GastbeitragDiese drei Lehren sollten wir aus der Wirecard-Pleite ziehen

Im Fall Wirecard haben viele Akteure versagtimago images / Christian Ohde

Man kann den Skandal um Wirecard aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Da sind die knapp 2 Mrd. Euro, die anscheinend nie existiert haben. Da ist die Finanzaufsicht Bafin, die kläglich versagt hat – genau wie die Wirtschaftsprüfer, denen die Dollarzeichen des fetten Auftrags womöglich die Augen verschlossen. Oder die Politik, die der Fintech-Hoffnung aus Deutschland applaudierte und für das Unternehmen in China lobbyierte.

Aber Wirecard stellt auch die altbekannte Frage nach Moral in der Wirtschaft. Und Wirecard präsentiert einen Blumenstrauß an moralischen Fragwürdigkeiten, die einen ganzen Monat „Anne Will“ füllen könnten. Eine Auswahl:

  • Begonnen hat Wirecard seine Karriere als Zahlungsdienstleister für Glücksspiel- und Pornoanbieter. Das Halbseidene, das Zwielichtige begleitet Wirecard seit seiner Gründung. Auch wenn man versucht, diese Vergangenheit abzuschütteln: Bekommt man sowas wirklich wieder aus seiner „Firmen-DNA“? Ich bin da skeptisch.
  • Was haben eigentlich die Prüfer von EY die ganzen Jahre gemacht? Hat man sie narkotisiert und Ihnen einmal jährlich im Sedativa-Dunst eine Unterschrift abgerungen? Auch hier scheint Verhalten eine Funktion der Moral. EY wollte einfach das fette Mandat nicht verlieren und hat unter Umständen mehr als beide Augen zugedrückt.
  • Was für eine kriminelle Energie muss eigentlich dahinterstecken, wenn die nun verhafteten Vorstände offenbar bereits seit 2015 (!) „gewerbsmäßigen Bandenbetrug“ verübten, indem sie Unterlagen und Bilanzen fälschten, um das Ergebnis aufzupumpen und einen auf dicke Hose zu machen? Der Schaden könnte sich laut Münchener Staatsanwaltschaft auf mehr als 3 Mrd. Euro belaufen.

Wirecard ist auf gutem Weg, zum schlimmsten Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte zu werden. Aber abseits der Schlagzeilen, der riesigen Schadenssummen und der globalen Betrugsmasche sollten wir alle aus dem Fall Wirecard drei Lehren ziehen:

#1 Belohnen wir solides Wirtschaften

Allzu oft dominieren in der Wirtschaft die Großsprecher, die Schaumschläger, die Performance Faker. Machen wir uns die Mühe, hinter die Kulisse unseres (Geschäfts-)Partners zu schauen – auch wenn sie manchmal nicht glitzernd und hip daherkommt. Jeder Unternehmer weiß: Substanz entscheidet – nicht Fassade. Sorgen wir dafür, dass sich dieses Prinzip noch mehr durchsetzt.

#2 Hören wir den Mahnern zu

Im Fall Wirecard gab es durchaus Journalisten und Whistleblower, die Alarm schlugen und deshalb diffamiert, verklagt und bedroht wurden; einige haben einen hohen persönlichen Preis dafür bezahlt. Sie stören das shiny business und werden als Nestbeschmutzer wahrgenommen. Das ist nicht nur unmoralisch. Es zerstört auch das wichtige Korrektiv einer investigativen Presse und untergräbt letztlich das moralische Fundament der Wirtschaft.

#3 Seien wir selbst ehrbare Kaufleute

Der Spruch „The business of business is business“ ist meiner Meinung nach veraltet und ungültig. Wirtschaft ist Teil der Gesellschaft und hat somit auch eine soziale Verantwortung. Das Prinzip des ehrbaren Kaufmanns ist immer noch aktuell. Wenn wir Unternehmer uns morgens im Spiegel anschauen und unserem hoffentlich intakten moralischem Kompass folgen, leisten wir damit einen Beitrag, damit sich Fälle wie Wirecard möglichst nicht wiederholen.

 


Markus Väth ist einer der profiliertesten New-Work-Coaches im deutschsprachigen Raum und seit mehr als zwölf Jahren in den Themen New Work, Management und Führung tätig. Darüber hinaus hat er mehrere Sachbücher im Bereich Psychologie und Management verfasst und ist Co-Founder eines Think Tanks zur Zukunft der Arbeit.