InterviewWie können wir uns vor digitaler Vermüllung schützen?

Dr. Maren Urner
Dr. Maren Urner nutzt ihre neurowissenschaftlichen Kenntnisse, um die journalistische Arbeit konstruktiver und lösungsorientierter zu gestalten. Daniel Adam


Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin und Journalistin. Anfang 2016 gründete sie Perspective Daily, das erste werbefreie Online-Magazin für konstruktiven Journalismus. In ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ warnt Urner vor den fatalen Auswirkungen der Informationsflut und der negativen Berichterstattung.


Capital: Welche Folgen hat die Informationsflut für uns als Individuum?

MAREN URNER: Für Individuen ist das eine komplette Überforderung auf biologischer Ebene. Unser Gehirn kommt nicht mehr hinterher, und das bedeutet, dass wir als Individuen auch nicht mehr hinterherkommen. Weil wir einfach die ganze Zeit, und das betrifft natürlich gerade den Online- und Digitalbereich, „verlockt“ werden zu klicken, zu swipen, zu gucken und zu hören. Und am besten alles gleichzeitig: Meistens nutzen wir gleich drei Geräte parallel. Aber das funktioniert nicht, weil unser Gehirn nicht so ausgerichtet ist. Aus biologischer Sicht können wir uns nur auf eine Sache konzentrieren und fokussieren.

Multitasking ist ein Mythos. Wir glauben mehrere Dinge gleichzeitig zu machen, aber in Wirklichkeit ist das einfach ein sehr schnelles Wechseln zwischen verschiedenen Tätigkeiten. Jedes Mal wenn wir unsere Aufmerksamkeit oder Konzentration auf etwas Neues oder Anderes richten, weil wir zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her springen, kostet nicht nur die Aufgabe selbst, sondern auch das Wechseln unnötige Zeit und Energie. Wir müssen uns immer wieder neu reindenken und neu anfangen. Das heißt, ganz viel unserer Energieressource verschwenden wir darauf zwischen den einzelnen Aufgaben zu springen.

In Ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ schreiben Sie: Nachrichten sind stressiger als die Realität. Was ist das Problem des klassischen Journalismus?

Erschwerend zu der Informationsflut kommt hinzu, dass die meisten Inhalte sehr negativ sind. Die Medien haben mittlerweile eine regelrechte Perversion kreiert, weil unser Gehirn aus evolutionärer Sicht veranlagt ist eher auf negative Nachrichten oder Ereignisse zu reagieren. Denn eine potentielle Bedrohung ist gefährlicher als eine positive oder zukunftsorientierte Nachricht, wie damals im Steinzeitalter als der Säbelzahntiger vor der Höhle stand. Natürlich müssen wir heutzutage nicht immer Angst ums Überleben haben, aber es entsteht ein gewisser Grad an Stress mit entsprechenden körperlichen Reaktionen. Das Problem ist, dass der Säbelzahntiger der digitalen Moderne im Sekundentakt vor der Höhle steht. Das heißt, unser ganzes System hat keine Zeit mehr diese Stressreaktion zu verarbeiten, die automatisch dadurch kreiert wird. Dadurch entwickelt sich chronischer Stress. Das ist nicht gesund und fördert auch dauerhaft die Entwicklung von Krankheiten.

Welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft?

Es geht hier nicht um Stress in der Definition „wir haben alle so viel zu tun“, sondern um echte körperliche und psychische Folgen, die nicht nur den Einzelnen betreffen, sondern sich auch auf gesellschaftlicher Ebene äußern. Menschen entwickeln dann entweder sogenannte Coping-Strategien, also Bewältigungsstrategien, um mit dem Stress, den ein Ereignis kreiert, klarzukommen oder Zynismus. Dann wird jede Möglichkeit, über die Zukunft zu reden, als lächerlich oder naiv abgetan. Und wenn wir nicht über unsere Zukunft nachdenken und reden wollen, was dann?

Das Resultat ist eine schlecht informierte Gesellschaft. Wir sind an einem Punkt, an dem wir Zugriff auf so viele Informationen haben und noch nie so viele Menschen diese Informationen konsumieren konnten. Das bedeutet, wir müssten eigentlich die bestinformierte Gesellschaft sein, die wir jemals in der Geschichte der Menschheit hatten. Das Problem ist aber, wir nutzen diesen Vorteil nicht. Und genau da setzt meine lösungsorientierte Denke an: Wie können wir neue Tools und unser psychologisches Wissen effizient nutzen, um eine besser informierte Gesellschaft zu schaffen, die kein zu negatives Weltbild hat und in der sich die Menschen der Ohnmacht hingeben oder, weil sie den Stress nicht aushalten, zurückziehen und sich zunehmend mit banalen Tätigkeiten beschäftigen, die eben diesen Stress nicht kreieren.

Das ist letztendlich auch Demokratie gefährdend beziehungsweise nicht fördernd, weil wir Menschen uns nicht mit den gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen, egal ob es um Bildung, unsere Arbeitskultur, die Umwelt oder generell unserer Zukunft geht. Das bedeutet, dass wir keine vernünftige Basis haben, um zum Beispiel Wahlen ausrichten zu können. Weil die Menschen ja gar nicht wissen, worum es inhaltich gerade geht.