KonjunkturDer schwunglose Aufschwung der deutschen Wirtschaft

Vor allem der deutsche Export hatte zuletzt unter den Folgen der Corona-Pandemie gelitten – mit Folgen für den Aufschwung
Vor allem der deutsche Export hatte zuletzt unter den Folgen der Corona-Pandemie gelittenPixabay

Auf den ersten Blick war es eine gute Woche für die deutsche Wirtschaft. Das statistische Bundesamt bezifferte den Absturz der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal auf 10,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – ein Rekordwert, aber besser als die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute. Die Agentur für Arbeit meldete einen Anstieg der Arbeitslosigkeit von 0,1 Prozentpunkten gegenüber dem Vormonat auf 6,3 Prozent – ein Anstieg, aber typisch für einen Juli. Die Inflation ist im Juli gegenüber dem Vormonat auf minus 0,1 Prozent gesunken – die Mehrwertsteuersenkung ist scheinbar bei den Verbrauchern angekommen. Und das ifo-Institut verkündete, das Geschäftsklima sei den dritten Monat in Folge gestiegen – auf einen Wert unter Vorkrisenwerten, aber dennoch ist es ein erstes Anzeichen für einen Aufschwung.

Konjunkturforscher gehen nun davon aus, dass die Wirtschaftsleistung in zwei Jahren wieder auf Vorkrisenniveau ist – es ist das best-case-Szenario vieler Schätzungen zu Beginn der Krise.

Verhaltener Ausblick auf weiteren Aufschwung

Der Aufschwung ist damit verkündet, kann man schlussfolgern. Doch auf den zweiten Blick steckt die Wirtschaft noch mitten in der Krise, mit unklarem Ausgang. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) schätzt den Ausfall der Wirtschaftsleistung 2020 und 2021 auf 400 Mrd. Euro.

Ohnehin funktionieren Prognosen in Krisenzeiten schlechter, sagen Konjunkturforscher. Deren Stimmung bleibt daher verhalten. „Ja, es wird besser, aus dem ganz tiefen Tal kommen wir schnell heraus“, sagt Stefan Kooths, Konjunkturforscher am IfW, ergänzt aber: „Dann dürfte der Aufholprozess an Fahrt verlieren.“

Wovon hängt es dann ab, ob und wie schnell es weiter aufwärts geht?

Zuallererst vom Konsum. Bereits im Mai nach den ersten Lockerungen stieg der Umsatz im Einzelhandel um 13,4 Prozent über das Vorkrisenniveau. Dank Kurzarbeitergeld und Unterstützungszahlungen hatten die meisten Deutschen kaum weniger Geld als vor der Krise und schienen sich zu freuen, das nun wieder auszugeben.

 

 

Die deutsche Wirtschaft hängt aber wie kaum eine andere Volkswirtschaft von Exporten ins Ausland ab. Auch hier ist die Entwicklung erst einmal positiv. Bei wichtigen Handelspartnern wie China ist die wirtschaftliche Erholung Deutschland schon Monate voraus. Auch andere Länder in Europa, darunter wichtige Absatz- und Zuliefermärkte für deutsche Unternehmen, kommen wieder in Fahrt. Das stärkt die Nachfrage nach deutschen Exporten.

Deutsche sparen künftig mehr – und reisen weniger

Das klingt nach Aufschwung. Doch Einiges spricht dafür, dass Auswirkungen der Krise der Wirtschaft langfristig dennoch schwer zu schaffen machen.

Das Problem ist, dass die Menschen schlichtweg weniger Möglichkeiten haben, ihr Geld auszugeben. Deswegen sparen viele Deutsche ihr Einkommen. Das IfW schätzt, dass die Sparquote dieses Jahr von knapp 11 auf mehr als 17 Prozent ansteigt. Auch das Reisen – sowohl privat als auch beruflich – ist einem Wandel unterworfen und nimmt ab.

Ob der Konsum über alle Branchen dauerhaft auf dem Vorkrisenniveau liegt, hängt auch davon ab, ob diese Verhaltensänderungen von Dauer sind. „Die Frage ist also, ob wir in diesen Bereichen die Vorkrisenniveaus überhaupt wieder erreichen werden“, sagt Konjunkturforscher Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut.

