EZB6 wichtige Fragen zur Geldpolitik der EZB

Die EZB in Frankfurt.Bild von Bruno /Germany auf Pixabay


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: EZB-Geldpolitik – mit Redakteurin Nadine Oberhuber, die bei Capital für die Themen Geldanlage, Immobilien und Versicherungen zuständig ist.


Trägt die EZB die Hauptverantwortung für die Niedrigzinsen?

Sie trägt einen großen Anteil daran, weil sie als Notenbank die Leitzinsen festsetzt. Und sie hat sie seit Jahren nicht mehr angehoben, sondern immer weiter abgesenkt – auf null Prozent derzeit. Seit 2014. Aber die Europäische Zentralbank ist nicht alleine dafür verantwortlich, dass die Zinsen auf einem Rekord-Niedrigniveau verharren. Ein weiterer wichtiger Grund liegt darin, dass das Geldangebot so groß ist und zwar weltweit. Oder, wie Ex-US-Notenbankchef Ben Bernanke es schon 2005 formulierte: Wir erleben eine „globale Sparschwemme“. Denn Investoren und Sparer stellen Unmengen von Kapital bereit und wollen es angelegt wissen. Vor allem in sicheren Geldanlagen. Die Unternehmen auf der Nachfrageseite dagegen investieren zu wenig und die Staaten verschulden sich weniger als zuvor. Deshalb ist das Verhältnis von Geldangebot und Nachfrage verrutscht: Das Angebot steigt, die Nachfrage zieht aber nicht mit. Das lässt den Preis des Geldes sinken, also die Verzinsung für die Investoren. Vor allem bei den Anleihen merkt man das derzeit stark.

Seit Oktober 2019 ist Christine Lagarde die neue EZB-Chefin. Ihr Vorgänger Mario Draghi hat den Kurs mit niedrigen Leitzinsen konsequent verfolgt. Wird sich die Politik der EZB nun ändern?

An diesen Kurswechsel glauben die allerwenigsten Volkswirte derzeit. Nur sechs Prozent von ihnen, um genau zu sein, sagt eine Reuters-Umfrage. Christine Lagarde selbst hat sich bereits dazu geäußert und stattdessen gefordert, die Staaten müssten den Spielraum besser nutzen, den ihnen die Niedrigzinsen bieten. Sie müssten sich eben stärker verschulden und in ihre Wirtschaften investieren. Höhere Ausgaben also statt einer geringeren Geldmenge. Sie werde aber das Jahr 2020 dazu nutzen, mit Notenbankkollegen, Wissenschaftlern, EU-Parlament und der Gesellschaft über die neue Strategie der EZB zu diskutieren. Und sie will Kompromisse finden, sagt sie. Welche auch immer das am Ende sein werden. Mit einer Anhebung der Leitzinsen jedenfalls rechnen Beobachter nicht vor Ende 2021. Die Mehrheit rechnet auch nicht damit, dass die Zentralbank ihr jüngstes Anleihenkaufprogramm schon bald wieder aufgibt. Frühestens in zwei bis fünf Jahren könnte das der Fall sein.

Inflation gering, weil Löhne nicht wachsen

Die EZB hat sich zum Ziel gesetzt, die Inflationsrate bei „unter, aber nahe zwei Prozent“ zu halten. Aber sie verfehlt dieses Ziel konsequent, wieso?

Wenn klar wäre, warum die Zentralbank es nicht schafft, trotz der Flutung der Märkte mit Geld die Inflation wieder anspringen zu lassen, dann hätte sie dieses Problem vermutlich nicht. Das Zwei-Prozent-Ziel setzte sie sich in früheren Jahren, als zwei Prozent Inflation in ihren Augen stabile Preise garantierten. Damals kam die Welt aus der Hochzinsphase der 90er-Jahre, da lagen die Leitzinsen anfangs noch bei 8 Prozent und die Inflation bei 5 Prozent. Heute liegt die Inflationsrate bei gut einem Prozent (zuletzt 1,3) und das Wirtschaftswachstum kam zuletzt auch bloß auf 1,25 Prozent. Grundsätzlich fällt die Inflation so gering aus, weil auch die Löhne nicht wachsen. Woran das liegt, fragen sich sehr viele Ökonomen.

Zudem führt der technologische Fortschritt dazu, dass viele Produkte billiger hergestellt werden, deshalb ziehen auch die Preise nicht so stark an. Insgesamt fällt auf, dass die Notenbankpolitik nicht mehr wirkt, zumindest stimuliert sie die Wirtschaft nicht mehr im selben Maße wie früher. Sondern sie wirkt eigentlich nur noch auf dem Finanzmarkt, wo sie die Preise von immer mehr Anlageklassen aufbläht.