Interview„Ohne das Meer sind wir nichts“

Pierfrancesco Vago, Chef der Kreuzfahrtsparte von MSC
Pierfrancesco Vago, Chef der Kreuzfahrtsparte von MSCPR

Die zweitgrößte Reederei der Welt hat ihren Hauptsitz hunderte Kilometer entfernt vom Meer in Genf in der Schweiz: MSC. Seit Gianluigi Aponte das Unternehmen Anfang der 70er Jahre gründete, hat die Mediterranean Shipping Company stürmisch expandiert, die Flotte zählt heute rund 500 Container- und aktuell 17 Kreuzfahrtschiffe. Vor allem das Reisegeschäft boomt, jedes Jahr kommt mindestens ein neuer Ozeanriese für rund 1 Mrd. Euro und für Tausende Passagiere dazu.

Angesichts des rasanten Wachstums steht die gesamte Branche unter großem Druck, Umweltschützer kritisieren vor allem, dass die gewaltigen Schiffe immense Mengen CO2 und andere Schadstoffe in die Luft pusten. Für eine große Geschichte über die Familie hinter dem MSC-Konzern hat Capital in Genf unter anderem Pierfrancesco Vago getroffen, Schwiegersohn des Firmengründers und Chef der Kreuzfahrtsparte.

Capital: Herr Vago, die gesamte Kreuzfahrtbranche steht im Mittelpunkt der Klimadiskussion. Viele NGOs sagen, Kreuzfahrtschiffe seien schlecht für das Klima, das gesamte Geschäftsmodell der Branche sei nicht nachhaltig.

Pierfrancesco Vago: Absolut, die gesamte Industrie ist im Fokus. Leider gibt es gerade in den Sozialen Medien aber auch viele Gerüchte und Fehlinformationen, die die Anstrengungen unserer Branche in Umweltdingen nicht würdigen. Ich spreche mit vielen NGOs, die gut vorbereitet sind und die Zahlen kennen. Mit ihnen haben wir eine sehr konstruktive Diskussion. Aber es gibt leider viele andere NGOs, die nur gegen unsere Branche arbeiten, weil Kreuzfahrtschiffe eben so ein leichtes Ziel sind.

Sie denken, der Druck und die Kritik ist der Preis, den Sie für Ihren Erfolg zahlen?

Mit Kreuzfahrtschiffen stehen Sie immer auf der Titelseite, im guten wie im schlechten. Der Grund, warum es der Kreuzfahrtbranche so gut geht, ist, dass jeder gerne Urlaub auf einem Schiff macht. Kreuzfahrtschiffe sind sichtbar – es ist also sehr einfach, mit dem Finger auf uns zu zeigen und zu sagen: Ah, das ist seine Schuld. Aber ich gebe zu: Als Industrie müssen wir die Fortschritte, die wir machen, besser kommunizieren – immerhin investieren wir viel, um unsere Emissionen in Zukunft auf null senken zu können.

Lassen Sie uns über die Sache reden: Sie sagen, Ihre Kritiker benutzen falsche Zahlen.

Einige ja. In einer ohnehin komplexen Branche wie der Kreuzfahrtindustrie kommen dann leider falsche Schlüsse heraus. Ich gebe Ihnen zwei wichtige Ziffern: Erstens die globalen CO2-Auswirkungen der gesamten maritimen Industrie, aller Schiffe, aller Fähren. Diese Branche trägt 3 Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß pro Jahr bei. Ich möchte nicht über Länder sprechen, die Kohle zur Stromerzeugung verwenden, ich möchte nicht über die Kohleindustrie sprechen – aber 3 Prozent für alle Schiffe der Welt. Und jetzt kommen wir zur Kreuzfahrtschifffahrt: Alle Kreuzfahrtschiffe zusammen tragen 2 Prozent zu den 3 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes bei. Wenn wir also von der Kreuzfahrtindustrie sprechen, sprechen wir von 0,06 Prozent der gesamten CO2-Emissionen. Das ändert nichts an unserer Verpflichtung, diese Emissionen zu senken – aber es ordnet die Verhältnisse.

Ihre Schiffe sind ein Symbol für ein viel größeres Problem?

Wie gesagt, wir bekommen die guten und die schlechten Nachrichten ab, wir sind immer auf der Titelseite. Zugleich aber ist die Kreuzfahrtbranche, obwohl viel kleiner als das Geschäft mit Containerschiffen, die Sperrspitze bei der Entwicklung neuer Umwelttechnologien. Davon wird die gesamte Schifffahrt profitieren.

Im Branchenvergleich sind die Zahlen gering. Aber wenn wir uns die Emissionen eines einzelnen Schiffes ansehen, sind sie ziemlich groß.

Ich investiere 1 Milliarde Euro in ein neues Schiff. Glauben Sie wirklich, dass ich nicht die neueste, nein die zukünftige Technologie in dieses neue Schiff stecke? Natürlich tue ich das – vor allem, weil wir ein Familienunternehmen sind, das nicht gezwungen ist, Dividenden zu zahlen und seine Aktionäre zufriedenstellen muss. Unser Ziel ist es, keine Auswirkungen auf die gesamte Umwelt zu haben.

