Déjà-vuVon BASF bis Deutsche Bank - die Metaphern ratloser Manager

BASF: Den Chemieriesen plagen mannigfaltige Problemedpa

Zwei Prozent weniger Umsatz, 24 Prozent weniger Betriebsgewinn, das Ergebnis pro Aktie fast halbiert. Die Quartalszahlen der BASF SE sahen zuletzt nicht gut aus. Doch nach Meinung des Vorstands zählt die miese Performance nur halb. Warum? Der Chemiekonzern arbeitet an einer neuen Organisation und sieht 2019 daher nur als „Jahr des Übergangs“. Diese Vokabel hört man bei BASF nicht zum ersten Mal – auch 2010 etwa galt als „Jahr des Übergangs“.

Die schöne Formel wird in der deutschen Wirtschaft immer dann bemüht, wenn es mal wieder schlecht läuft. Die Deutsche Bank gilt als Weltmeister in Übergangsjahren: 2010, 2013 und 2016 tauchen die drei Worte in den offiziellen Verlautbarungen des Kreditinstituts auf – und in letzter Zeit auch wieder. Daimler kam ebenfalls mehrfach mit dem „Jahr des Übergangs“ um die Ecke, zuletzt 2018.

Cover der neuen Capital
Die aktuelle Capital

Auch Audi-Chef Rupert Stadler rief im März 2018 ein „Jahr des Übergangs, aber auch des Aufbruchs“ aus – erlebte aber nur drei Monate später erst einmal den Abbruch seiner eigenen Karriere: Untersuchungshaft wegen Verdunkelungsgefahr in der Abgas-Affäre. Auf die nachhaltige Wende zum Besseren wartet man jedoch auch nach seinem Abgang vergeblich.

Große Unternehmen bauen ihre Struktur fortlaufend um, das ist nichts Besonderes. Man denke nur an Siemens, wo kein Jahr ohne neue Abspaltungen und Eingliederungen, neue Bereiche und neue Hierarchien vergeht. Dort könnte man eigentlich jedes Jahr zum Jahr des Übergangs erklären, wenn man nur wollte. Und wieso gilt 2019 bei BASF als Jahr des Übergangs, 2018 aber nicht? Schließlich trennte sich der Konzern im vergangenen Jahr von seinem großen Erdölgeschäft – der schärfste Einschnitt seit Jahren, eine strategische Wende der allerwichtigsten Art.

Das Prinzip Hoffnung

Ratlose Manager lieben Metaphern, die schlechte Leistungen mit einem großen Stück Hoffnung überhöhen. Eigentlich heißt „Jahr des Übergangs“ für sie nur: Es geht uns zwar schlecht, aber nächstes Jahr wird’s bestimmt besser.

In der angeschlagenen Chemieindustrie könnte sich das als Irrglaube erweisen. Alles, was BASF gegenwärtig hemmt, geht auch 2020 nicht einfach weg: die Krise der Autoindustrie, des wichtigsten Kunden; der Handelskrieg zwischen den USA und China; die immer schärfere Konkurrenz durch neue Wettbewerber, die alle Margen unter Druck setzt.

Ähnlich bei der Deutschen Bank: Wer glaubt wirklich, dass der Dauerumbau des Kreditinstituts nach dem „Übergang“ dieses Jahres im nächsten wirklich sein Ende findet? Die Zahlen des letzten Quartals geben auf jeden Fall keinen Anlass zum Optimismus.

Sprache ist die Wirklichkeit des Denkens. Diese treffende Überlegung stammt von Ludwig Wittgenstein, dem Philosophen der Logik. Wenn Managern nichts anderes einfällt als die immer gleichen ausgeleierten Worte ihrer Vorgänger, fehlt es meist auch an kreativem Denken. Gerade in der Krise zeigt sich umgekehrt, wer wirklich über Führungsqualitäten verfügt. Dazu gehört auch: Man muss das richtige Wort finden, um das einleuchtend zu beschreiben, was man vorhat. Nur dann kann es gelingen, alle Manager und Mitarbeiter mitzunehmen und für etwas Neues zu begeistern.

 


Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und Pläne von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit.