Frauenquote Familienunternehmen pflegen das Patriarchat

Eine Frau auf dem Chefsessel ist in Deutschland immer noch eine Seltenheit
Eine Frau auf dem Chefsessel ist in Deutschland immer noch eine Seltenheit
© Getty Images
Große Firmen in Familienbesitz weigern sich beharrlich, Frauen in die Führungsriege zu holen. In den vergangenen zwei Jahren ist kaum eine Topmanagerin in die Geschäftsführung berufen worden. Eine Studie zeigt, wer damit zum Bremsklotz der deutschen Wirtschaft wird

Gleichberechtigung und Vielfalt gehört nicht zu den Prioritäten der großen deutschen Familienunternehmen. Zu diesem Schluss kommt die deutsch-schwedische Allbright Stiftung in ihrem neuen Frühjahrsbericht. In den Geschäftsführungen der 100 umsatzstärksten deutschen Familienunternehmen finden sich nur 8,3 Prozent Frauen. Das ist knapp halb so viel wie bei den großen börsennotierten Konzernen. Die 160 Unternehmen im Dax, MDax und SDax kommen derzeit auf einen Frauenanteil von 14,3 Prozent.

Auch das ist im internationalen Vergleich schon eine bescheidene Quote. Aber auf massiven öffentlichen und gesetzlichen Druck hin, ist in diesem Segment Bewegung reingekommen: die börsennotierten Unternehmen haben in den vergangenen zwei Jahren deutlich mehr Frauen rekrutiert als in den Vorjahren. Währenddessen verharren die Führungsstrukturen in Familienunternehmen in alten Mustern. Seit 2020 ist dort der Anteil von Frauen im Topmanagement nur um 1,3 Prozentpunkte gestiegen.

Wer hat schon eine Frau in der Geschäftsführung.... ?
Wer hat schon eine Frau in der Geschäftsführung.... ?
© Allbright Stiftung

„Die spezifischen Veränderungsperspektiven von Frauen in Führungspositionen“ seien wichtig damit die umfassenden Transformationsprozesse in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft gelingen, pflichtet Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck in einem Schlusswort zur Studie bei. Sein Ministerium werde die bestehenden Ungleichgewichte auch in anderen Teilen der Wirtschaft angehen, etwa in kleineren Unternehmen, Start-ups, im Mittelstand und Handwerk.

Die vom schwerreichen schwedischen Fondsmanager Sven Hagström ins Leben gerufene gemeinnützige Allbright Stiftung setzt sich für mehr Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaft ein. Sie nutzen ein einfaches Mittel: Sie zählen die Frauen und Männer im Management durch, listen die Ergebnisse auf und machen sie namentlich publik. Als Ziel formuliert die in Stockholm und Berlin firmierende Stiftung: „Gleiche Karrierechancen für Männer und Frauen und bessere Unternehmensresultate durch gemischte, moderne Führungsteams.“

Der öffentliche Pranger zeigt bei den börsennotierten Konzernen langsam Wirkung. Denn Investoren, Mitarbeiter, Bewerber und Kunden sind zunehmend sensibilisiert für gleichberechtigte Führungsstrukturen. Die Familienunternehmen waren dagegen bislang eher unter dem Radar. Obwohl dazu prominente Vertreter wie Aldi, Bosch, Deichmann, Miele oder Rossmann mit Milliarden-Umsätzen, zehntausenden Mitarbeitern und starken Marken zählen. Hinzu kommen viele international tätige Hidden Champions, die den Erfolg und das Ansehen der deutschen Wirtschaft prägen.

... und wer hat noch keine Frau in der Geschäftsführung?
... und wer hat noch keine Frau in der Geschäftsführung?
© Allbright Stiftung

„Es ist eine Stärke der Familienunternehmen, dass sie in Generationen denken und nicht in Quartalen. Gerade deshalb sollten sie Diversität und Chancengleichheit nicht als Zeitgeistthema unterschätzen“, schreiben die Geschäftsführer der Allbright Stiftung Wiebke Ankersen und Christian Berg. „Diversität zieht Top-Talente an, ein veraltetes Führungsverständnis tut es nicht.“ Die Familienunternehmen riskierten, in der Konkurrenz um die besten Köpfe zu Arbeitgebern zweiter Wahl zu werden.

Systematisch erfasst hat die Allbright Stiftung die Zusammensetzung in den Führungsorganen der Familienunternehmen erstmals vor zwei Jahren. Der Vergleich zeigt nun: von Modernisierung der Führungsstrukturen ist kaum etwas zu sehen, vereinzelt gibt es Rückschritte.  

Einige Ergebnisse aus dem Gleichstellungsindex der 100 umsatzstärksten deutschen Familienunternehmen (Stand: März 2022):  

  • in den Geschäftsführungen sind 408 Männer und 37 Frauen vertreten
  • das entspricht einem Frauenanteil von 8,3 Prozent (2020: 7 Prozent)  
  • 68 Firmen, also mehr als zwei Drittel, haben keine einzige Frau in der Geschäftsführung
  • 32 Firmen, also weniger als ein Drittel, haben wenigstens eine Frau in der Geschäftsführung  
  • 5 Unternehmen haben Frauen in der Geschäftsführung durch Männer ersetzt und sind zu rein männlichen Gremien zurückgekehrt: Benteler, Schwarz-Gruppe, Exyte, Theo Müller und Globus
  • 14 Unternehmen haben selbst in ihren außerordentlich großen Geschäftsführungsteams von sechs bis 10 Personen nur Männer vertreten. Spitzenreiter ist Fressnapf mit 10 Männern in der Geschäftsführung, gefolgt von der Schwarz Gruppe (9), Diehl (8), Kühne + Nagel (8)
  • 70 der 100 Unternehmen, die vollständig in Familienbesitz sind, kommen auf eine Frauenquote von 4,8 Prozent 
  • 19 der 100 Unternehmen, die an der Frankfurter Börse notiert sind und bei denen die Familie einen signifikanten Anteil der Aktien hält (z.B. BMW, Continental oder Henkel) kommt hingegen auf einen Frauenanteil von 16,4 Prozent
  • in 27 der 100 Unternehmen steht ein männlicher Familienvertreter an der Spitze der Geschäftsführung und in zwei Unternehmen ein weiblichen CEO aus der Familie: Anna Maria Braun bei B. Braun Melsungenund Nicola Leibinger-Kammüller bei Trumpf

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