InterviewDie Shortsellerin, die schon 2018 gegen Wirecard wettete

Fahmi QuadirGetty Images

Eigentlich wollte sie nie an die Wall Street, hat als Tochter von Einwanderern aus Bangladesch in New York Mathematik und Biologie studiert. Fahmi Quadir könnte nun im Wirecard-Skandal zu einer dieser Figuren aufsteigen, die von sich behaupten können: Ich habe es immer gesagt.

Bereits im großen Skandal um den Pharma-Konzern Valeant machte sich Quadir 2015 einen Namen – als sie als Analystin für den Hedgefonds Krensavage Asset Management die Leerverkäufe gegen Valeant steuerte. Mit 25 Jahren.

Mit 27 gründete sie dann ihren eigenen Hedgefonds: Safkhet Capital, wurde einem breiteren Publikum durch die Netflix-Doku „Dirty Money“ bekannt. Nach eigener Aussage will sie mit ihrer Arbeit gegen Wirtschaftskriminalität vorgehen und gegen Firmen wetten, die dubiose Geschäfte machen. Wohlgemerkt als Hedgefonds allerdings auch mit Aussicht auf satte Profite. Sie wettete fortan öffentlichkeitswirksam gegen Tesla – und seit 2018 gegen Wirecard. Dabei legte sie sich auch mit der Bafin an, schrieb ihr 2019 sogar einen öffentlichen Brief, den sie auf ihrer Website publizierte, nachdem die Bafin ein Verbot gegen Wirecard-Leerverkäufe erlassen hatte.

Capital fragte die 30-jährige New Yorkerin nun nach ihrer Einschätzung der Wirecard-Pleite – und nach einer Erklärung, wie es zum wohl größten Bilanzskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte kommen konnte.

Capital: Sie haben bereits 2018 mit den Leerverkäufen von Wirecard begonnen – was war damals Ihre Motivation?

FAHMI QUADIR: Ich habe mit dem Shortselling von Wirecard seit dem Start meines Fonds Safkhet begonnen; allerdings war unsere Position wesentlich kleiner als die 25 Prozent seit letztem Jahr. Ende 2017 schien ihre Übernahmestrategie zum Abschluss zu kommen, wodurch aus einer rein fundamentalen Perspektive das Ende des „Wachstums“ erreicht ist und alle grundlegenden Schwachstellen aufgedeckt werden können. Ein Schlüssel zu erfolgreichen Leerverkäufen ist das Timing – und wir hatten das Gefühl, dass ab diesem Zeitpunkt die fundamentalen Möglichkeiten des Unternehmens begrenzter sein würden.

Was hat Sie so früh so skeptisch gegenüber Wirecard gemacht?

Die Übernahme des nordamerikanischen Prepaid-Kartengeschäfts von Citi durch Wirecard war für uns sehr interessant. Ausnahmsweise hatte das Unternehmen nun eine starke Präsenz in den USA, wo die Vorschriften und die Durchsetzung von Anti-Geldwäschebestimmungen viel strenger sind. Unsere frühen Nachforschungen über ihr Prepaid-Kartengeschäft ergaben, dass diese Karten möglicherweise Guthaben von bis zu 100.000 US-Dollar haben können und nachladbar sind. Das ist undenkbar.

Nachdem jetzt immer mehr Dinge ans Licht kommen – können Sie erklären, wie so etwas passieren kann?

Und immer mehr Dinge werden in den kommenden Wochen und Monaten noch enthüllt werden; ich glaube, die Märkte haben nur die Spitze des Eisbergs gesehen. Der Bereich der Zahlungsabwicklung ist immer eine Grauzone. Wirecard hat jedoch aus den Fehlern seiner Mitbewerber gelernt und sich zusammen mit der gesamten Payment-Landschaft, den Regeln und Vorschriften weiterentwickelt. Das Klügste, was sie je getan haben, war der Erwerb einer Banklizenz. Diese Struktur schuf Trennungslinien zwischen den von ihnen betriebenen Geschäften und der Muttergesellschaft. Die Struktur half ihr nicht nur bei der Bewältigung von Risiken bei der Abwicklung bestimmter Transaktionen, sondern schuf auch eine Undurchsichtigkeit, die das Geschäft für den durchschnittlichen Anleger faktisch unerklärbar machte. Ihre Expansion in Black-Box-Jurisdiktionen wie Dubai stellte dies sicher. Wirecard hat es niemandem leicht gemacht.

