Kolumne6 Impulse für ein Ja zum Nein

Lena Wittneben
Lena WittnebenPR

Kommen wir fortlaufend den Bitten anderer nach, ohne Rücksicht auf die eigenen Bedürfnisse zu nehmen, laufen wir Gefahr unserer Gesundheit zu schaden und uns Überlastung frei Haus zu holen. Die Gründe für ein Ja, obwohl wir nein meinen, sind zahlreich: Angst vor Ablehnung, negativen Konsequenzen und Gesichtsverlust. Oder die Angst etwas zu verpassen, lässt uns oft schneller nicken als wir nein sagen können. Doch ein höfliches und ebenso bestimmtes NEIN wirkt nicht nur wahre Wunder für unsere Gesundheit, sondern auch für die Eliminierung von Zeitfressern und Nebenkriegsschauplätzen, die daran hindern, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren können.

Innehalten und Bedenkzeit

Wann sagen wir ja, obwohl wir eigentlich nein meinen? Wer sich der eigenen „Gewehr bei Fuß“-Themen bewusst ist, hält vor einer Antwort zunächst inne. Häufig stellt sich ohnehin schnell ein gutes oder „ungutes“ Gefühl in der Magengegend ein. Wer auf die inneren Stimmen und ihr/sein Bauchgefühl hört, kann sich leicht zu einem entschiedenen Ja oder Nein bekennen.

Meistens müssen wir auch nicht sofort antworten und können uns Bedenkzeit erbeten. Wenn der Sportkumpel einen Ausflug am Wochenende im Camper vorschlägt, Sie jedoch eher zum City-Trip mit Vorliebe für Vier-Sterne-Hotels tendieren, ist es sinnvoll, die Idee erst mal sacken zu lassen, um sich später mit einer klaren Zu- oder Absage bei ihm zu melden.

Und ergänzend können wir ein Nein – wenn wir es denn auch so meinen – zeitlich befristen. Mit einem freundlichen Feedback an die Kollegin, dass wir diese Woche keine Lücke haben, um ihr bei der Erstellung der Präsentation zu helfen, aber zum Ende der kommenden Woche wieder Freiraum da ist.

Auch ein Nein ist wie ein Muskel, der trainiert werden will. Wer sich langsam heranwagen will, probiert ein Nein zunächst bei harmlosen Fragen und Bitten aus. Sie werden entdecken, dass es Ihnen fortlaufend leichter gelingt, die vier Buchstaben über die Lippen zu bringen.

Eitelkeit & Manipulation die Stirn bieten

Wir müssen nicht immer der- oder diejenige Kollege/in sein, der oder die jeden Wunsch und jede Bitte vom Schreibtisch schräg gegenüber, ohne mit der Wimper zu zucken mit einem Ja quittiert. Nur weil wir bisher unter dem Label Powerfrau oder „Terminator“ liefen oder laufen wollten, müssen wir unseren inneren Antreibern und unserem Perfektionismus nicht fortlaufend neues Futter liefern.

Bei der Angst vor Ablehnung, wenn wir einer Bitte nicht nachkommen wollen, ist es hilfreich sich zu erinnern, wie oft wir selbst ein Nein von unseren Mitmenschen kassieren und wir vermutlich nicht gleich am Boden zerstört waren. Was befürchten wir schlimmstenfalls bei einer Absage? Eines ist sicher: Auch nach einem erneuten Nein wird uns der oder die Kollegin, mit denen wir ohnehin gern zusammenarbeiten, auch weiterhin mögen.

Verschwörerisch-manipulativen Komplimenten, die an unsere Eitelkeit appellieren, können wir mit einem Augenzwinkern begegnen. Wenn uns eine Kollegin die Organisation der Weihnachtsfeier erneut aufs Auge drücken will, weil wir „doch immer die coolsten Partys kreieren“, können wir mit einem „Nein zum Festkomitee“ mangels Zeit antworten und uns für das Lob bedanken.

