KundenDie Luft-Kommunikation von Wirecard

In den vergangenen Jahren bemühte sich Wirecard um einen Staatsauftrag als zentraler Zahlungsabwickler für legale Online-Glücksspielangebote. Für den Konzern ging es um einen MilliardenmarktGetty Images

Eine Cloud-Partnerschaft mit SAP, Zahlungsabwicklung für Aldi und Ikea, Payment-Lösungen für die Allianz und eine Platin-Partnerschaft mit dem FC Bayern München. Und überhaupt die Zusammenarbeit mit den Kreditkartenanbietern Visa und Mastercard. Viele der von Wirecard aufgerufenen Kunden und Partner spielen in der ersten Unternehmensliga – und deren Glanz sollte wohl abfärben auf das mit Zahlungen für Pornografie und Glücksspiel im Internet groß gewordene Unternehmen.

Verlässt man jedoch den Bereich der Kunden im engeren Zahlungsabwicklungssegment wie Mastercard oder Aldi, so erweisen sich nach Recherchen von Capital viele der von dem Unternehmen verkündeten Partnerschaften als Absichtserklärungen oder gar Wunschträume. Das Unternehmen der Luft-Buchungen betrieb offenbar auch Luft-Kommunikation.

Ein Anruf in Berlin. Hier sitzt neben vielen anderen rasch wachsenden Digitalunternehmen auch Auto1. Vor rund einem Jahr verkündete Wirecard die Zusammenarbeit mit der elektronischen Gebrauchtwagen-Plattform, von strategischer Partnerschaft war die Rede. „Die AUTO1 Group-Gruppe kann auf unser breites Angebot an digitalen Finanzdienstleistungen zurückgreifen“, wird in der Pressemitteilung Georg von Waldenfels (EVP Group Business Development bei Wirecard) zitiert. Wie geht es nun weiter nach dem Insolvenzantrag, so die Frage an Auto1. „Es gab keine Kooperation“, sagt eine Sprecherin. „Das ging über die Ideenfindung nicht hinaus.“

Nächster Anruf bei einem großen börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Der Sprecher möchte den Namen seiner Firma lieber nicht lesen, schimpft aber los: Wirecard habe eine Pressemitteilung – gespickt mit beliebten Schlagworten – über eine angebliche Partnerschaft veröffentlicht, ohne je mit seiner Abteilung darüber gesprochen zu haben. In der Unternehmenskommunikation ist dies extrem ungewöhnlich. Typischerweise werden solche Mitteilungen gemeinsam verfasst, jede der beiden Seiten stellt einen Zitatgeber und nennt einen Ansprechpartner. Auf der Wirecard-Website finden sich jedoch zahlreiche Pressemitteilungen zu Kooperationen und Partnerschaften, die nur einen Zitatgeber und nur einen Ansprechpartner nennen, nämlich jeweils den von Wirecard.

Ähnliches geschah bereits am 19. November 2018, als Wirecard per Pressemitteilung eine Zusammenarbeit mit der Konsumgütermarke Fossil „zur Unterstützung chinesischer mobiler Zahlungsmethoden“ in Europa verkündete. Fossil kommt in der Mitteilung nicht zu Wort und es findet sich kein Ansprechpartner. Stattdessen wird darin Christian Reindl (Executive Vice President Sales Consumer Goods bei Wirecard) zitiert: „Wir freuen uns sehr, einem so globalen und bekannten Unternehmen wie der Fossil Group die Nutzung unseres Ökosystems zu ermöglichen.“

Die Wirecard-Pressestelle antwortete zunächst nicht auf eine Capital-Anfrage zum Wesen dieser ganzen Mitteilungen.

Bayern Basketballer zeigen sich überrascht

Wirecard ist Partner der Basketballer des FC Bayern München

Zur Zusammenarbeit mit Wirecard bekannte sich hingegen bis zuletzt der FC Bayern München. Allerdings sind es nicht die Ikonen der Fußball-Abteilung wie Thomas Müller oder Manuel Neuer, mit denen Wirecard sich zu schmücken suchte. Die Partnerschaft besteht mit den Basketballern des Vereins. Noch am 5. Juni und damit mehr als einen Monat nach der Veröffentlichung des für Wirecard letztlich verheerenden Prüfberichts von KPMG, erklärte die Basketballabteilung: „Der FC Bayern München Basketball und Wirecard, der weltweit führende Innovationstreiber für digitale Finanztechnologie, geben pünktlich zum Start des BBL Final-Turniers um die Deutsche Meisterschaft ihre bereits vor geraumer Zeit beschlossene Zusammenarbeit bekannt.“ In der Pressemitteilung der Basketballabteilung wird Marco Raab (EVP Global Marketing bei Wirecard) zitiert: „Wir wünschen dem Verein viel Erfolg bei der Umsetzung seiner sportlichen Ziele und den Fans am Bildschirm viele großartige Spiele. Wir sind außerdem überzeugt, künftig zahlreiche digitale Initiativen mit hohem Mehrwert für Fans und den Verein voranzubringen und den Sportsektor in Zukunft stärker bedienen zu können.“

