GastronomieTim Raue: „Sechs Wochen können wir abdecken“

Tim Raue
Tim RauePR

In den meisten deutschen Bundesländern sind die Restaurants geschlossen und schon vor der offiziellen Anordnung hatten die Gastronomen mit rückläufigen Reservierungen, Bestellungen und Besuchen zu kämpfen. Viele sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Auch staatliche Hilfen in Form von unkomplizierten Krediten können Existenzen nicht retten, denn diese müssen früher oder später zurückgezahlt werden – und einen „Nachholeffekt“ gibt es in der Gastronomie nicht. Das legten Berliner Gastronomen nun in einem offenen Brief an den regierenden Bürgermeister Michael Müller dar.

„Das Wasser steht uns buchstäblich bis zum Hals!“, heißt es darin. Neben den bereits versprochenen staatlichen Hilfen fordern die Gastronomen unter anderem eine Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis 2021 und eine sofortige Kostenübernahme der Bruttogehälter – auch für die ausgefallenen Arbeitsstunden der Minijobber. Auch Starkoch Tim Raue hat den Brief unterzeichnet. In Berlin betreibt er mehrere Sternerestaurants. Capital hat mit ihm über die Lage der Gastronomie gesprochen.

Capital: Herr Raue, auch Sie haben den offenen Brief an Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller unterzeichnet. Das Coronavirus wird Ihrer Meinung nach also nachhaltig für Veränderungen in der Gastronomie sorgen?

TIM RAUE: Hat es ja schon. Die Türen sind zu, wir haben keine Gäste mehr. Im ersten Schritt hatten wir natürlich das Glück, dass die Regierung sich entschlossen hat, auch der Gastronomie Kurzarbeitergeld zu gewähren. Ansonsten wäre eh schon der Ofen aus. Jetzt brauchen wir weitere Liquiditätshilfen. Das Kurzarbeitergeld ist hart, niemand in der Niedriglohnbranche – und dazu gehört die Gastronomie nun mal – kann mit 60 Prozent seines Gehalts auskommen. Jemand, der gerade ausgelernt hat und 2000 Euro brutto verdient, bekommt dann 1200 Euro brutto. Das ist weniger als der Mindestlohn und nah an der Armutsgrenze. Das kann natürlich nicht sein. Ich halte es für elementar, sich in dieser Phase gerade nicht Gedanken zu machen, ob wir uns verschulden, sondern dass wir uns verschulden. Wenn wir in sechs oder acht Wochen vielleicht wieder in ein halbwegs normales Leben zurückkehren, möchte ich wieder Geschäfte, Restaurants, Bistros, Cafés auf den Straßen vorfinden. Wenn jetzt nicht massiv geholfen wird, wird das aber nicht der Fall sein.

Kann man die Verluste, die jetzt anfallen, später wieder aufholen?

Nein, absolut keine Chance. Wir sollen Kredite zugeteilt bekommen, das ist aber tatsächlich nicht so einfach, wie das nach außen vielleicht wirkt. Da heißt es dann: „Melden Sie sich bei Ihrer Bank, die KfW wickelt den Kredit ab.“ Und dann meldet man sich bei der Bank und hört als erstes: „Naja, ohne Auflagen können wir das nur an Unternehmen geben, die jedes Jahr die Summe X als Gewinn definieren können.“ Das hört sich alles erst mal viel besser an, als es dann ist, wenn man an die Bank herantritt. Mit dem Restaurant Tim Raue sind wir auf jeden Fall ein wirtschaftliches Vorzeigeunternehmen. Trotzdem kämpfen wir gerade hart darum, einen Kredit zu bekommen, damit wir es über den April schaffen. Sechs Wochen können wir abdecken, danach würden auch wir in die Insolvenz rutschen. Und uns geht es gut, das muss man auch betonen. Es gibt viele Kleinbetriebe, die jetzt schon ihre Existenz nicht mehr gewährleisten können. Hier geht es um das Existenzielle.

Was sollte der Staat jetzt also tun?

Der Regierung muss klar werden, dass sich jetzt ganz schnell etwas bewegen muss. Ich habe zwar bei allem, was Herr Altmaier, Herr Scholz oder auch Herr Söder von sich geben das Gefühl, dass es konkrete Pläne gibt und sie absolut gewillt sind uns zu unterstützen. Aber bei den Banken ist das irgendwie noch nicht angekommen. Vor allen Dingen auch nicht bei den Menschen, die jetzt tatsächlich Hilfe brauchen – und den Unternehmern. Wir machen das ja nicht, damit wir unseren Gewinn annähernd auffangen können. Es geht darum, dass wir unseren Mitarbeitern eben nicht kündigen wollen. Darum, solidarisch zu bleiben und sich um unsere Mitarbeiter zu kümmern. Für die müssen wir die nächsten Wochen so gut es geht irgendwie lebenswert gestalten.

Unternehmer müssen solidarisch sein

Also sind schnelle Maßnahmen von Staat und Politik gefragt. Welchen Beitrag kann der Rest der Gesellschaft leisten?

Ich halte jede flexible Lösung, die unterschiedliche Gastronomen für sich finden, für sinnvoll. Sei es, dass man jetzt Gutscheine für die Zukunft verkauft oder dass man, so wie wir, versucht, einen Lieferservice einzurichten. Es gibt kreative Möglichkeiten. Das Restaurant Tulus Lotrek mit der Aktion „Kochen für Helden“ etwa stellt die Arbeitskraft, die man hat, zur Verfügung, indem man für Menschen kocht, die gerade besonders belastet sind. Krankenhauspersonal, Ärzte, Menschen aus dem öffentlichen Dienst wie Polizei oder  Feuerwehr. Für all diese Leute fängt die Arbeit ja jetzt erst an. Meiner Meinung nach gibt es also genug Möglichkeiten – gerade in der Krise – Haltung zu bewahren und sich gerade zu machen. Das heißt auch, sich mit den behördlichen Auflagen zu arrangieren und diese zu respektieren. Denn die ergeben ja Sinn. Es ist wichtig, dass jetzt nicht einfach jeder da draußen durch die Gegend läuft, denn wir müssen unsere Gesellschaft schützen.

Worauf kommt es Ihnen jetzt als Unternehmer an?

Ich finde es ganz wichtig, dass wir jetzt zusammenstehen. Wir müssen kollektiv Rücksicht nehmen. Vor allem als Unternehmer heißt das, Verantwortung für unsere Mitarbeiter zu übernehmen. Dass wir ihnen eine Stütze sind und uns klar machen, dass die Kredite, die wir jetzt aufnehmen und die Hilfspakete, die jetzt kommen, eben keine Investitionen sind für neue Restaurantmöbel oder Ausstattung. Stattdessen müssen wir damit gewährleisten, dass unsere Mitarbeiter eine ordentliche Bezahlung bekommen. Und natürlich, dass wir hoffentlich in ein paar Wochen wieder aufmachen können und funktionierende Betriebe haben. Genau das liegt gerade in der Verantwortung eines jeden Unternehmers.

 


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