Exklusiv Rechnungshof rügt Raketenkauf der Bundeswehr für 420 Mio. Euro

Die PARS-3-Raketen sollten als Be- waffnung für den Kampfhubschrau- ber Tiger eingesetzt werden
Die PARS-3-Raketen sollten als Be- waffnung für den Kampfhubschrau- ber Tiger eingesetzt werden
© PR
Die Bundeswehr hat 680 Lenkflugkörper vom Typ PARS 3LR bestellt. Doch bei einem Einsatztest ist die neu entwickelte Panzerabwehrrakete durchgefallen. Daher empfiehlt der Rechnungshof nun, die nagelneuen Waffen zu verschrotten

Die Bundeswehr kämpft mit einer weiteren gravierenden Rüstungspanne. Wie aus einem vertraulichen Bericht des Bundesrechnungshofs hervor geht, leiden die neuen Panzerabwehrabwehrraketen für den Kampfhubschrauber Tiger unter erheblichen Mängeln. Die Präzisionsraketen namens PARS 3 LR, von denen die Truppe im Jahr 2006 insgesamt 680 Stück für 418,8 Mio. Euro bestellt hat, seien „technisch veraltet“ und „wenig treffsicher“, heißt es in dem Prüfbericht vom April, der Capital vorliegt. Daher empfehlen die Prüfer, die neuen Lenkflugkörper zu „verwerten“ – also zu verschrotten.

Die Entwicklung der PARS-3-Raketen reicht zurück bis Anfang der 80er-Jahre. Damals, mitten im Kalten Krieg, meldete die Bundeswehr einen Bedarf an neuen, per Infrarotsensor gesteuerten Luft-Boden-Präzisionsraketen an, die zur Bekämpfung von Panzern oder Bunkern eingesetzt werden können. Die Lenkwaffen wurden zunächst gemeinsam mit Frankreich und Großbritannien entwickelt. Die Partner stiegen im Laufe der 90er-Jahre aus, Deutschland trieb die Entwicklung im Alleingang voran. Doch schon vor der endgültigen Entscheidung des Bundestags im Jahr 2006, die PARS-3-Raketen in großem Stil zu bestellen, hatte der Bundesrechnungshof vor den Entwicklungsrisiken gewarnt und stattdessen empfohlen, als Bewaffnung für den Tiger marktverfügbare und zudem deutlich günstigere Lenkwaffen wie etwa die Hellfire II aus den USA anzuschaffen.

Der aktuelle Bericht der Prüfbehörde kritisiert nun in scharfer Form, dass das Verteidigungsministerium bei dem Projekt über Jahre sämtliche Warnungen ignorierte – auch aus der Truppe selbst. Dem Bericht zufolge verzichtete die Bundeswehr sogar auf eine eigentlich in ihren Rüstungsprozessen vorgesehene Einsatzprüfung, bevor sie die Herstellerfirmen MBDA und Diehl 2013 mit der Serienfertigung beauftragte. Stattdessen habe sie sich mit wenig aussagekräftigen Leistungsnachweisen der Industrie begnügt. Dieses Vorgehen sei „in hohem Maße kritikwürdig“, rügen die Prüfer.

Verzögerungen und Qualitätsmängel

Die neue Capital - ab dem 19. September im Handel
Die neue Capital - ab dem 19. September im Handel

Dabei war das Projekt auch auf Seiten der Industrie schon früh mit gravierenden Problemen behaftet. So musste etwa auch die für 2014 geplante Einsatzprüfung der Raketen mehrfach verschoben werden – unter anderem wegen „massiver Qualitätsmängel beim Anlauf der Serienfertigung“, aber auch, weil dafür keine Hubschrauber zur Verfügung standen, wie es im Rechnungshofbericht heißt. Demnach lieferten die PARS-3-Hersteller MBDA und Diehl die ersten Lenkflugkörper aus der Serienfertigung erst Ende 2015 aus – mehr als fünf Jahre später als geplant. Eine außerordentliche Vertragskündigung sei nach Ansicht der Bundeswehr allerdings nicht möglich gewesen – auch weil sie versäumt habe, den Auftragnehmern eine angemessene Nachfrist mit Ablehnungsandrohung zu setzen, schreibt der Rechnungshof in seinem aktuellen Bericht. Insgesamt seien Alternativen wie ein Projektabbruch „nicht konsequent“ verfolgt worden.

Tatsächlich fand die Einsatzprüfung der Lenkwaffen erst im Jahr 2018 statt. Zu diesem Zeitpunkt war laut Rechnungshof bereits mehr als die Hälfte der 680 bestellten Raketen ausgeliefert. Bei dem Test mit mehreren Einsatzszenarien, der auf Wunsch des Heeres in einer Klimazone mit hohen Temperaturen und damit im oberen Einsatzbereich des Lenkflugkörpers erfolgte – und deshalb auf der White Sands Missile Range in New Mexico durchgeführt wurde – habe es eine „hohe Anzahl an Fehlschüssen“ gegeben, schreiben die Prüfer unter Berufung auf die bundeswehrinterne Dokumentation der Testschüsse. Viele Raketen hätten „nach dem Abschuss ihr zugewiesenes Ziel verloren und ein neues Ziel gewählt“. Dadurch würden die eigenen Truppen sowie verbündete Kräfte und Zivilisten im Zielgebiet gefährdet. Insgesamt lag die Trefferquote der PARS-3-Raketen in White Sands bei lediglich 16 Prozent. In den zwölf getesteten Einsatzszenarien hat der Flugkörper nur in einem einzigen die Anforderungen bestanden.

