Déjà-vuSUV-Debatte: Dolly Buster der Autoindustrie

Ein SUV von Mercedes
Braucht kein Mensch, sind aber trotzdem beliebt: SUVsdpa

Zu groß, zu schwer, zu protzig! Die Pseudo-Geländewagen der Autohersteller stehen öffentlich am Pranger. Ein Porsche-SUV bekommt bei Twitter, Facebook und Co. schon mal als „Panzer“ sein Fett weg, ein Mercedes als „Dampfwalze“ und ein BMW als „Monstertruck“. Die Kunden, die immer mehr SUVs kaufen, sehen es naturgemäß anders: bequem, sicher, voll im Trend! Es ist ein echter Glaubenskrieg, den vor allem wir Deutsche mit teutonischer Lust am Grundsätzlichen führen.

Die Debatte gab es schon einmal, wenn auch nicht mit der gleichen Vehemenz. Als die neue Mercedes S-Klasse 1991 auf den Markt kam, sprengte die Luxuslimousine alle Maße: länger, breiter, schwerer als alle ihre Vorgänger. Und weil das Debüt mitten in die Zeit hoher Ölpreise nach dem ersten Irakkrieg fiel, gingen die Autonarren und die Kritiker fast so gnadenlos aufeinander los wie heute. Die linke „taz“ brachte die Vokabel „Klimakiller“ unters Volk, während „auto, motor und sport“ vom „besten Auto der Welt“ schwärmte. Noch interessanter aber ist, was in den Jahren danach passierte.

Die neue Capital
Die neue Capital

Eine Weile sah es so aus, als ob tatsächlich leichtere und kleinere Autos in Mode kämen. Unter großem Beifall brachte Audi Ende 1999 den A2 mit einer superleichten Aluminiumkarosserie und einem sensationell niedrigen Leergewicht von nur 895 Kilogramm auf den Markt. Doch sechs Jahre später war schon wieder Schluss – zu teuer in der Produktion und irgendwie nicht mehr im Trend. Seitdem werden die meisten Autos immer schwerer. Der kleinste Audi, der A1, bringt heute in der simpelsten Ausstattung 1165 Kilogramm auf die Waage. Und die neueste S-Klasse überbietet die von 1991 selbstredend – um 100 Kilo.

Im jetzigen SUV-Streit geht es vor allem um Verbrauch und Schadstoffmenge, die beide nicht zwangsläufig höher sind als bei kleineren Autos, im mittleren Durchschnitt aber natürlich schon. Darüber hinaus stellt sich aber auch eine andere Frage: Sind die SUVs bei Verkehrsunfällen eigentlich gefährlicher als leichtere Autos – insbesondere für Fußgänger? Die Antwort müsste eigentlich jeder kennen, der im Physikunterricht noch wach war: Natürlich ja. (Aufprall-)Energie gleich Masse mal Geschwindigkeit im Quadrat.

Für SUV-Hasser sollte man jedoch hinzufügen: Die viel gepriesenen E-Autos kommen hier wegen ihrer schweren Batterien auf noch viel schlechtere Werte als vergleichbare Verbrenner. Der neue E-Porsche Taycan wiegt 2295 Kilogramm – 400 Kilo mehr, als 1991 der „Kohlpanzer“ mit sich herumtrug. Man könnte also zuspitzen: Was den Ausstoß von klimaschädlichem CO₂ senkt, schadet der Sicherheit auf den Straßen.

Was kann man tun? Bloß nicht noch mehr Regulierung oder gar Verbote, die nach dem berühmten Gesetz der ungeahnten Folgen nur allzu oft nach hinten losgehen. Verlassen wir uns lieber auf den Zeitgeist, der dicken Brummern bereits gehörig ins Gesicht weht. Nichts ist tödlicher für ein teures Auto als der gemeine Spott der Nachbarn und Kollegen. Auf Twitter verulken sie etwa BMWs neuen 7er wegen seines üppigen Vorbaus bereits als „Dolly Buster“ unter den Autos. Kein verkaufsfördernder Spitzname für ein so teures Auto.

 


Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und Pläne von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit.