Gleichberechtigung „Den vermeintlich selbstbewussten Gründern ging der Mut verloren“

Florian Nöll gehörte 2012 zu den Gründern des Start-up-Bundesverbands
Florian Nöll gehörte 2012 zu den Gründern des Start-up-Bundesverbands
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„Christian“ ist der neue „Thomas“: Die Allbright-Stiftung hat 40 männliche Start-up-Manager zu einem Dinner eingeladen – doch keiner kam. Stiftungsrat Florian Nöll über die Hintergründe
Florian Nöll ist Head of Innovation & Corporate Development bei PwC Deutschland und Mitglied im Allbright-Stiftungsrat. Bis 2019 war er Vorsitzender des Bundesverbands Deutsche Startups.

Sie haben mit der Allbright-Stiftung 40 Männer mit dem Vornamen „Christian“ aus den Führungsetagen von Start-ups zu einem Dinner eingeladen, um mit Ihnen über das Thema Geschlechtergerechtigkeit zu diskutieren. Warum gerade Christians?

„Christian“ ist der neue „Thomas“. 2017 hat die Allbright-Stiftung eine Studie veröffentlicht, die besagt, dass in den Vorständen der börsennotierten Unternehmen in Deutschland mehr Männer sitzen, die Thomas oder Michael heißen, als Frauen. Letztes Jahr hat sich die Stiftung die Börsenneulinge angeschaut – also die Unternehmen, die in den letzten 15 Jahren an die Börse gegangen sind, darunter auch einige Start-ups. Das Ergebnis: Hier gibt es noch weniger Gleichberechtigung und es dominiert ein neuer Management-Typ. Er heißt Christian statt Thomas, er trägt ein hellblaues Hemd statt Schlips und hat nicht promoviert, aber gegründet. Mit dieser neuen Generation wollten wir ins Gespräch kommen.

Dafür haben Sie zu einem Dinner eingeladen. Wie kam die Idee dazu?

Die Allbright-Stiftung hat 2019 zum ersten Mal zu einem „Thomas-Treffen“ eingeladen, um sich mit dieser Manager-Generation auszutauschen. Wir hatten ein sehr augenöffnendes Dinner im Kreis von Vorständen namens Thomas oder auch Michael. Die Stiftung versteht es als ihr Ziel, gerade auch Männer in Führungsverantwortung für ihre Rolle in Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit und Diversity zu sensibilisieren. Als die Studie dann ergab, dass das Problem offenbar im Feld der Start-ups noch größer ist, obwohl man gerade hier moderne, innovative Strukturen erwartet, entstand die Idee, direkt mit den „Christians“ – also den Geschäftsführern der führenden Start-ups, zu sprechen.

Das Dinner fand vor Kurzem statt, allerdings ohne „Christians“ – von den 40 eingeladenen kam kein einziger. Was war ihre erste Reaktion darauf?

Wir wollten mit den Christians die These besprechen, dass wir ein Problem haben. Diese These haben sie im Grunde bestätigt – auch ohne, dass wir uns getroffen haben. Natürlich gab es eine gewisse Bedrücktheit. Aber wir sehen das auch als großes Signal: Wir müssen hier aktiv werden und jetzt umso mehr mit der neuen Manager-Generation in den Dialog treten.

Wie hat die Abwesenheit der „Christians“ die Debatte des Abends bestimmt?

Wir hatten trotz allem einen tollen Abend mit wirklich herausragenden Gründerinnen und Unternehmerinnen, haben also das Ziel, Frauen zu stärken, trotzdem erreicht. Und es gibt ja zum Glück auch Männer, die sich als Teil der Lösung sehen. Thomas Schmidt, der CEO von Haniel, war zum Beispiel dabei – eigentlich, um der neuen Generation die Leviten zu lesen. Wir haben versucht, zuzuhören und herauszufinden, warum wir jetzt die einzigen Männer im Raum sind – und warum fast alle eingeladenen Frauen zugesagt und alle eingeladenen Männer abgesagt oder sich nicht gemeldet haben.

Und zu welchem Schluss sind sie gekommen?

Ich denke, es gibt einen Mangel an Sensibilität dafür, dass es da überhaupt ein Problem gibt. Es gibt eine andere Prioritätensetzung in den Unternehmen: Sie sind auf Wachstum ausgerichtet und stehen dabei als private, nicht börsennotierte Unternehmen unter keiner besonderen öffentlichen Beobachtung. Wenn Investoren keinen Wert auf Geschlechtergerechtigkeit legen, dann gibt es kaum Druck, da etwas zu tun, es fehlt also die intrinsische Motivation. Es gab aber auch einen Christian, der gesagt hat, dass er sich unwohl dabei fühlt, das zum Thema zu machen. In seinem Start-up gibt es nur männliche Gründer und er schafft es nicht, Frauen auf Führungspositionen zu rekrutieren. Dabei wäre genau er unsere Zielgruppe gewesen. Aber man hatte kurz den Eindruck, den vermeintlich immer selbstbewussten, mutigen Gründern ging bei diesem Thema ein bisschen der Mut verloren.