Auf Anfrage verwies das Verteidigungsministerium auf das derzeit noch laufende Widerspruchsverfahren, das bei Prüfberichten des Bundesrechnungshofes üblich ist. Man habe im Juli eine vertrauliche Stellungnahme zu dem Berichtsentwurf abgegeben, teilte ein Ministeriumssprecher mit. Auf dieser Basis werde der Rechnungshof nun seinen finalen Bericht erstellen. Zu den Inhalten der Stellungnahme könne man sich daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern. Experten gehen davon aus, dass das Ministerium die Schlussfolgerungen der Prüfer in wichtigen Punkten nicht teilt.

Mit der Zukunft des PARS-3-Systems, dessen Beschaffung vor 13 Jahren der damalige Minister Franz Josef Jung entschieden hat, muss sich nun die neue Ressortchefin Annegret Kramp-Karrenbauer auseinander setzen. Eigentlich war seit Jahren geplant, dass die Lenkwaffen als neue Hauptbewaffnung für den Kampfhubschrauber Tiger eingesetzt werden. Doch laut Rechnungshofbericht belegte die Einsatzprüfung 2018 auch Probleme beim Gesamtsystem aus Hubschrauber und Raketen, etwa durch eine zu geringe Auflösung des Visiers und eine zu langsame Auslösung der Raketenschüsse.

Auch die von den Herstellern MBDA und Diehl bis heute als Alleinstellungsmerkmal angepriesene Option des Systems, mehrere Raketen gleichzeitig abzufeuern, sei bei dem Test „nicht möglich“ gewesen. Wegen der „erheblichen technischen Defizite“ der PARS-3-Rakete sowie der Waffenanlage des Hubschraubers hält der Rechnungshof ein Festhalten an dem System und weitere Erprobungen für „nicht zielführend“. Es seien „keine signifikant höheren Trefferwahrscheinlichkeiten zu erwarten“, heißt es.

Damit wirft der Rechnungshof auch die grundsätzliche Frage nach der künftigen Verwendung des Kampfhubschraubers Tiger auf. Der Tiger sei „ohne Hauptbewaffnung nur bedingt einsatzfähig“, warnen sie. Der bislang genutzte jahrzehntealte Flugkörper vom Typ Hot sei nur noch bis 2027 verfügbar. Damit sei eine Fähigkeitslücke bei der Bundeswehr bei der Bekämpfung von Zielen am Boden „absehbar“. Die Prüfer fordern das Verteidigungsministerium auf, Schritte zu unternehmen, um die geplante Verwendung des Hubschraubers auch ohne die PARS-3-Lenkraketen sicherzustellen – etwa durch den Neukauf verfügbarer Lösungen. Dabei solle es sich einem „unabhängigen Controlling von bisher nicht am Projekt Beteiligten“ unterziehen.

Parallelen zu Milliardenprojekt TLVS

Der Fall PARS 3 weist einige Parallelen auf zu einem anderen Rüstungsprojekt, bei dem Kramp-Karrenbauer in den kommenden Monaten zum ersten Mal über einen Milliardenvertrag entscheiden muss. Dabei handelt es sich um das taktische Luftverteidigungssystem TLVS, auch bekannt unter dem früheren Namen Meads. Die Vorgeschichte von TLVS, an dem der PARS-3-Hersteller MBDA beteiligt ist, reicht bis in die 90er-Jahre zurück. Ursprünglich wurde auch die Entwicklung des Boden-Luft-Raketenabwehrsystems zusammen mit Partnern in Angriff genommen – in diesem Fall mit den USA und Italien, die im Verlauf der Entwicklungsphase ausstiegen. Wie bei PARS3 will Deutschland nun die Fertigentwicklung von TLVS im Alleingang stemmen – obwohl eine Modernisierung des bisher genutzten Luftabwehrsystems Patriot deutlich günstiger wäre als die mit Risiken behaftete Neuentwicklung.

Kramp-Karrenbauers Vorgängerin Ursula von der Leyen hatte Mitte 2015 den Zuschlag zugunsten von Meads erteilt und ihn mit der geplanten technischen Überlegenheit des neuen Systems begründet. Seither ringen das Verteidigungsministerium und die geplanten Auftragnehmer - der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin und der deutsche Arm des europäischen Lenkflugkörperunternehmens MBDA – um die technischen Vorgaben, Vertragsbedingungen und Kosten. Anfang des Jahres wurde bereits bekannt, dass die Fertigentwicklung und Beschaffung von TLVS mit rund 8 Mrd. Euro doppelt so teuer werden soll wie geplant. Zudem gab das Ministerium bisher allein für das Projekt TLVS rund 21 Mio. Euro für Studien und externe juristische Beratung aus, wie aus einer aktuellen Antwort des Wehrressorts an die FDP-Fraktion im Bundestag hervor geht.

Um den geplanten Vertrag und sein Volumen läuft derzeit hinter den Kulissen ein harter Poker. Nach Capital-Informationen fiel das jüngste Angebot von Lockheed Martin und MBDA bei der Bundeswehr durch: Statt des vom Auftraggeber geforderten letztverbindlichen Angebots („best and final offer“) schickte das TLVS-Konsortium nur ein unverbindliches. Nun muss die neue Ministerin entscheiden, wie es weiter geht.

Der Beitrag stammt aus der neuen Capital-Ausgabe , die am 19. September erscheint. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop , wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay


Mehr zum Thema



Neueste Artikel