Und auch wenn die Erholung in anderen Ländern auf einen Anstieg der Exporte hindeutet, sind diese wahrscheinlich noch länger von der Vorkrisen-Lage entfernt. In einigen Absatzmärkten wie den USA sind die Aussichten verhalten. Ähnlich wie in Deutschland brach das amerikanische BIP im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorquartal zwar um ‚nur‘ um etwa zehn Prozent ein. Doch die Pandemie dort ist nicht unter Kontrolle, was auch die deutsche Wirtschaft belastet.

Insolvenzwelle ab Herbst möglich

Auf Dauer ist die weltweite Pandemieentwicklung besonders für den Verkauf komplexer deutscher Maschinenbauprodukte wichtig. Ohne Messen und mit wenigen Reisen wird es also schwerer, die Produkte zu verkaufen. „Die bestellt man nicht eben mal so bei Amazon. Das sind sehr erklärungsbedürftige Produkte“, sagt Kooths. Er rechnet mit einer längeren Investitionsflaute in Folge der Krise.

Da die Unternehmen eigentlich auf Konsum und Exporte auf Vorkrisenniveau angewiesen sind, erwarten Kooths, Wollmershäuser, aber auch viele andere Ökonomen eine Insolvenzwelle im Herbst 2020 oder im Frühjahr 2021. „Das passiert in jeder Rezession. Das hatten wir auch während der Weltfinanzkrise schon“, sagt Wollmershäuser.

Mit den Firmenpleiten gingen Kapital und Arbeitsplätze verloren – und so wird auch die Produktionsfähigkeit der deutschen Wirtschaft sinken. Die Frage ist nur, wie hoch die Zahl der Insolvenzen ausfällt.

Erste Anzeichen gibt es bereits: Zwar hat der Bund die Insolvenzantragspflicht bis Ende September ausgesetzt. Dennoch melden sich Unternehmen freiwillig insolvent. Dabei ist nach Erhebungen des IWH Halle besonders die Zahl der von Insolvenz betroffenen Arbeitnehmer bereits angestiegen.

Ab Oktober könnte die Zahl der Anträge dann zunehmen. Auf eine Umfrage des ifo-Instituts im Juni antworteten 21 Prozent der befragten Unternehmen, die Beeinträchtigungen durch die Corona-Pandemie seien „existenzbedrohend“. Zwar halfen KfW-Kredite und andere Hilfsmaßnahmen des Staates die Unternehmen über Wasser zu halten. Doch auf Dauer brauchen sie Gewinne oder Kapitalgeber, die die entgangenen Gewinne ausgleichen. Nur mit geliehenem Geld lassen sich der Betrieb nicht dauerhaft aufrechterhalten.

 

 

Wie viele der Unternehmen sich insolvent melden, hängt auch von den politischen Hilfsmaßnahmen ab. Statt Hilfskrediten, die dauerhaft nicht tragbar sind, brauchen viele Unternehmen nun Zuschüsse zur Stärkung ihrer Eigenkapitalbasis. Der Bund hat dafür einen Wirtschaftsstabilisierungsfonds eingerichtet, der auch stille Beteiligungen an Unternehmen vorsieht. Einige Bundesländer, zuletzt Baden-Württemberg, rufen ähnliche Programme ins Leben. Das Ziel: Funktionierende Unternehmen durch die Krise bringen und Produktionspotenzial erhalten.

Bei allen Programmen ist es wichtig, zu differenzieren, wer die Staatshilfen bekommt. Manche Unternehmen sind nur durch die Corona-Krise angeschlagen, andere waren schon zuvor in Schieflage. Wie das mit aktuellen Kapazitäten des Staates geschehen soll, bleibt fraglich. Genauso, ob der Staat sich nach der Krise von den Beteiligungen schnell wieder trennen kann und wie viel Einfluss er nehmen soll. Kooths schlägt vor, statt Staats-Beteiligungen an Unternehmen allen Unternehmen je nach Branchenbetroffenheit einen Lastenausgleich gutzuschreiben, der sich nach den Gewinnausfällen im Branchendurchschnitt richtet.

In beiden Fällen kann es passieren, dass auch mal ein Unternehmen mit Steuergeldern gerettet wird, das man besser nicht hätte retten sollen. Aber unterm Strich sind weitere Ausgleiche nötig, um vor der Krise funktionierende Betriebe zu erhalten.

Der Aufschwung ist also da. Ob er von Dauer ist, hängt aber noch stark von der Entwicklung der Pandemie ab. Große dauerhafte Schäden kann erstmal nur der Staat verhindern.