Die Stunde Null Max Viessmann: „Diese Krise absorbiert mich in allen Facetten“

Max Viessmann
Max Viessmann
© IMAGO / Hoffmann
Der Heizungsbauer Viessmann steht beim Umbruch unserer Energieversorgung an einem neuralgischen Punkt. Der Krieg in der Ukraine hat auch das Geschäft getroffen. Der 32-jährige Unternehmenschef Max Viessmann erzählt, wie sehr diese Krise ihn verändert

In den ersten Tagen des Krieges wurde auch das Gebäude von Viessmann in Kiew zerstört, die 40 Mitarbeiter des Heizungsbauers mussten fliehen, das Russland-Geschäft wurde gestoppt. Seitdem: Krisenmanagement, jeden Tag ein wenig Ausnahmezustand. „Das sind Momente, die vergisst man nicht“, sagte Unternehmenschef Max Viessmann im Podcast „Die Stunde Null.“ „Das hat mich sehr verändert.“ Man sei sich als Familienunternehmer zwar immer seiner Verantwortung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewusst. „Aber wenn man den Geschäftsführer am Ohr hat, der mit seinen Kindern im Auto sitzt, auf dem Weg aus der bombardierten Stadt Kiew und er um sein Leben fürchtet, das hat noch mal ein ganz anderes Niveau von Verantwortung.“ Das Heiz- und Klimatechnikunternehmen hatte sich zwar vorbereitet und unter anderem ein Hotel für die rund 40 Mitarbeiter in der Ukraine gemietet. Der Kriegsausbruch aber war dann doch ein Schock.

Die Ukraine war vor dem Angriff ein kleiner, aber wachsender Markt für das 105 Jahre alte Unternehmen aus dem hessischen Allendorf. Und es wird weiter betrieben, wo der Krieg es zulässt. „Das Geschäft läuft von Lemberg aus weiter“, berichtete Viessmann. „Ich kann auch voll nachvollziehen, dass man ein Stück Alltag braucht. Was unser Team da leistet unter den Umständen, ist einfach unfassbar.“

Wie über 400 Unternehmen hat Viessmann das Geschäft mit Russland eingestellt – ein Thema, das für Max Viessmann durchaus ambivalent ist. Die Mitarbeiter dort seien auch Betroffene, die den Krieg nicht unterstützten und stark unter den Sanktionen litten, weil „die Inflation durch die Decke geht“. „Die Lebensmittelpreise sind in den letzten zwei Wochen um über 40 Prozent gestiegen – und das bei schwindenden Einkommen“, sagte Viessmann. Da fehle ihm im Westen manchmal die Differenzierung. Als Unternehmen habe er eine „gewisse Sorgfaltspflicht“, zwischen „Verursachern und Auslösern dieses Krieges und den Betroffenen“ zu unterscheiden. Das habe nicht immer etwas mit Landesgrenzen zu tun. „Ich habe weiterhin Verantwortung für diese Menschen.“

Für Max Viessmann, der 2017 in die Unternehmensführung rückte und seit Ende 2021 im Alter von nur 32 Jahren allein an der Spitze steht, ist der Krieg ein prägendes Erlebnis: „Die Krise absorbiert mich als Unternehmer in allen Facetten.“ Erst habe er die Covid-Krise managen müssen, dann die massiven Probleme in den Lieferketten – nun würde man in einen geopolitischen Konflikt „reinschlittern“. „Da fragt man sich, was man seiner Organisation noch so zumuten kann.“ Aber an erster Stelle stehe natürlich der Krieg. „Als Bürger und weniger als Unternehmer bin ich in Schockstarre, was wir an Brutalität in der Ukraine erleben.“

Die Energiekrise führt zu Diskussionen, wie schnell Deutschland es gelingt, Millionen alter Heizungen auszutauschen – zumal Gasheizungen neben Ölkesseln ebenfalls ersetzt werden sollen. Bei Neubauten solle man auf Wärmepumpen setzen, in Kombination mit Photovoltaik und einem Stromspeicher, empfahl Max Viessmann. Bei Bestandsgebäuden sei die Sache komplizierter – weil 85 Prozent nicht saniert seien und nur gut ein Prozent pro Jahr erneuert würden. Die Zukunft liege in „hybriden Lösungen“: Hochtemperatur-Wärmepumpen, Photovoltaik, vielleicht Biomasse sowie Gas für kalte Phasen im Winter und Spitzenlasten, in denen der Strom knapp sei. Man brauche als Nutzer ein „best of all worlds“. Vor allem die Solarthermie, die über Jahre im Schatten der Photovoltaik stand, sei ein wichtiger Baustein. Was natürlich auch eine Frage der Kosten ist – der Einbau von Wärmepumpen ist viel teurer als etwa eine Gastherme.

„Die größte Herausforderung ist die Dekarbonisierung der Städte“, sagte Viessmann, besonders Mehrfamilienhäuser aus der Vorkriegszeit verlangten neuartige, vor allem digital gesteuerte Kombinationen aus Fernwärme, Geothermie und so genannten Booster-Wärmepumpen. „Am wichtigsten wird für uns alle sein, dass wir pragmatisch alles dafür tun, diese Dinge zu lösen und nicht in Perfektion sterben“, sagte Viessmann. Die Bundesregierung solle die Hersteller in die Diskussion einbeziehen, damit man einen „vernünftigen Fahrplan“ erhalte. „Wir können dazu beitragen, dass wir die Unabhängigkeit vom russischen Gas sicherstellen und die Ziele des Klimaschutzes trotzdem erreichen.“

Hören Sie in der neuen Folge von „Die Stunde Null“ außerdem

  • Ein Interview mit Alexander Rodnyansky, dem Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij
  • Ein Update, wie die Börsen auf den Notfallplan Gas reagieren – haben die den Schock wirklich verdaut?

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