KolumneVier Lehren, die ein Perspektivwechsel bringt

Lena WittnebenMike Schaefer/PR

Wer andere verändern, oder sie durch Krisen oder beruflichen Wandel begleiten will, sollte bei sich selbst anfangen. Dafür ist es hilfreich. Regelmäßig die eigene Perspektive zu wechseln. Denn: Wer sich herausfordert ist besser darin, eigene Fähigkeiten einzuschätzen und sich selbst ein Ziel zu geben.

Für viele Menschen ist es schwer sich vorzustellen, was andere in ihrem beruflichen Alltag machen. Das Programm Seitenwechsel will das ändern und vermittelt seit über 20 Jahren bundesweit Führungskräfte aus der Wirtschaft für eine Woche als Praktikanten an soziale Einrichtungen. Ziel ist es, dass sie einen Einblick in den Alltag dieser Einrichtungen bekommen – und daraus für ihren eigenen lernen.

Bevor die Corona-Pandemie auch Deutschland eingeholt hat, habe ich im Februar 2020 eine Woche lang in einem Hamburger Hospiz arbeiten dürfen. Die Arbeit könnte kaum weiter von meinem normalen Alltag entfernt sein: Als Coach arbeite ich sonst mit meinen Kunden über Fragen und Methoden einen Perspektiv- und Seitenwechsel heraus. In verschiedenen Panels und Podcast-Interviews oder als Moderatorin, tauche ich immer wieder in andere Unternehmen, Arbeitswelten und Lebensmodelle ein.

Trotzdem: Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, muss ich sagen, dass ich mich seit Ewigkeiten nicht mehr aus meiner Komfortzone herausgewagt habe. Deshalb hatte ich mich im vergangenen Jahr für den Perspektivwechsel entschieden. Es kommt dabei weniger darauf an, wo dieser Seitenwechsel vollzogen wird, auch nicht so sehr, wie lang er ist – jeder, der mitmacht, hat die Möglichkeit, die eigene Filterbubble, den eigenen Dunst- und Wirkungskreis zu verlassen – und dadurch sein eigenes Potenzial neu zu entdecken.

#1 Konzentration aufs Wesentliche

Es ist eines dieser Märchen, die wir immer wieder (gerne) hören: Unser Gehirn liebt Multitasking. Es sei sogar dafür gemacht. Wichtig ist: Mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, ist Gift fürs Gehirn. Wer viele Sachen gleichzeitig macht, gerät vielleicht in einen Adrenalinrausch, der uns vorgaukelt, dass wir richtig on fire sind. Fakt ist aber: Die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Unser Gehirn liebt es, sich auf eine Sache zu fokussieren, das „Monotasking“.

Trotzdem daddeln wir während der Arbeit immer wieder am Handy, bei jeder Notification checken wir unsere Social-Media-Feeds, jede Mail lesen wir sofort. Ein Anruf? Klar, nehmen wir den an. Und unser Gehirn belohnt uns sogar noch dafür und schüttet Dopamin aus. Solange, bis dann nichts mehr geht.

Es ist wesentlich zielführender seine Arbeit in verschiedene Phasen einzuteilen: Während den „Deep Work“-Phasen sollten wir uns nicht stören lassen, Zeitmanagement-Taktiken wie die „Pomodoro-Technik“ helfen uns, unsere Workflows zu verbessern. Wichtig ist, dass wir uns darauf vorbereiten und uns fragen, warum wir uns in welchen Situationen ablenken lassen? Etwa bei Hunger, Langeweile, Müdigkeit oder Überforderung? Wer sich gut genug kennt, kann diese Störfaktoren schon im Vorfeld der Arbeit eliminieren und für gute Arbeitsbedingungen sorgen.

Das gilt auch, wenn man sich auf einen beruflichen Seitenwechsel einlassen will. Denn darauf muss man sich ebenso konzentrieren, wie auf den eigentlichen Job. Ich kann nicht ständig durch den Social-Feed scrollen, während ich im Hospiz das Essen verteile. Das ist respektlos den Menschen dort gegenüber. Das gilt auch für den Blick auf das Handy während eines Team-Meetings.

Doch was nützt es, wenn ich mich dafür entscheide, etwas Neues auszuprobieren und dann doch mit halben Hirn im Alltag festhänge? Nur wenn ich es mir erlaube, meine Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu bündeln und den aktuellen Ereignissen ihren den ihnen gebührenden Raum gebe, kann ich lernen, Zusammenhänge zu verstehen – und das mit der nötigen Effizienz, dem nötigen Respekt und der nötigen Wertschätzung.

Sich auf eine Sache zu fokussieren führt auch im Arbeitsalltag dazu, dass ich mich ohne Manschetten und Scheuklappen all in dem eigenen Tun und Handeln widmen und mich voll einlassen kann.

# 2 Kommunikation

„Communication is key“ ist eine dieser Floskeln, die man kaum noch hören kann. Aber sie ist wahr: Nur wenn wir direkt, klar und deutlich kommunizieren, erreichen wir die Menschen um uns herum. Damit schaffen wir Raum für Verständnis und Vertrauen bei unseren Mitmenschen. Wir erleben das ja gerade live – die Impfkampagne ist das Gegenteil von gelungener Kommunikation. Es mangelt an Verständnis und Vertrauen an allen Ecken und Enden.