Rollencheck & Alternativen

Mit liebgewonnenen Kollegen/innen oder gar „Frollegen“ können wir leicht in einen Rollenkonflikt zu Ungunsten eines Nein geraten. Hierbei ist es zielführend die Rolle des Freundes und Arbeitskollegen voneinander zu trennen. Meist fällt uns dann auch eine Antwort leichter: „Du weißt, dass ich Dich „privat“ immer so gut es geht unterstütze. Ich würde Dir als Dein Freund wirklich gern helfen. Hier bei der Arbeit bin ich jedoch in derselben Situation wie Du: Bitte finde eine andere Lösung.“

So heikel und unangenehm solche Situationen auch sind: Wichtig ist, sich und dem Gegenüber vor Augen zu führen, dass ein Nein zur Anfrage keine Aufkündigung der freundschaftlichen Beziehung bedeutet.

Außerdem ist es hilfreich, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, wenn Sie Verständnis zeigen und Alternativen anbieten: „Ich kann nachvollziehen, dass Du dringend Unterstützung bei dieser Anfrage benötigst. Ich habe leider keine Kapazitäten mehr frei, bitte frage mal in Gunnars Team, die sollten ab morgen wieder mehr Spielraum haben“.

Lässigkeit & klare Sprache

Zumeist läuft vor einem Nein in unserem Kopfkino ein viel größeres Drama ab, als uns die Wirklichkeit jemals bescheren würde: Wer ein Nein locker, selbstverständlich, ohne Rechtfertigung und ellenlangen Erklärungen undramatisch ausspricht, transportiert diese Haltung häufig auch auf den Bittsteller. „Nein, das passt gerade nicht“, reicht oftmals aus, um Diskussionen im Vorweg den Garaus zu machen. Gepaart mit einem offenen, freundlichen Blick ohne „Kratzfüße“, bleibt kein Zweifel an Ihrem Nein.

Nutzen Sie zudem eine klare Sprache, ohne weichzeichnende Konjunktive oder einschränkende Worte wie „vielleicht“ oder „eigentlich“. Beim Empfänger kann sonst leise Hoffnung aufflammen oder ein Fragezeigen anstelle einer klaren Absage entstehen.

Perspektivencheck

So zielführend Hilfsbereitschaft, innere Klausur, Reflexion und Perspektivwechsel in jedweden anderen Lebensbereichen auch ist: Wir müssen uns nicht jeden Schuh anziehen und uns fremde Probleme zu eigen machen. Ihr „Do it yourself“ begeisterter Nachbar kommt trotz des von Ihnen geliehenen Werkzeugs beim Aufbau des Wandschranks nicht weiter und bittet Sie knapp vor Ihrem Dinner-Abend um Hilfe? Wer hat ein Problem? Der Nachbar. Und wer muss das Problem folglich lösen? Der Nachbar, nicht Sie.

Werte prüfen

Wenn wir uns für ein Nein entscheiden, bekennen wir uns gleichsam mit einem Ja zur Alternative. Und ebenso entscheiden wir uns für jede Situation, die wir mit einem ungewollten und halbherzigen Ja herbeiführen. Zählt eine Ja-Antwort auf Ihre Werte und Ziele ein oder torpedieren Sie damit Ihre wichtigsten Wünsche und Vorhaben?

Fürs innerseelische Gleichgewicht und Wohlbefinden fragen Sie sich, was wirklich für Sie zählt: Sollte Ihnen ein entspannter Feierabend mit der Familie das höchste Gut bedeuten, sollten Sie sich fragen, ob Sie nach Arbeitsschluss die E-Mails von nicht-zeitkritischen Kunden beantworten müssen oder ob ein „Nein“ zum digitalen Dauerrausch nicht werteaffiner ist.

 


Lena Wittneben schreibt hier regelmäßig für Capital.de. Sie ist systemischer Coach, Gedächtnistrainerin und Speakerin – mehr unter lena-wittneben.de Der wöchentliche Interview Podcast „There is a crack in everything…“ ist gratis auf ItunesSpotify oder ihrer Webseite abrufbar.