Sie haben angesprochen, dass es mit der „Thomas“-Generation durchaus Treffen gab. Wie kommt es, dass diese Generation bereit zum Dialog war, die „Christians“ aber nicht?

Bei den börsennotierten Firmen ist der öffentliche Druck größer als bei den Start-ups. Die Allbright-Stiftung verschickt seit einigen Jahren auch rote Listen mit Unternehmen, in deren Vorständen oder Aufsichtsräten keine oder zu wenige Frauen sitzen. Das ein oder andere Unternehmen hat sogar schon einen Shitstorm erlebt, wenn öffentlich wurde, dass die Zielgröße für Frauen im Vorstand bei null lag. Etablierte Unternehmen werden daran gemessen, wie divers sie aufgestellt sind. Dieser Druck fehlt bei Start-ups bislang.

Wie lässt sich dieses Bewusstsein erzeugen?

Wir wollen noch einmal den Dialog suchen, wir werden erneut einladen. Die Frauen, die dieses Mal anwesend waren, haben versprochen, beim nächsten Mal einen „Christian“ mitzubringen. Aber das ist natürlich nur ein Anfang. Wichtig ist, dass sich die Gesellschafter ihrer Verantwortung bewusst werden müssen und damit auch die Wagniskapital-Branche, die sehr viel Geld in Start-ups investiert. Auch dort gibt es übrigens noch zu wenig Frauen. Genauso wie Aktionäre die Vorstände börsennotierter Unternehmen in die Pflicht nehmen, sehe ich ganz klar die Verantwortung bei Investoren, Einfluss zu nehmen auf die überwiegend männlichen Gründer. Ein Wandel bei den Start-ups kann auch ein Stück weit aus Egoismus erfolgen: Zahlreiche Studien zeigen, wie positiv der Einfluss von gemischt besetzten Führungsteams auf den Unternehmenserfolg ist.

Sie haben angesprochen, dass die „Christian-Generation“ auch Teil der Lösung werden kann. Wie kann das funktionieren?

Das fängt schon bei der Gründung an. Im Moment sind 82 Prozent der Gründer und Gründerinnen Männer – es ist also logisch, dass sich dann einfacher weitere Männer finden, mit denen man gemeinsam gründen kann. Gleich und gleich gesellt sich eben gern. Aber das Zusammenfinden ist ja ein längerer Prozess und man ist als Gründer durchaus in der Lage, darauf zu achten, wie man das Team zusammensetzt. Ein anderer Punkt sind zum Beispiel Stellenausschreibungen: Wie formuliert man sie so, dass sich Frauen angesprochen fühlen? Es gibt zum Beispiel Positivbeispiele, bei denen alle Stellen in Teilzeit ausgeschrieben werden. Das Signal ist: Wir sind ein Arbeitgeber, der Vereinbarkeit in allen Führungsebenen ermöglicht.

Auf LinkedIn haben Sie von dem „Christian-Dinner“ erzählt, und davon, dass keiner der eingeladenen „Christians“ gekommen ist. Welche Reaktionen haben Sie darauf bekommen?

Überwiegend habe ich Rückmeldungen von Frauen bekommen, aber auch von ein paar Gründern aus der „Christian-Generation“, die gesagt haben, dass sie beim nächsten Treffen gerne dabei wären. Das ist wichtig, denn es geht nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen, sondern darum, miteinander zu sprechen. Es steht oft gar kein Vorsatz im Raum. Oft reicht ein Mangel an Sensibilität für das Thema schon aus, um der eigenen Verantwortung nicht gerecht zu werden. Auch bei der Diskussion um eine Frauenquote gab es vor allem Männer, die der Meinung waren, das brauche man alles nicht, die sich nicht vorstellen konnten, dass ihr Handeln auf andere wirkt und die Karrierewege von Männern, aber vor allem auch von Frauen, beeinflussen kann. Wir wollen nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Ich glaube, wir haben jetzt ein gutes Argument gesammelt, warum es wichtig ist, beim nächsten Mal mehr „Christians“ am Tisch zu haben.

Im Herbst wollen sie noch einmal zu einem „Christian-Dinner“ einladen. Wie wollen Sie die „Christians“ dieses Mal dazu bewegen, teilzunehmen?

Uns allen ist klar, dass das Thema ein Marathonlauf ist. Die Zahl der Vorständinnen in den börsennotierten Firmen hat sich immerhin verdoppelt, die Entwicklung geht also in die richtige Richtung. Ich bin deswegen fest davon überzeugt, dass wir mit ein bisschen Ausdauer auch die Start-ups in Sachen Diversität weiterentwickeln können. Für unser Dinner werden wir es den „Christians“ etwas einfacher machen, die Einladung also noch früher verschicken. Und wir werden etwas mehr nerven und ein paar persönliche Erinnerungen mehr rausschicken als beim ersten Mal.

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