Sie haben die Bafin in der Vergangenheit scharf kritisiert und einen Brief an die deutsche Finanzaufsicht aus dem Jahr 2019 auf Ihrer Website veröffentlicht. Was denken Sie heute über die Rolle der Bafin im Wirecard-Skandal?

Wie viele Bankenskandale muss Deutschland noch erleiden, bevor es zu einer wirklichen Selbstreflexion und einer aggressiven Regulierung kommt? Die deutsche Bevölkerung sollte wütend darüber sein, dass die Regulierungsbehörde unverhohlen gehandelt hat, um Unternehmens- und andere Geldinteressen zu schützen, anstatt für einen fairen Markt zu sorgen und Verluste im Privatkundengeschäft durch weitreichenden, systemischen Betrug zu verhindern. Es muss Veränderungen geben.

„Engagieren Sie sich nicht in Unternehmen, die Sie nicht verstehen, mit Führungskräften, die sich über ‚Fake News‘ beschweren, während sie sich weigern, grundlegende Fragen zu beantworten“

Fahmi Quadir

Wie sehen Sie die Rolle der Wirtschaftsprüfer von EY?

Die Diskussionen über Anreize und Verfahren bei Abschlussprüfungen müssen breiter geführt werden, nicht nur von Akademikern oder Menschen wie mir. Es gibt Probleme, wenn Prüfer eine zu lange Amtszeit haben oder wenn wichtige Prüfungsaufgaben an die am weitesten unten stehenden Analysten delegiert werden. Die Aufdeckung von Betrug ist nicht ausdrücklich Teil ihres Mandats; die Prüfer sind dazu da, sicherzustellen, dass am Ende alles ausgeglichen ist. Und Wirtschaftsprüfer sind auch nicht unfehlbar – auch sie können Opfer von Manipulationstechniken werden, die von einem betrügerischen Unternehmen eingesetzt werden. Wo es jedoch Hinweisgeber und kritische Berichterstattung gibt, sind die Rechnungsprüfer verpflichtet, die Vorwürfe sorgfältig zu prüfen. Und es ist klar, dass EY dies 2019 nicht getan hat.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie von Firmen fasziniert sind, die mit dubiosen Aktivitäten über einen langen Zeitraum durchkommen. Wie kann sich so etwas überhaupt so lange entwickeln und wie könnte man es früher unterbinden?

Die Investoren müssen anfangen, Fragen zu stellen und den Kritikern genauer zuzuhören! Leerverkäufe werden fälschlicherweise als eine Hauptursache für finanzielle Verluste angesehen. Das ist unzutreffend: Betrug ist die Ursache von Verlusten. Je früher er aufgedeckt werden kann, desto besser können Anleger ihre Verluste begrenzen. Aktionäre haben in einem Unternehmen ein Stimmrecht; sie haben eine echte Stimme, sie sollten sich nicht scheuen, diese zu nutzen.

Was ist Ihr konkreter Rat für Anleger für die Zukunft nach diesem Skandal?

Engagieren Sie sich nicht in Unternehmen, die Sie nicht verstehen, mit Führungskräften, die sich über „Fake News“ beschweren, während sie sich weigern, grundlegende Fragen zu beantworten, mit Strukturen, die absichtlich so konstruiert wurden, um bestimmte Dinge zu verschleiern.

Letzte Frage: Wissen Sie, wo die 1,9 Mrd. Euro sind?

Ich habe einige Vermutungen, die ich mir für einen anderen Tag aufspare. Wirecard war nicht der erste und wird auch nicht der letzte Fall dieser Art sein. Wir haben bereits beobachtet, dass Freunde des Unternehmens, darunter einige der berüchtigten Third Party Administratoren von Wirecard, seit Anfang 2020 mutige, strategische Expansionen betrieben haben. Machen Sie sich keine Sorgen, wir bleiben an der Sache dran.

 


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