KolumneScheinlösungen für den Scheinriesen Thyssenkrupp

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Endlich mal wieder eine positive Nachricht aus dem Haus Thyssenkrupp: Seit letzter Woche kann man im Werkscafé „Stulle & Stahl“ in Duisburg Pullis und Jacken der Eigenmarke „August & Alfred“ erwerben – jeweils verziert mit einen kleinen Stück Zierrat aus einem alten Schmelzermantel, den Stahlarbeiter am Hochofen als Schutz gegen die hohen Temperaturen tragen. Die Lokalpresse war hin und weg und selbst die „Bild“ berichtete.

Die Aktionäre von Thyssenkrupp wissen bei solchen Meldungen nicht, ob sie nun wirklich lachen oder doch lieber weinen sollen. Solche bunten Stories gab es in den letzten Jahren fortlaufend aus dem maroden Konzern. So liefen die Manager in der Essener Zentrale eine Zeitlang nur noch mit Adidas-Turnschuhen in blauer Unternehmensfarbe herum, ein früherer Chef ließ sich bei chinesischen Tai-Chi-Verrenkungen für die Presse ablichten und sein Nachfolger in einem Container, der zu einer „echten Ruhrpott-Kneipe“ stilisiert worden war. Während dessen fällt die Aktie des Konzerns und fällt – allein im letzten Monat noch einmal um ein Viertel.

Eine Strategie für eine nachhaltige Wende entdeckt man in Essen nirgends – vor allem nicht für den Stahlbereich, der Monat für Monat eine dreistellige Millionensumme vernichtet. Viele Zukunftsideen, die man aus dem Unternehmen hört, erinnern an Irrlichter in der Dunkelheit. Etwa die ganze Debatte über „klimaneutralen Stahl“. Nicht, dass die Idee grundsätzlich falsch wäre, im Gegenteil: Langfristig könnte sich der Konzern so vielleicht differenzieren. Doch bis es so weit ist, werden noch über viele Jahre Investitionen in Milliardenhöhe fällig, die Thyssenkrupp in seinem jetzigen Zustand überhaupt nicht aufbringen kann. Auch die immer wieder aus Essen ins Spiel gebrachten „Kooperationspartner“ und „Käufer“ entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Luftnummern – es sei denn, Thyssenkrupp spendiert so viel Kapital für einen Zusammenschluss, das für die Zukunft des Konzernrests so gut wie nichts mehr übrig bleibt.

Scheinlösungen für einen Scheinriesen – diese Überschrift könnte man auch über die neuste Idee des Betriebsrats und der IG Metall setzen. Die Funktionäre werben seit ein paar Wochen immer heftiger für eine „Staatsbeteiligung“ an dem Konzern, ohne genau zu sagen, was sie eigentlich außer weiteren Milliarden bringen soll, die wahrscheinlich ähnlich versickern würden, wie es die 17 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Aufzugssparte gerade tun. Sicherlich können Staatsbeteiligungen in außergewöhnlichen Krisenlagen sinnvoll sein – siehe Lufthansa. Doch bei Thyssenkrupp geht es keineswegs um die Folgen Corona-Krise. Der Stahlbereich steckte schon vor der Pandemie in einer tiefen Krise und wird auch nach ihr nicht aus eigener Kraft gesunden. Wer also einer „Staatsbeteiligung“ das Wort redet, wie es auch große Teile der SPD tun, müsste ehrlicherweise bekennen, dass damit ein Staatskonzern entstehen würde. Ein Szenario für einen Wiederausstieg nach einer Beteiligung wäre schlicht nicht vorstellbar. Ein Dauerverlustbringer, der auf Dauer aus der Staatskasse alimentiert wird, das kann nicht die Lösung sein. Auch nicht, um Jobs zu retten.