KolumneAuf die mentale Gesundheit kommt es an

Lena Wittneben
Lena WittnebenPR

Die WHO hat den 10.Oktober zum „mental health day“ ausgerufen. Das diesjährige Motto lautet „do one thing for better mental health“. Ob depressive Erkrankungen, Angststörungen oder schwere seelische Belastungen: Die Zahlen von Arbeitsausfällen aufgrund psychischer Erkrankungen steigen. Frei nach dem römischen Dichter Juvenal: Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Gesundheit funktioniert nur ganzheitlich.

In den Filterblasen eines holistischen Lifestyles ist es normal, sich neben gesunder Ernährung, Sport und Persönlichkeitsentwicklung auch mit der mentalen Gesundheit zu beschäftigen. Entschleunigung und digital detox liegt im Trend. Branchenübergreifend gibt es mittlerweile in vielen Firmen und Konzernen Programme, um die mentale Gesundheit der Mitarbeiter z.B. mit Yoga-, oder Resilienz-Angeboten zu stärken.

Dennoch gilt vielerorts häufig Stress als Statussymbol für Erfolg und Anerkennung. Bei aller Akzeptanz für Coachings oder Meditation, werden psychische Krankheiten am Arbeitsplatz oder Therapien totgeschwiegen. Hinter vorgehaltener Hand werden Nasen gerümpft, wenn der seltsame Kollege „schon wieder krank ist“, die neue Azubi doch „einen an der Klatsche hat“ oder der Geschäftspartner „ohnehin nicht belastbar ist“.

Dabei ist es wichtig, dass depressive Erkrankungen, Sucht oder Erschöpfungszustände offen thematisiert und akzeptiert werden, wie der verstauchte Knöchel, Zahnschmerzen oder eine Blinddarmoperation. Der Zusammenhang zwischen körperlichen Erkrankungen und seelischen Ursachen muss anerkannt und bei der Behandlung berücksichtigt werden. Die klassischen Kreuzschmerzen können eben Ausdruck einer psychischen Belastung sein.

Ein einziger und erster Impuls gemäß des WHO-Motto „one thing for a better mental health“ ist es meiner Ansicht nach zuzuhören. Zunächst sich selbst zuzuhören und wahrzunehmen, vor allem in stressigen Zeiten: Was will und brauche ich wirklich im Moment? Ruhe, Schlaf, Gesellschaft, Anerkennung, Ablenkung Sinn, Spaß oder vielleicht Trost? Häufig stellt sich schnell eine erste Regung ein.

Sich um die eigenen Bedürfnisse zu kümmern, ist nicht per se egozentrisch, sondern die Voraussetzung, um sich um andere kümmern zu können. Denken wir an das Video mit den Sicherheitsvorkehrungen im Flugzeug, wo den Passagieren geraten wird sich zunächst selbst mit der Sauerstoffmaske auszustatten, um anschließend anderen helfen zu können.

Doch wie häufig überhören wir die innere Stimme, um weiter Leistung zu bringen und zur Gruppe der vermeintlichen „Performer“ dazuzugehören?

Mit sich selbst (wieder) in Kontakt zu kommen funktioniert nur, wenn es außen leise werden darf und wir uns Ruhe und Pausen erlauben. Innezuhalten, sich auf die Atmung zu konzentrieren und unsere einzelnen Sinne wahrzunehmen kann ein Anfang sein, um sich mit sich selbst zu verbinden.

Und sobald wir für uns selbst Sorge tragen, können wir uns ad hoc unseren Mitmenschen zuwenden und zuhören, wenn es ihnen augenscheinlich nicht so gut geht. Zuhören ist nicht zu verwechseln mit Rat-„schläge“ erteilen – oder mit der Zeitspanne, in der wir uns zurechtlegen, was wir als nächstes sagen wollen.

Es geht darum, uns offen auf den anderen einzulassen und zu versuchen uns in seine oder ihre Lage zu versetzen. Mein Gegenüber darf nicht im Geiste abgewertet werden, weil er oder sie ein „Problem“ mit einer Sache hat, die wir selbst möglicherweise für banal halten.

Zuhören, wahrnehmen und vertraulich proaktive Hilfe holen und anbieten, wenn wir den Eindruck haben, dass unsere Kollegin, Freund, Partnerin oder Bruder eben (noch) nicht (wieder) mental gesund sind. Die vielzitierte Entstigmatisierung psychischer Krankheiten beginnt (für mich) mit Zuhören!

„Do one thing for a better mental health” kann gleichsam bedeuten häufiger „nein“ zu sagen oder für Offline-Zeiten zu sorgen.

Was bedeutet das Motto für Sie?


Lena Wittneben schreibt hier regelmäßig für Capital.de. Sie ist systemischer Coach, Gedächtnistrainerin und Speakerin – mehr unter lena-wittneben.de Der wöchentliche Interview Podcast „There is a crack in everything…“ ist gratis auf ItunesSpotify oder ihrer Webseite abrufbar.