Déjà-vuThyssenkrupp emanzipiert sich von Übervater Berthold Beitz

Thyssenkrupp-Zentrale in Essendpa

Ein „flexibles Portfoliomanagement“ will Guido Kerkhoff künftig bei Thyssenkrupp betreiben. Was der neue Vorstandschef im Mai mit der großen Gebärde des Ruhr-Revoluzzers verkündete, ist in anderen Konzernen selbstverständlich: Man verkauft Bereiche, die sich nicht in die Strategie fügen – und kauft, was besser passt.

Nur bei Thyssenkrupp wollte man davon über Jahrzehnte nichts wissen, wollte um jeden Preis im Konzern halten, was sich angesammelt hatte, auch wenn sich beim besten Willen keine Synergien zwischen U-Booten und Aufzügen finden ließen. Wenn sich der Konzern trotzdem von Tochterfirmen trennte, ging es immer nur um Notverkäufe – wie beim Abschied von den neu erbauten Stahlwerken in Brasilien und den USA unter Kerkhoffs unglücklichem Vorgänger Heinrich Hiesinger. Aktives Portfoliomanagement sieht anders aus.

Capital-Cover
Die neue Capital

Man könnte es den Fluch des Patriarchen nennen. Berthold Beitz, der 2013 mit 99 Jahren verstorbene Übervater des Konzerns, hatte es so gewollt. Als ich ihn 2005 im Nebenhaus der Villa Hügel traf, erzählte er auch mir die Geschichte, die er im hohen Alter fast jedem erzählte: Wie er Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, dem letzten Eigentümer aus der Unternehmerdynastie, 1967 noch auf dem Totenbett versprochen hatte, das Erbe der Vorfahren auf immer „zusammenzuhalten“.

Nach der 1997 erfolgten Fusion mit Thyssen galt der Grundsatz weiter. Beitz hielt sich nicht nur selbst bis zum Ende an sein Ehrenwort, er verpflichtete auch die Krupp-Stiftung als Großaktionär auf diese Linie – und nahm kurz vor seinem eigenen Tod dem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Ulrich Lehner das gleiche Versprechen ab.

Thyssenkrupp braucht Geld für die Stahlsparte

Das Verbot, größere Konzernteile zu verkaufen, schwächte Thyssenkrupps Kapitalkraft immer weiter. Jeder Notverkauf belastete die Bilanz zusätzlich und verringerte das Eigenkapital. Für die Stärkung florierender Bereiche, etwa der Aufzugssparte, war deshalb nicht genug Geld da. Gleichzeitig bestand die Krupp-Stiftung zu lange auf hohen Dividenden, um weiter Kunst und Kultur fördern zu können. Erst seit das Geld nicht mehr richtig fließt, weil Thyssenkrupp nichts mehr an die Aktionäre ausschütten kann, distanziert sich die Stiftung allmählich vom Glaubenssatz ihres Übervaters. Nur deshalb ist Kerkhoffs Strategiewende überhaupt möglich.

Wahrscheinlich kommt der Kurswechsel aber viel zu spät, um Thyssenkrupp überhaupt noch als operativen Industriekonzern zu erhalten. Die Milliarden, die der geplante Teilverkauf der Aufzugssparte einbringen dürfte, braucht Thyssenkrupp dringend für den kapitalintensiven Stahlbereich, der nach dem Scheitern der Fusion mit Tata nun mit eigener Kraft durch die nächste große Krise kommen muss. Außerdem muss der Konzern seine hohen Pensionslasten bedienen und beim Verkauf maroder Konzernteile weitere Abschreibungen verkraften.

Viel Geld, um kräftig in Zukunftsfelder zu investieren, bleibt kaum übrig. Kerkhoffs „flexibles Portfoliomanagement“ könnte sich also auf den Verkauf von Aktiva beschränken – und die Hoffnung, sich dadurch gesundzuschrumpfen.