Capital erklärtWie sich die Filmbranche während Corona über Wasser hält

Mehr als zwei Monate sind Kinos jetzt schon leer. Ob sie überhaupt wieder aufsperren, ist bei Einigen unklar.Felix Mooneeram from Unsplash


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: die Filmbranche– mit Redakteur Lutz Meier, Branchenexperte bei Capital.


Welche Produktionen sind von Drehstopp betroffen?

Soweit ich weiß gibt es kaum mehr Produktionen, die weiterlaufen. Die gesamte Kino und Fernsehproduktion steht weitgehend still. Es gibt einige Ausnahmen die heute wieder produzieren, zum Beispiel „Rote Rosen“, eine ARD Vorabendserie. Dort wird unter Wahrung der Hygieneregeln gedreht, da es bei einer täglichen Serie enormen Druck gibt, neue Folgen zu produzieren. Beim Dreh gibt es einige Veränderungen: Mundschutz muss immer, außer vor laufender Kamera, getragen werden, Filmküsse gibt es nicht mehr. Erwürgt wird auch niemand sondern erschossen, das kann man auch auf Distanz.

Werden wir im Herbst keine neuen Produktionen sehen können?

Bei Filmen ist eher das Gegenteil der Fall. Es wird es zu einem immensen Stau von Filmen kommen, die produziert und fertiggestellt worden sind und die Mühe haben werden, überhaupt zum Zuschauer zu kommen. Alles was jetzt gestartet werden sollte, muss sich auf den Herbstplatz drängeln. Da warten aber schon viele andere Filme, die ihren Start da geplant haben. Im Herbst und Winter wird es ein wahnsinniges Überangebot geben – und viele Filme, die einfach verschwinden, ohne dass sie überhaupt eine Chance bekommen, ein Publikum zu finden.

Gibt es Filme, die jetzt gestreamt werden anstatt wie geplant auf der Kinoleinwand gezeigt?

Auch bei Streamingdiensten wird man das Fehlen von neuen Produktionen im nächsten Jahr merken. Es gibt aber bereits jetzt den Ansatz von Produzenten, dem Stau, den es bei Filmen gibt, die für das Kino gedreht wurden, zu entkommen, indem dsie diese Filme Streaminganbietern verkaufen. Das heißt, Netflix könnte verstärkt Filme einkaufen, die es nicht mehr ins Kino schaffen. Deutsche und andere europäische Filme brauchen aber eigentlich zwingend einen Kinostart, wenn sie eine Filmförderung bekommen haben. Diese ist immer zwingend an einen Kinostart geknüpft. Es kann sein, dass man die Regeln da ein wenig aufweicht, bis jetzt ist das aber noch nicht geschehen.

Welche Filme trifft das Besonders?

Ein deutsches Beispiel ist hier der Film „Die Känguru Chroniken“. Diese Buchverfilmung ist zwei Wochen vor dem Lockdown angelaufen und wurde schon von einer halben Million Zuschauern gesehen. Der Produzent hat schon mit drei Millionen Zuschauern gerechnet, was für einen deutschen Film ein Riesenerfolg wäre. Es hätte der wichtigste deutsche Film des Jahres werden und in den besten zehn Filmen auf dem deutschen Markt insgesamt landen können. Dann blieb man bei 500 000 Besuchern stecken. Schließlich hat der Produzent ein Streamingangebot gebastelt, bei dem man sich den Film für 17 Euro online anschauen konnte. Ein Teil der Einnahmen ging dabei an die Kinobetreiber geteilt.

Sind Streamingdienste Krisengewinner?

Ja. Die Leute sind zu Hause und viele davon haben auf einmal Zeit im Überfluss. Davon profitieren Stramingdienste definitiv, wahrscheinlich sogar auf doppelte Weise. Zum einen jetzt unmittelbar und zum anderen ist es sehr wahrscheinlich, dass Corona die Transformation beschleunigt, die es schon vorher gab. Nämlich das Streaming mehr und mehr zur Alternative vom Kino wird. Einerseits für die Zuschauer aber auch für die Produzenten.

Gibt es schon ein Konzept, wie Kinos bald öffnen könnten?

Was definitiv passieren wird, ist dass sie es sehr schwer haben werden, überhaupt wieder an den Markt zu kommen. Ein Kinosterben ist sehr wahrscheinlich. Viele Kinos peilen eine Öffnung im Juli an, um zumindest einen Teil des Geschäfts mitzunehmen. Das ganze würde aber bei einer Auslastung stattfinden, die manche auf rund 30 Prozent schätzen. Die Frage ist, ob man da noch irgendwie profitabel wirtschaften kann und ob Kino den Leuten unter diesen Bedingungen noch Spaß macht. Ein Konzept aber, dass schon fast tot war und jetzt einen ungeahnten Boom erlebt, ist das Autokino. Weil das die beste Corona-kompatible Möglichkeit ist, jetzt noch ins Kino zu gehen.

Die Filmfestspiele von Cannes hätten in dieser Woche begonnen- welche Rolle spielen abgesagte Festspiele?

Solche Filmfestivals sind für die Filmkultur sehr wichtig. Zumal sie für schwierige Filme eine Möglichkeit auf eine große Bühne bieten. Filme von großer kultureller Bedeutung und Relevanz schaffen es so ein Publikum zu gewinnen. Da möchte ich an den Gewinner des letzten Filmfestival in Cannes erinnern: Parasite. Sicher kein einfacher Film, der aber nach seinem Sieg in Cannes extrem viele Zuseher gewinnen konnte. All diese Filme können sich jetzt nur sehr schwer präsentieren. Außerdem sind Filmfestivals Orte, an denen man Filmrechte einkaufen kann. Die Branche lebt von Events wie diesen. Ja, das Fehlen von Cannes ist ein Riesenproblem.