GastkommentarKein Mensch braucht die digitale Transformation

Zwei Männer stehen in einer Produktionshalle und schauen auf ein Tablet
Die Digitalisierung hält überall Einzug, aber Unternehmen brauchen mehr als nur eine TransformationGetty Images

Immer mehr mittelständische Betriebe leisten sich einen Pausenclown, neudeutsch „CDO“ genannt. Der Chief Digital Officer. Denn die Organisationen fühlen sich wohl, wenn da jemand clownesk rumhampelt und augenscheinlich die digitale Transformation vorantreibt – während alle anderen im Kopf Pause machen können von der Digitalisierung und fröhlich weiter konventionellen Prozessen folgen.

Diesen Unternehmen und ihren CDOs möchte ich raten, sich nun zu setzen. Denn die folgende Botschaft wird hart für sie sein: Kein Mensch im deutschen Mittelstand braucht die digitale Transformation.

Hände weg!

Was in mittelständischen Organisationen aktuell unter dem Deckmantel der Digitalisierung passiert, ist ohnehin noch keine wirkliche Digitalisierung. So wie ein Mobiltelefon mit Display noch kein Smartphone ist. Ich beobachte bestenfalls eine zaghafte Weiterentwicklung des Status quo, den wir ohnehin schon erreicht haben. Wo früher eine Maschine stand, die von Hand bedient werden musste, steht heute eine Maschine mit Steuerung und einem Schaltschrank daneben. Und ja, in diesem Fall kann man von einer Transformation sprechen. Aber diese stößt eben unerwartet frühzeitig an Grenzen.

Dann geht es mittelständischen Unternehmen wie in jenen Tagen, als die Menschheit noch per Pferd reiste. Mit der Zeit kam der Anspruch auf, schneller unterwegs zu sein. Was passierte? Man hat nicht etwa das Pferd weiterentwickelt oder einen Verbrennungsmotor an eine Pferdekutsche geschraubt. Nein, Carl Benz entwickelte das Automobil.

Das Pferd ist deshalb nicht von der Bildfläche verschwunden, erfüllt heute jedoch eine ganz andere Funktion, während das Auto den Grundstein für eine neue Ära der Mobilität legte.

Ein Pferd mit Flügeln

Denselben Sprung muss nun auch der deutsche Mittelstand in der digitalen Entwicklung schaffen. Statt das metaphorische Pferd schneller zu machen, benötigen wir einen neuen Ansatz. Sonst kommt Blödsinn dabei heraus nach dem Motto: Wir wollen fliegen, dann bauen wir Flügel ans Pferd – statt ein Flugzeug zu entwickeln.

Der Mittelstand braucht in meinen Augen deshalb keine digitale Transformation, sondern einen digitalen Neustart. In meinem Unternehmen stellen wir uns deshalb grundlegende Fragen: Was braucht der Mensch, was braucht unser Kunde morgen, wo ist tatsächlich der Engpass, was bringt uns wirklich ans Ziel?

Denn das ist unterm Strich kein schnelleres Pferd. Der Kunde benötigt heute vielmehr – wenn Sie das Problem einmal von oben betrachten –  ein schnelles, individuelles und umweltfreundliches Fortbewegungsmittel und damit eine modernere Form der Mobilität.

Es ist dieses Bedürfnis hinter dem konkreten Problem, das Unternehmer lösen sollten, wenn ihnen neue Bordmittel wie die Digitalisierung zur Verfügung stehen – anstatt immer noch ein Rädchen an bereits bestehende Produkte und Lösungen zu basteln.

Digital durchstarten

Dieser Blick auf das größere Problem hinter dem konkreten Problem, der Blick auf die Metaebene, fehlt mir aktuell in der Diskussion um die digitale Transformation im Mittelstand komplett. Etliche Führungsebenen verbrennen Unmengen an Energie im Konkreten, weil keine Abstraktion des Problems stattfindet. Denn die Digitalisierung ermöglicht ein ganz anderes System, andere Lösungen und Arbeitsansätze als bisher möglich.

Statt abstrakt über neue und andersartige Möglichkeiten nachzudenken, transformieren die Mittelständler. Damit ketten sie sich an das alte Gedankengut und legen CDs auf Plattenspieler, statt einen neuen Ansatz zu wagen und die MP3-Datei zu erfinden.

Natürlich ist es gefühlt immer leichter, etwas zu transformieren, als neu auf der grünen Wiese zu starten. Sie können die Köpfe Ihrer Mitarbeiter wie Führungskräfte und die der Kunden auch nicht von heute auf morgen umstellen. Aber ich wünsche dem deutschen Mittelstand, dass er den Mut hat, wirklich Neues zu beginnen, anstatt sich mit Transformationsgerede zu betäuben. Das „digitale Auto“ kann ja auch durchaus parallel zum „analogen Pferd“ starten – Hauptsache, es steht bereit, wenn das überholte Pferd mit der Zeit auf der Strecke bleibt.