Während meines Praktikums im Hospiz ist mir wieder bewusst geworden, wie wichtig es ist, klar und deutlich zu sagen, was Sache ist. Bei jedem Schichtwechsel und bei den Patientenübergaben haben sich die Kollegen untereinander sehr genau ausgetauscht. Bei den Gesprächen ging es um das Wohlbefinden und das Verhalten der Patienten. Aber auch um die Medikamentengabe und darüber, was die Hospizgäste in den letzten Dienststunden gegessen haben. Hier geht es um Detailwissen und darum, sich auch über vermeidlich Nebensächliches zu informieren. Denn auch das kann große Auswirkungen auf das Wohlergehen der Gäste haben. Was zählt sind: Volle Aufmerksamkeit, eindeutige Formulierungen, mehrmalige Rückfragen zum Verständnis. Ziemlich beeindruckend, finde ich.

Es mag ein ziemlich banaler Denkanstoß für unseren Alltag sein, aber sich immer wieder bewusst zu machen, Dinge konkret zu benennen, sich trauen nachzufragen, kann Wunder wirken.

#3 Pausen

Es klingt nach einer Binse und ist doch so wahr: Nur wenn wir uns erholen und Pausen machen, können wir mit voller Kraft arbeiten. So können wir dann auch für andere da sein. Gerät ein Flugzeug in Turbulenzen sollen sich die Passagiere auch zuerst selbst die Sauerstoffmasken aufsetzen, bevor sie anderen helfen.

Eine Pause muss nicht immer bedeuten, dass wir körperlich oder geistig ruhen, es geht dabei eher um einen Kontrast zu dem, was wir in der ersten Tageshälfte gemacht haben.

Wer den ganzen Tag vor dem Rechner sitzt, analytisch, logisch und strukturiert denkt, sollte in der Pause möglichst in Bewegung kommen und sich kognitiv leichte Kost gönnen – sei es ein kurzer Plausch mit Kollegen, ein Telefonat mit der besten Freundin oder ein Blick in die Lieblingszeitschrift. Hauptsache ist, wir unterbrechen kurzzeitig den „Online-Modus“ und aktivieren andere Bereiche in unserem Gehirn fernab von Logik, Struktur und Analyse.

Leben wir für kurze Zeit als Praktikanten in einem fachfremden Biotop, passen wir uns automatisch den vorgelebten Pausen an. Niemand würde auf die Idee kommen, in Eigenregie alleine weiterzuarbeiten und sich so über die vorgegebenen Strukturen hinwegzusetzen.

Wenn wir ungewohnte Tätigkeiten vollführen und in andere Rollen schlüpfen, werden wir oft schneller müde. Wir müssen viele neue Eindrücke und neues Wissen verarbeiten. Wir kennen die Handgriffe noch nicht, laufen unrund und haben keine Routine. Unser Akku sollte dabei nicht komplett leer sein, bevor wir ihn neu laden – vor allem in neuen Situationen. Aber: Warum machen wir das nicht auch in unserem gewohnten Arbeitsalltag?

#4 Anfängergeist und Untätigkeit aushalten

Profis fühlen sich oft hilflos, wenn sie aus dem Umfeld gerissen werden, in dem sie normalerweise arbeiten. Sie sind ihrer Experten-Rolle beraubt. Ein Seitenwechsel provoziert genau diese Situation: Gleichzeitig gibt er uns die Möglichkeit, uns in einen künstlichen Neuling-Status hineinzuversetzen. Aber warum sollten wir das machen? Ganz einfach: Weil wir daraus lernen können, dieses neue und fremde Gefühl auszuhalten und anzunehmen.

Im Praktikum erlebte ich täglich Momente, bei denen ich weder mitreden noch mitarbeiten konnte – ich war zu Untätigkeit und zum Beobachten verdammt. Denn natürlich durfte ich als Fachfremde keine Medikamente ausgeben. Also blieb mir nichts anderes übrig, als so lange zu warten, bis die Kolleginnen und Kollegen wieder Zeit hatten, mir etwas zu erklären oder ich bei anderen Aufgaben mithelfen durfte.

Es sind genau diese Situationen, in denen wir Neues lernen können. Wenn wir fachfremd sind und nicht qua Amt durch jahrelang gesammeltes Fachwissen glänzen können, haben wir die Chance, in einen Neulingsstatus zu gehen. Das macht uns aufmerksam, wissbegierig und lernbereit. Häufiger durch die Brille eines Anfängers zu schauen, lässt uns zudem mehr Verständnis für die Situation von Auszubildenden und jüngeren Kollegen aufbringen.

Wobei könnten Sie Ihren Aktionsradius verlassen und neue Erfahrungen gewinnen?

 


Lena Wittnebenschreibt hier regelmäßig für Capital.de. Sie ist systemische Coach, Gedächtnistrainerin, Autorin & Marketing Beraterin – mehr unter  lena-wittneben.de  Ihr Interview Podcast „There is a crack in everything…“ ist gratis auf  Itunes,  Spotify oder ihrer  Webseite  abrufbar.