KolumneMit „tiny habits“ erfolgreich neue Gewohnheiten etablieren

Lena Wittneben
Lena WittnebenPR

Mitunter habe ich den Eindruck, dass unter dem Deckmantel des Corona-Macher-Modus häufig das Opferlammfell an allen Ecken und Enden quillt. Leute, die im eigenen Käfig hocken, mit dem Schlüssel um den Hals. Bei Vorschlägen und Ideen, um in Corona-Zeiten das brachliegende Geschäft zu beleben, wird häufig vorschnell mit wehklagendem „Ja, aber“ reagiert. Es folgen epische Ausführungen, warum etwas nicht geht, klappen kann, falsch wäre.

Es geht meines Erachtens nicht darum ad hoc neue Geschäftsmodelle zu erfinden, die umgehend entgangene Einnahmen auffangen könnten. Vielmehr sollten wir weiterhin als Marke sichtbar und mit Kunden und Kooperationspartnern im Dialog und Kontakt bleiben.Nur mit Mut, Zuversicht, Motivation und Handeln in der Gegenwart können wir eine positive Zukunft gestalten.

Jetzt, wo ohnehin nichts ist und bleibt wie es war, haben wir viele Möglichkeiten uns neu auszuprobieren. Auch in unseren täglichen Gewohnheiten, Verhalten und Routinen.

Ich glaube nicht an übertriebene Selbstoptimierung. „Bigger, better, faster, more“-Attitüden gilt es nicht zu bewerten; Disziplin, Verbesserungen, Vereinfachung, Zeitersparnis und hochgesteckte Ziele sind bewundernswert und bringen uns in die Aktivität. Nur reichen im Alltag häufig bereits kleine Kurskorrekturen, um fernab des Wahns zur Selbstoptimierung mehr Ausgeglichenheit und persönlichen Erfolg zu genießen. Die vermeintlich banalen Impulse beinhalten oft das größte Potenzial für ein größeres Wohlbefinden.

Anstatt sich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag im „Shutdown light“ mit dem x-ten Online-Kurs schlauer zu machen – auch wenn uns das Thema nicht brennend interessiert – oder die Wohnung zu putzen und zu polieren, bis wir von den Fußleisten essen könnten, sollten wir lieber „tiny habits“ – kleine Gewohnheiten, etablieren. Anstatt zu meditieren, bis der Schädel brummt, oder uns Muskelpakete anzutrainieren, sollten wir besser mit kleinen Veränderungen starten.

Der US-amerikanische Verhaltensforscher B.J. Fogg gilt als Erfinder der „tiny habits“- Methode. Anstelle häufig frustrierender Mammutprojekte rund um große Ziele, neue Verhaltensweisen und Gewohnheiten gilt es hierbei für den sicheren Erfolg eine neue kleine Handlung an ein bereits bestehendes Alltagsritual zu knüpfen. Das bedeutet, dass wir nach einem „nachdem ich“ (eine bestehende Gewohnheit wie z.B. morgens Kaffee zu kochen), ein „mache ich“ (10 Kniebeugen für Fitness Anfänger) setzen. Zwei Beispiele:

  • „Nachdem ich im Homeoffice meinen Laptop hochgefahren habe, lege ich mein Handy für 90 Minuten in eine Schublade, um ungestört und konzentriert an nur einer Sache zu arbeiten.“
  • „Nach dem Mittagessen, gehe ich 10 Minuten um den Block.“

Kleiner Aufwand mit großer Wirkung bei permanenter Wiederholung. Die Verknüpfung mit der bestehenden Gewohnheit verhilft zum Erfolg.

Und abgesehen von den „tiny habits“, die wir gerade jetzt gut einstreuen können, warum nicht die Corona-Wochen zum Hinterfragen von Gewohnheiten nutzen? Was brauche ich wirklich für ein „gutes Leben“? Wie oft möchte ich in der Woche Sport treiben, Freunde (online?) treffen, für mich sein, kochen, spazieren gehen, mich weiterbilden? Wer oder was schenkt mir Energie und was kann und möchte ich täglich tun, damit ich am Ende einer Woche zufrieden und ausgeglichen bin?

Und da wir momentan auf viele Leidenschaften und Hobbys noch verzichten müssen (Verzicht bedeutet nicht Verlust!), wie kann man dann das Gefühl der Zufriedenheit oder den Zustand der Ausgeglichenheit erreichen?

Partys mit Freunden können wir vermutlich zeitnah noch nicht wieder in Clubs, Discotheken und auf der Straße feiern – doch welches Gefühl und Bedürfnis steckt wirklich hinter dem Feiern gehen? Lebendigkeit zu empfinden? Wie können wir anderweitig während der Corona Wochen mehr Lebendigkeit in den Alltag integrieren? Sport treiben? Mit Freunden treffen? Sich einem längst vergessenen Hobby aus Kindertagen widmen?

Weitere Impulse zur Veränderung im „Bleibt-alles-anders“-Modus:

  • Warum nicht häufiger Ja zu Dingen sagen, die uns Freude bereiten – auch wenn sie mit Anstrengungen verbunden sind?
  • Warum nicht Ja sagen, obwohl wir noch so viel für die Arbeit zu tun haben? Wer weiß, ob die Versuchung wiederkehrt? Oder um es pessimistisch auszudrücken: „Der nächste Shutdown kommt bestimmt.“
  • Warum nicht mal länger machen, wo wir sonst früher aufhören? Noch die letzten vier „burpees“ im Training durchziehen? Länger verhandeln und gucken, ob nicht noch mehr geht.
  • Und warum nicht dort früher aufhören, wo wir sonst länger machen? Gequälter Small Talk mit Leuten, denen wir und die uns ohnehin nicht interessieren, früher aufhören zu putzen. Gut ist gut genug.

Im Newsletter von Bestsellerautor Lars Amend habe ich eine Frage gelesen, die mich beschäftigt: „Stell Dir vor, dass Du in 10 Jahren gefragt wirst, welche neuen Entscheidungen Du während Corona getroffen hast, um für Dein Umfeld und Dich eine bessere Zukunft vorzubereiten? Was wirst Du antworten?“

Viel Freude und Erfolg bei der Umsetzung!

 


Lena Wittneben schreibt hier regelmäßig für Capital.de. Sie ist systemischer Coach, Gedächtnistrainerin und Speakerin – mehr unter lena-wittneben.de Der wöchentliche Interview Podcast „There is a crack in everything…“ ist gratis auf ItunesSpotify oder ihrer Webseite abrufbar.