Die sportlichen Erfolge blieben – anders als bei den Fußballern – in diesem Jahr aus. Im Viertelfinale der Finalrunde der Basketball-Bundesliga war Schluss gegen Ludwigsburg. Und zwar am 19. Juni und damit genau einen Tag nachdem Wirecard erstmals seine großen Bilanzprobleme eingeräumt hatte. Ein Sprecher der Bayern-Basketballer betont nun auf Anfrage von Capital, wie sehr sie von der Entwicklung überrumpelt worden seien. „Die Partnerschaft bestand bereits vor 2020. Wir sind auch aktuell mit unseren Ansprechpartnern im Unternehmen in Kontakt und beobachten die aktuelle, ohne Frage überraschende Entwicklung.“

Von München nach Dortmund. Dort hat der Versicherer Signal Iduna eine seiner beiden Hauptverwaltungen (neben Hamburg). Seit März wollte das Unternehmen einem Sprecher zufolge das Abrechnungssystem von Wirecard bei Reiseversicherungen nutzen. Wegen Corona sei es dazu aber nicht gekommen. „Wegen der aktuellen Entwicklung – Insolvenzantrag – haben wir die Bezahlmöglichkeit zunächst deaktiviert und warten nun die weitere Entwicklung ab“, erklärte der Sprecher.

Anders als bei zahlreichen kommunikativen Luftbuchungen scheint es – Stand Freitagnachmittag – dort zu laufen, wo Wirecard über ihre Banktochter Zahlungen für Kunden abwickelt. Im Fokus steht dabei der Kreditkartenanbieter Mastercard, der offenbar einen Ausfall des Systems unter allen Umständen verhindern will. „Wir beobachten das sehr genau“, sagte eine Sprecherin. „Wir wollen sicherstellen, dass die Karten funktionieren und arbeiten daran mit Hochdruck.“ Man könnte also interpretieren, dass es ohne Wirecard schwierig werden könnte, mit einer Mastercard im Internet zu shoppen.

Konkurrent Visa äußert sich ähnlich. „Wir beobachten die Entwicklungen weiterhin genau und bewerten neue Informationen, sobald sie verfügbar werden“, erklärte eine Sprecherin. „Unsere Priorität ist und bleibt die Wahrung der Integrität des Visa-Zahlungssystems und der Schutz der Interessen von Verbrauchern, Händlern und unseren Kunden.“

Aldi Süd: Keine Veränderung für Kunden

Für Aldi Süd wickelt Wirecard Geschenkkartenzahlungen ab (Screenshot)

Um die Abwicklung von Kreditkartenzahlungen und von Geschenkkarten geht es auch bei Aldi-Süd, eine von der Börse bei Verkündigung vor einem Jahr gefeierte Zusammenarbeit. Auf Anfrage, wie es nun weitergeht, teilte eine Aldi Süd-Sprecherin mit. „Aldi Süd ist Vertragspartner der Wirecard Bank AG, die nicht Teil des angestrebten Insolvenzverfahrens ist.“ Und weiter: „Für unsere Kunden ergeben sich bisher in beiden Bereichen keinerlei Veränderungen.“ Guthaben auf den Geschenkarten „sind sicher und gedeckt.“

Aldi Nord erklärte, sich nicht zu Dienstleistern äußern zu wollen, teilte jedoch mit: „Alle von uns akzeptierten Bezahlmöglichkeiten sind weiterhin gültig.“

Zu den großen Namen, mit denen Wirecard sich in Verbindung brachte, zählt auch der Möbelhändler Ikea. Partner ist allerdings nicht der Konzern, sondern Ikea Southeast Asia, das nach eigenen Angaben vier Läden in Malaysia betreibt sowie Billy & Co. in Malaysia, Singapur und Thailand online vertreibt. „Die Zahlungslösungen funktionieren wie gewohnt und der technische Support von Wirecard in Südostasien waren ohne Unterbrechung verfügbar“, schreibt eine Sprecherin des Franchise-Unternehmens Ikea Southeast Asia.

 


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