Das klingt gut, aber ist es nicht ein langer Weg? Wie wollen Sie ein Kreuzfahrtschiff ohne Auswirkungen auf die Umwelt erreichen?

Durch große Investitionen in Forschung und Entwicklung, das ist unser Versprechen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Auf unseren MSC-Schiffen haben wir eines der modernsten Wasseraufbereitungssysteme auf See. Es wandelt Schmutzwasser praktisch in Trinkwasser um. Damit gelangt kein einziger Tropfen Wasser mehr ins Meer, der nicht zuvor auf diese Weise gereinigt wurde. Jedes Brauch- und Schmutzwasser, das wir an Bord des Schiffes produzieren, geht nicht ungereinigt ins Meer. Null. Das wurde uns auch offiziell bestätigt. Damit wir das erreichen konnten, haben wir vor vielen Jahren mit der Forschung und Entwicklung begonnen.

Und die CO2-Emissionen?

Jetzt kommen wir zu LNG. Flüssiges Erdgas ist die sauberste Energie, die der Schiffsindustrie zur Verfügung steht. Leider bieten aber nur wenige Häfen die Möglichkeit, dort Schiffe mit LNG zu betanken. LNG ist die Technologie der Zukunft, aber heute gibt es in Europa noch nicht einmal einen gemeinsamen Standard für das Betanken von LNG. Wir versuchen abermals, die gesamte Branche voranzutreiben, indem wir beispielsweise spezielle Brennstoffzellen entwickeln, um die Energie zu speichern, die wir mit LNG produzieren können. Aber Sie haben Recht, es ist immer noch ein langer Weg, es ist eine Reise. Ein anderer wichtiger Schritt ist, dass wir alle CO2-Emissionen unserer Kreuzfahrtflotte ab dem 1. Januar 2020 ausgleichen werden, insbesondere durch Kompensationsprojekte im Meer. Dies ist Teil unseres Bekenntnisses zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen.

Was ist mit Batterien für Schiffe?

Gute Frage. Leider sind nicht alle Geschichten, die Sie über Batterien für Schiffe hören, korrekt. Eine Batterietechnologie für so große Schiffe wie unsere existiert leider nicht, noch nicht. Wir müssen noch viel forschen, um dorthin zu gelangen, vielleicht werden wir es eines Tages schaffen. Das gleiche gilt für alternative Kraftstoffe wie Alkohol, Biokraftstoffe und so weiter. Wir müssen zum Beispiel alternative Kraftstoffe aus Abfällen herstellen, andernfalls nehmen wir der klassischen Landwirtschaft Land für die Nahrungsmittelproduktion weg, um damit Kraftstoffe zu erzeugen – was uns bekanntlich in neue Probleme bringt.

Sie erwähnten, MSC sei ein Familienunternehmen. Was ist der besondere Unterschied zwischen Ihrer Firma und einer normalen Aktiengesellschaft?

MSC gehört einer Familie, bei uns ist alles ein Familienunternehmen. Wir müssen Analysten und Investoren nicht jedes Quartal Zahlen präsentieren, wir müssen uns gegenüber den Finanzmärkten nicht so stark rechtfertigen wie das andere Anbieter tun müssen, wir haben keine Aktionäre und Investoren, die Dividenden sehen wollen. Die Zukunft gehört den Familienunternehmen; sie sind es, die das Thema Nachhaltigkeit wirklich angehen können. Übrigens, wir sind eine Familie, die vom Meer und mit dem Meer lebt. Ohne das Meer sind wir nichts. Es liegt also in meinem eigenen Interesse, das Meer und die gesamte Meeresumwelt zu schützen.

Welche Perspektiven hat Ihre Branche? Werden die Schiffe immer größer oder haben Sie mit den Schiffen ein Limit erreicht?

Vor allem in Europa gibt es Grenzen. Unsere Häfen sind oftmals zu alt und zu klein, um noch größere Schiffe aufzunehmen. Aber im Hinblick auf die Umwelt haben die großen Schiffe einen großen Vorteil: Je mehr Passagiere wir auf unseren Schiffen haben, desto geringer sind die Umweltauswirkungen pro Passagier. Und unsere neuesten Schiffe arbeiten mit der ganzen Palette modernster Technik – häufig moderner als die vergleichbaren Techniken an Land.  

Die Kreuzfahrtbranche verzeichnete ein beeindruckendes Wachstum. Kann das ewig so weitergehen?

Die Wachstumsrate unserer Branche ist sehr nachhaltig. Das Limit ist das Angebot, der gesamte Markt bietet Jahr für Jahr 7 Prozent mehr Kabinen und mehr Betten. Das ist gesund. Und als Markt ist die Kreuzfahrtbranche immer noch klein, nur 2 Prozent der gesamten Tourismusbranche. Ich denke also, wir haben noch viel Platz zum Wachsen.


Die ganze Geschichte über MSC und den verschwiegenen Familienclan hinter dem Konzern lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von Capital 1/2020 – ab sofort am Kiosk erhältlich.