausgestattet werden. Mir blutet das Herz, dass ein reiches Land wie unseres das immer noch nicht schafft.

Die aktuelle Situation zeigt deutlich, wie brüchig die Gleichstellung in Deutschland ist. Das macht mich wütend – und ist Ansporn, die politischen Rahmenbedingungen zu verändern! All das dürfen wir mitten in der Krise nicht aus den Augen verlieren. Ich wünsche mir daher auch eine größere Debatte über die Corona-Folgen für Frauen und mehr Perspektiven von Frauen in der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Sichtbar und hörbar sein ist natürlich einfacher, wenn man Zeit dafür hat. Deswegen ist – unabhängig von Corona – eine gerechte Aufteilung der Care-Arbeit und die Hälfte der Macht den Frauen sind unabdingbar.