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JP-Morgan-Szenario Könnte Deutschland wirklich ein Blackout drohen?

Strommasten und Windräder rund um das Kohlekraftwerk Neurath des Stromkonzerns RWE
Die Investmentbank JP Morgan hat in einem Szenario einen flächendeckenden Stromausfall in Deutschland durchgespielt
© IMAGO / Panama Pictures
Die Investmentbank JP Morgan hat Szenarien für einen größeren Stromausfall in Deutschland entworfen. Ein Energieexperte hält das für Panikmache

Die Investmentbank JP Morgan hält angeblich bereits Notfallpläne für Stromausfälle in Deutschland vor. Im Ernstfall soll das Personal von Frankfurt nach London verlagert werden. Wie realistisch ist ein flächendeckender Stromausfall wirklich? Im Interview mit ntv.de erzählt Energieexperte Christoph Maurer vom Beratungsunternehmen Consentec, ob in Deutschland wirklich schon bald die Lichter ausgehen und ob erneuerbare Energien das Risiko für einen Blackout erhöhen.

Ist die Angst vor einem Blackout Panikmache oder ein realistisches Szenario?

Christoph Maurer: Die Angst ist zu einem großen Teil Panikmache. Mit dem Begriff „Blackout“ sollte man sowieso vorsichtig umgehen. Denn er meint einen ungeplanten großflächigen systemumfassenden Stromausfall, der enorme Konsequenzen hat, weil es lange dauern kann, die Versorgung wieder herzustellen. Dieses Szenario kann man nie komplett ausschließen, mit Blick auf den kommenden Herbst und Winter müssen wir uns darum allerdings nicht primär sorgen.

Sondern?

Was eher auf uns – und möglicherweise noch eher auf Verbraucher zum Beispiel in Frankreich – zukommen könnte, ist eine sogenannte rotierende Abschaltung. Dabei werden geplant für bestimmte Zeiträume bestimmte Teile der Last vom System getrennt. Das ist für die Verbraucher unschön – aber es ist eben etwas ganz anderes als ein Blackout. Es macht einen Unterschied, ob ein ganzes Land gleichzeitig keinen Strom hat oder ob eine Stadt oder ein Stadtteil temporär für zwei Stunden vom Netz genommen wird.

Unter welchen Umständen kann es zu einem Blackout kommen?

Große Blackout-Ereignisse sind äußerst selten und meistens nicht davon getrieben, dass zu wenig Strom im System ist. Im Regelfall sind es Netzprobleme, bei denen irgendetwas Unvorhersehbares passiert. Meistens kommen auch mehrere Dinge zusammen. Zum Beispiel kann es nach einer Auftrennung des europäischen Stromnetzes in zwei Teilnetze dazu kommen, dass in der einen Hälfte des Systems viel zu viel Leistung und in der anderen Hälfte viel zu wenig Leistung ist. So etwas muss innerhalb von Sekunden ausgeglichen werden. Wenn das nicht gelingt, ist das ein Szenario, das in einem Blackout enden kann.

Welchen Beitrag können längere AKW-Laufzeiten zur deutschen Energiesicherheit liefern?

Aus dem Stresstest ist deutlich geworden: Mit einem Streckbetrieb der AKWs könnten in Deutschland nicht unbedingt wahrscheinliche, aber denkbare Strommangelsituationen und damit die angesprochenen rotierenden Abschaltungen im kommenden Winter vermutlich vermieden werden. Auch im Ausland gäbe es einen solchen positiven Effekt.

Welchen Einfluss hätte es auf den Strompreis, wenn die AKWs weiterlaufen?

Wie groß der Einfluss wäre, lässt sich nur sehr schwer abschätzen. Qualitativ ist das auf jeden Fall ein Strompreis-senkender Effekt. Der muss aber quantitativ nicht wahnsinnig groß sein, wenn in der überwiegenden Zeit des Jahres Gaskraftwerke benötigt werden und den Preis setzen. In der Debatte kommt auch oft zu kurz: Die AKWs würden entweder Gas sparen oder den Preis verringern. Sie würden möglicherweise nicht beides gleichzeitig tun, aber dennoch einen Effekt haben.

Worauf muss man achten, wenn ein System ganz ohne Kohle, Atomenergie und Gas auskommen soll?

Dafür muss Vorsorge getroffen werden. Um während einer Dunkelflaute die Stromversorgung sicherstellen zu können, brauchen wir Reserveleistungen. Wie viel genau von dieser Reserveleistung man braucht und ob man die in Europa auch gemeinsam vorhalten kann, muss noch geklärt werden. Viele Rechnungen gehen davon aus, dass man um die 60 Gigawatt an Reservekraftwerken vorhalten muss. Zum Vergleich: Wir haben heute ungefähr eine Spitzenlast von 80 Gigawatt.

Ab wann geht es ohne AKW, ohne Kohle, ohne Gas?

Ein klimaneutrales Stromsystem könnte 2035 denkbar sein – und das ist schon ambitioniert. Früher halte ich für unrealistisch.

Erhöhen erneuerbare Energien das Risiko für einen Blackout?

Nein. Man kann ein Stromsystem, das auf erneuerbaren Energien beruht, auch sicher betreiben. Das bedeutet nicht, dass deswegen die Blackout-Gefahr höher ist. Was wir allerdings nicht schaffen werden, ist das System ohne einen signifikanten Netzausbau zu de-karbonisieren und gleichzeitig die Versorgungssicherheit hochzuhalten.

Welche Rolle spielt das Verhalten der Verbraucher bei der Belastung der Stromnetze in der kalten Jahreszeit?

Für den kommenden Winter bleibt den Verbrauchern vor allem das Energiesparen. Und sie sollten auf strombasierte Heizgeräte wie Heizlüfter verzichten, weil das die Risiken für die Versorgungssicherheit im Stromsystem deutlich erhöhen könnte. Perspektivisch werden sie allerdings viel aktiver am Strommarkt teilnehmen als das heute noch der Fall ist. Eine große Aufgabe der nächsten zehn Jahre ist es, den Strommarkt zu digitalisieren. Auf mittlere Sicht erwarte ich, dass Verbraucher zeitvariable Preise sehen können. Es wird bald einen Unterschied machen, ob jemand sein E-Auto zu einer Zeit lädt, wo sehr viel Erneuerbare eingespeist werden, oder wenn diese Leistung gerade nicht zur Verfügung steht und der Strompreis deswegen deutlich teurer ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf ntv.de.

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