Capital erklärt Zerschlagung und Verkauf: die Zukunft von Wirecard

Wirecard: Was wird jetzt aus dem Zahlungsdienstleister?dpa


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: die Zukunft von Wirecard – mit Redakteur Stefan Schaaf, der bei Capital unter anderem über Geldpolitik und Finanzen schreibt.


Derzeit sieht alles nach einer Zerschlagung von Wirecard aus. Wie könnte der Konzern aufgeteilt werden?

Eins ist klar: Zu einer Aufteilung wird es kommen, Wirecard wird als Konzern in der jetzigen Form nicht bestehen bleiben. Der Konzern, also die Wirecard AG, hat einen Insolvenzantrag gestellt. Damit ist ein Insolvenzverwalter aufs Spielfeld getreten, der als Treuhändler für die Gläubiger des Unternehmens fungiert, also vom noch nicht bezahlten Lieferanten für Kopierpapier bis zu den kreditgebenden Banken. Der Insolvenzverwalter hat die Aufgabe, Geld für die Gläubiger reinzuholen. Bei einer Insolvenz ist das durchaus kritisch, man muss nämlich erst einmal herausfinden, was als Masse wirklich da ist. Oftmals wird im Fall einer Insolvenz das Unternehmen aufgeteilt und die funktionstüchtigen und werthaltigen Bereiche verkauft. Die Wirecard AG ist sehr verschachtelt, es gibt eine große Zahl an Tochterunternehmen, die wiederum Tochterunternehmen haben, und das in aller Welt. Was noch nicht feststeht ist, welche Tochterfirmen wirklich substanziell werthaltig sind, welche operativ funktionieren und welche möglicherweise nur Scheinfirmen sind.

Weiß man, welche diese werthaltigen operativen Töchter sind?

Das ist noch nicht klar. Eine Tochter der Wirecard AG, die herausragt, ist die Wirecard Bank. Ich glaube, die Bank wird letztlich das sein, was zunächst verkauft werden wird, möglicherweise auch weitere nationale Töchter. Im Hinblick auf die Bank hat die Deutsche Bank ganz vorsichtig Interesse durchscheinen lassen, die US-Tochter von Wirecard betrachtet sich ebenfalls als recht selbstständig und wirbt um Käufer für sich.

Wer wären hier nach aktuellem Stand Kaufkandidaten?

Der Zahlungsabwickler Adyen aus den Niederlanden hat bereits im Interview mit Capital verlauten lassen, kein Interesse am Kauf von Wirecard zu haben. Ein weiterer Anbieter der Zahlungsabwicklung ist Worldpay, eine Tochter von Fidelity National Information System. Ich glaube aber nicht, dass jemand den ganzen Konzern kauft. Für die Wirecard Bank wären andere Banken Kaufkandidaten – oder ein Investor, der eine deutsche Vollbanklizenz in seinen Besitz bringen möchte. Da wird die Aufsicht meiner Einschätzung nach nun aber genau hinschauen, Wirecard brachte ihr ja nicht die besten Schlagzeilen. Ein Kauf von Wirecard oder einer der Töchter ist aber gefährlich wegen der hohen Rechtsrisiken. Es wird wegen Betrug bereits von der Staatsanwaltschaft ermittelt und es gibt immer wieder Spekulationen über Geldwäsche. Um das Rechtsrisiko zu umgehen, könnten Käufer aber nur die Technologie oder Kundendaten erwerben.

Was geschieht dann mit den rund 5000 Mitarbeitern des Zahlungsdienstleisters?

Wird eine Firma übernommen wird, so bleiben die Mitarbeiter grundsätzlich erst einmal dabei. Übernommene Bereiche werden aber oft restrukturiert, dabei können Arbeitsplätze wegfallen. Es wird Töchter geben, die davon nicht betroffen sind. Wieder andere bieten möglicherweise keine wirtschaftliche Grundlage für viele Arbeitsplätze. Am ehesten sind wohl auf Ebene der Holding Arbeitsplätze gefährdet. Denn wenn die Töchter verkauft werden, hat sie keine Funktion mehr. Für Deutschland ist das Arbeitsplatzthema aber nicht so gravierend. Laut dem Geschäftsbericht für 2018 – der letzte verfügbare – hat Wirecard in Deutschland 1518 Mitarbeiter, das sind nur 28 Prozent der darin angegebenen Gesamtbelegschaft.

Eine Reihe von Wirecard-Kunden könnten die Zusammenarbeit beenden. Die Allianz zum Beispiel hat diese Woche eine entsprechende Ankündigung für eine Zahlungs-App gemacht. Wer sind die größten Kunden von Wirecard?

Das ist schwierig zu sagen, weil die größten Kunden nicht ausgewiesen sind. Das Unternehmen hatte einen Hang dazu mit großen Namen um sich zu werfen, was man in Firmentexten und Präsentationen merkt. Was davon substanzhaltig ist, ist schwer zu sagen. Wir haben dies auf Capital.de kürzlich als Luft-Kommunikation bezeichnet, in Anlehnung an die offenbar getätigte Luftbuchungen beim Verschwinden von 1,9 Mrd. Euro. Ein wichtiger Kunde in Deutschland ist offenbar Aldi. Aldi Süd ist Medienberichten zufolge jüngst zum Zahlungsabwickler Payone gewechselt.

Wie geht es nun weiter in den nächsten Tagen? Was plant der Insolvenzverwalter Jaffé?

An allererster Stelle steht für ihn sicher eine Bestandsaufnahme zum Unternehmen. Wahrscheinlich werden externe Berater ins Haus kommen mit denen man gemeinsam herausfindet, wer einem mit Wirecard eigentlich gegenübersteht. Wir haben uns bei unseren Recherchen zu Wirecard einer sehr komplexen Struktur gegenübergesehen. Es wird sicher schwierig sein, sich ein schnelles Bild zu machen. Vor allem die Wirecard-Bank wird in den nächsten Tagen wohl im Fokus stehen. Es wird derzeit von den Aufsehern kontrolliert, dass kein Geld von ihr zur Holding fließt, sondern wirklich nur zu denen, die ihr Geld dort angelegt haben. Da will man nichts anbrennen lassen, weil das Bankensystem dicht ineinander verschlungen ist. In den nächsten Tagen wird es sicher spannend werden, ob es etwas über Betrug oder gar Geldwäsche gibt.

Wie sollen betroffene Anleger reagieren?

Finger weg von den Schrott-Assets von Wirecard! Finger weg von der Anleihe, Finger weg von der Aktie. Die Anleihe wird nur noch zu gut 17 Prozent ihres Nennwertes gehandelt und weist dadurch eine sehr hohe Rendite von über fünf Prozent aus. Es ist aber hochriskant, wenn man jetzt diese Anleihe kauft, weil sie ein Teil der Gesamtschulden ist. Niemand kann tatsächlich sagen, was man als Gläubiger von Wirecard wiederbekommt. Aktuell kauft man mit der Anleihe quasi 1 Euro Schulden für 17 Cent, aber vielleicht werden am Ende nur 10 Cent pro Euro ausgeschüttet, dann erleidet man einen hohen Verlust. Auch von der Aktie sollte man die Finger lassen. Denn: Wenn die Töchter verkauft werden, werden damit Schulden beglichen. Danach ist die Wirecard AG nur noch ein leeres Unternehmen. Wer jetzt denkt mit 3,30 Euro für eine Aktie ein Schnäppchen zu machen, der wird am Ende vielleicht eine Aktie haben, die nur 1 Cent wert ist.