#Kirchner PapersWir sind Steueroase

Schild mit der Aufschrift: Welcome to the British Virgin Islands
Die Jungferninseln sind bekannt als Steueroasedpa


Meine Karriere als Steuertrickser beginnt am 5. November 2007 in der Mittagspause. Bei der Sparda-Bank am Marktplatz in der Düsseldorfer Altstadt habe ich einen Termin mit meinem Bankberater. Endlich will ich meine geförderte Altersvorsorge abschließen, 100 Euro pro Monat für einen Riester-Fondssparplan. Keine Riesensumme, aber Disziplin und ein langer Atem zählen ja. Darüber schreibe ich schließlich jeden Tag als Finanzredakteur.

Zudem, auch das weiß ich qua Beruf, belohnt der Staat meine private Vorsorge, indem ich meine Einzahlungen von der Steuer absetzen kann. Aber damit geht die ganze Sache mit der Steuervermeidung auch schon los: Denn ohne diesen Steuervorteil – immerhin rund jeden dritten Euro meiner Beiträge bekomme ich so zurück – hätte ich mich kaum für einen Riester-Fonds entschieden.

Bin auch ich deshalb schon ein Steuertrickser?

Diese Frage geht mir durch den Kopf, als ich Anfang November die Zeitungen aufschlage. Alles voll von den „Paradise Papers“, von Promis und Unternehmen, die ihre Millionen in sogenannten Steuerparadiesen angelegt haben, um so die Steuerlast zu drücken. Ein internationales Netzwerk von Journalisten, allen voran die „Süddeutsche Zeitung“, haben zig Millionen Dokumente zugespielt bekommen, haben sie ausgewertet und sind um die halbe Welt gereist, zu Inseln, von denen man noch nie gehört hat, um herauszufinden, wie sich die Superreichen vor der Steuer drücken.

Zum Glück tauche ich in den „Paradise Papers“ nicht auf. Denn was ich mit meinem Geld mache, hat keinen Nachrichtenwert. Aber ich könnte, sagt mir mein Gefühl. In den zehn Jahren seit meinem Besuch in der Sparda-Bank habe ich viel über die Anlagepolitik von Banken und Fondsgesellschaften gelernt.

Ich weiß auch, wo ich nachgucken muss. Und dafür muss ich nicht mal um die Welt fliegen, mein Büro und Computer in Frankfurt-Bockenheim tun es auch. Alles, was ich brauche, sind ein Internetzugang sowie die jährlichen Übersichten meines Sparplans und ein paar Geschäftsberichte – die Kirchner-Papers.

1,73 Euro auf Tortola

Heute beläuft sich mein Riester-Vermögen auf genau 30.302,35 Euro. Diese liegen vollständig in einem Investmentfonds namens Uniglobal. Ich kann das quasi sekündlich online nachsehen. Millionen andere Kunden der Union ebenfalls. Sie sind auch im Uniglobal oder im Uniglobal Vorsorge, der die gleichen Wertpapiere enthält, aber mit leicht anderer Gewichtung.

Der Uniglobal ist ein Aktienfonds, knapp zehn Prozent des Fondsvermögens liegen aber in liquiden Anlagen wie Anleihen und Cash. Dafür nutzt er andere Investmentfonds wie den Uniopti4. Dies ist ein Investmentfonds in Luxemburg für festverzinsliche Anleihen. Laut dem letzten Halbjahresbericht des Uniglobal liegen genau 5,19 Prozent seines Fondsvermögens im Uniopti4, also auch 5,19 Prozent meiner gut 30.000 Euro. Macht genau 1572,69 Euro, auch wenn sich die Gewichtungen seit dem letzten Bericht marginal hätten verändern können. Bis hierher alles öffentlich und einsehbar in jeder Sparda-Filiale oder im Netz.

Der Uniopti4 heißt nicht zufällig Uniopti4, sondern wurde bei seiner Auflage im Jahr 2006 als risikoarmes Steuersparvehikel für kurzfristige Geldanlagen konzipiert: Statt für Anleger steuerpflichtige Zins­erträge sollte er seinerzeit noch steuerfreie Kursgewinne generieren.

Auch der Uniopti4 investiert in alles Mögliche. Zum Beispiel in eine Anleihe des chinesischen Ölkonzerns Sinopec. Genau 0,11 Prozent seines Vermögens stecken in dieser Anleihe, mein Anteil daran: ganze 1,73 Euro.

Und jetzt haben sie mich!

Denn die Sinopec-Anleihe mit der Wertpapierkennnummer XS 122 087638 4 wurde nicht direkt von der Konzernmutter, der Sinopec Group in Peking, ausgegeben, sondern von der Sinopec Group Overseas Development Limited, einer Tochter mit Sitz am Wickhams Cay, Hausnummer 1 in Road Town auf Tortola. Einer der Britischen Jungferninseln in der Karibik. Luft 26 Grad, Wasser 28 Grad, sagt eine Wetterseite im Internet. Das klingt besser als die nasskalten sechs Grad draußen vor meinem Büro.

Wie aber kommen 1,73 Euro meiner Altersvorsorge, auch noch bezuschusst vom deutschen Steuerzahler, nach Tortola?