KolumneKein seriöser Bieter für Thyssenkrupp

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Eigentlich ging es in der letzten Woche bei der Telekonferenz mit Finanzanalysten um die Zahlen des abgelaufenen Quartals, doch der Chef des Stahlkonzerns SSAB nutzte die Gelegenheit auch, um öffentlich von Thyssenkrupp abzurücken: An einem Bieterprozess für die Stahlsparte des Essener Konzerns sei sein Unternehmen „nicht beteiligt“. Die Absage der Schweden beendet aller Wahrscheinlichkeit nach nun wohl endgültig den Traum von einer seriösen Lösung für den angeschlagenen Konzern. In der Branche galt SSAB als einziges europäisches Unternehmen, das erfolgreich und finanziell stark genug sei, um die deutschen Hochöfen aufzufangen.

Die angeblichen Alternativen, die man bei Thyssenkrupp immer wieder wortreich beschwört, entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Luftnummern. Ein Staatskonzern aus China? Politisch in Deutschland nicht zu vermitteln. Die Russen? Bekunden kein ernsthaftes Interesse an der Stahlsparte und wären politisch ebenfalls kaum erwünscht. Der Einstieg des deutschen Staats? Würde nicht ein einziges Problem lösen, sondern lediglich private Verluste sozialisieren.

Am Ende bleibt wahrscheinlich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Da gibt es das vollmundige Angebot von Liberty Steel, das offenkundig auf eine gewaltige finanzielle Mitgift des Mutterkonzerns spekuliert und nebenbei auch noch hohe deutsche Subventionen abgreifen möchte. Mit vollständig intransparenten Strukturen, einer Geschichte äußerst undurchsichtiger Finanzierungen und einer autokratischen Führungskultur käme ein Zuschlag für Liberty einem Vabanquespiel gleich, bei dem niemand die Karten des indischen Konzernchefs Sanjeev Gupta kennt.

Kommen Thyssenkrupp und Tata noch einmal zusammen?

Bleibt eigentlich nur noch ein anderer indischer Konzern übrig: Tata. Nach dem Scheitern der ersten Fusion vor einem Jahr erscheint diese Lösung auf den ersten Blick unwahrscheinlich. Das Veto der EU-Wettbewerbshüterin Margrethe Vestager muss jedoch nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit bleiben. Das damalige Hauptargument gegen den Zusammenschluss – die Gefahr massiv steigender Stahlpreise in Europa – kann man in der jetzigen Gemengelage nicht mehr ganz so ernst nehmen wie damals. Inzwischen kann in Brüssel eigentlich niemand mehr daran zweifeln, dass Thyssenkrupp Steel als Sanierungsfall zu begreifen ist, an den man andere Maßstäbe anlegen muss als an eine normale Fusion. Und umgekehrt könnten auf Seiten der beiden Konzerne viele Zugeständnisse, gegen die man sich vor anderthalb Jahren noch heftig sträubten in der jetzigen Krise nun doch möglich sein.

An einem kann kein Zweifel bestehen: Die Tata-Gruppe wäre im Vergleich zu Liberty der deutlich vernünftigere Partner. Das sollten jetzt auch die deutschen Gewerkschaften einsehen, die damals auf Konfrontationskurs zu Tata lagen. Klar ist: Bei Thyssenkrupp kommt es so oder so zu einem weiteren Abbau von Jobs. Und auch Standortschließungen in Europa scheinen unvermeidbar. Die einzige Frage ist, wer die Sparprogramme exekutiert. Noch sperrt sich die IG Metall offiziell gegen diese Erkenntnis und propagiert stattdessen die Scheinlösung eines Staatseinstiegs. Es wäre aber höchste Zeit umzudenken. Wie sagt man doch im Ruhrgebiet? Besser der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.