KolumneWarum Digitalisierung die größte Chance des Mittelstands ist

Finleap-Gründer Ramin Niroumand
Finleap-Gründer Ramin NiroumandPR

Waren Sie heute schon beim Bäcker? Falls ja – wie haben Sie ihre drei Schrippen bezahlt? Ich wage eine kühne Vermutung: es war nicht per Kartenzahlung. Unsere ganze Wirtschaft ist digitalisiert… unsere ganze Wirtschaft? Nein. Ein von unbeugsamen Unternehmern besetzer Zweig hört nicht auf, der Digitalisierung Widerstand zu leisten. Gemeint sind in diesem Fall nicht die berühmten Gallier, sondern der mindestens so berühmte deutsche Mittelstand.

Und eigentlich leisten sie auch keinen richtigen Widerstand – sie bekommen nur keine Chance zur Digitalisierung. In einer Welt, in der jeder heute vom Klopapier bis zum Ferienhaus alles digital bestellen, buchen und bezahlen kann, muss man zu 90 Prozent immer noch beim Bäcker mit mühsam zusammen gesuchten Münzen bezahlen. In meinem Lieblings-Thai Restaurant gehört das Schild: „Cash Only“ genauso zum Inventar wie der Holz-Elefant. Und fordern Sie in Berlin bloß nie ein Taxi mit EC-Gerät an, es wird sowieso gerade „leider kaputt“ sein. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, die wir als Kunden zu spüren bekommen. Hinter den Kulissen sieht es für die Unternehmer aus Gastronomie, Lebensmittelhandwerk, Einzelhandel, Gesundheitsberufen, Handwerk meist noch schlimmer aus.

Zeitraubende, weil meist manuelle  Buchhaltungsprozesse, keine Echtzeit-Übersicht über Ein- und Ausgaben, daher auch wenig Wissen über tatsächlichen Cashflow und Schwierigkeiten bei der Zusammenführung von mehreren Filialen gehören für viele Mittelständler zum alltäglichen Geschäftswahnsinn. Hinzu kommen Faktoren von außen: Die Datenschutz-Grundverordnung der EU – liebevoll auch unter DSGVO bekannt – treibt nicht nur regelmäßig Medienschaffenden den Schweiß auf die Stirn, sondern hat auch große Auswirkungen auf jeden Mittelständler, der mit Kundendaten zu tun hat, wie Ärzte, Anwälte, Steuerberater. Auch die Konkurrenz schläft nicht: größere Konzerne haben digital  schon längst aufgerüstet und hängen die kleinen und mittleren Unternehmen nicht nur mit einer komplett digitalen Buchhaltung ab, sondern auch mit Know-how im Online-Marketing. Sie rankt Google ganz oben, den kleinen Familienbetrieb ohne nennenswerte Website nach hinten. Die Konsequenz ist Kundenschwund. Und nicht nur die Kunden gehen verloren, auch die Nachwuchskräfte. Die jungen Talente wachsen mit der Digitalisierung auf – ein Job in einem Betrieb, wo der Chef die Quittungen noch im Schuhkarton sammelt, ist da wenig erstrebenswert.

Es mangelt an den richtigen Angeboten

Wollen denn alle diese Betriebe nicht digital werden? Das würde ich keinem unterstellen. Die meisten bekommen nur nicht die richtigen Angebote, um ihr Unternehmen in das digitale Zeitalter zu führen. Und das wiederum liegt meist an den traditionellen Finanzdienstleistern.

  • Stichwort Banking: Bei den traditionellen Banken sind kleine und mittlere Unternehmen in der Regel keine gern gesehenen Kunden, weil sie zeitaufwendig und teuer sind. Um das auszugleichen, werden die meisten wie normale Retail-Kunden behandelt: Sie bekommen, anders als große Unternehmen, keine regelmäßige, individuelle Beratung und Betreuung, werden bei den Gebühren aber gleichermaßen zur Kasse gebeten. Allein der Vorgang, ein Geschäftskonto zu eröffnen, kann sich wochenlang hinziehen, erfordert eine Dicke Mappe voller Unterlagen und jede Menge Zeit in der Filiale. Ein Geschäftskonto, das in wenigen Minuten online zu eröffnen ist, ein Buchhaltungstool bietet, Ein- und Ausgaben in Echtzeit anzeigt und per App zu bedienen ist? Bei den Filial-Banken unauffindbar.
  • Stichwort Datenschutz: Eine teure Cyberversicherung ist schnell abgeschlossen – leider in den wenigsten Fällen aber passend auf die Bedürfnisse einzelner Mittelständler zugeschnitten. Aber eine richtig gute Prävention, zum Beispiel durch Mitarbeiterschulung, regelmäßige Phishing Tests und eine Notfall-Hotline haben die traditionellen Versicherer von alleine leider nicht im Portfolio.
  • Stichwort Kartenzahlung, Dokumentation, digitales Marketing: Natürlich gibt es in jedem dieser Bereiche so viele Anbieter wie Bartträger im Café St. Oberholz. Jetzt liegt es am Unternehmer, das passende zu finden – in mühseliger Recherche nach Feierabend, um am Ende mit verschiedenen Anbietern verschiedene Verträge auszuhandeln. Aber eine Plattform für alles, quasi als rechte Hand der Digitalisierung des Mittelstandes? Gibt es am Markt noch nicht.

Die Hoffnung ruht auf Fintechs

Wie soll sie also gelingen, die so dringend geforderte Digitalisierung des Mittelstandes, wenn traditionelle Finanzunternehmen keine Angebote für sie schaffen? Wie immer, wenn der Markt eine Nachfrage nicht bedienen kann, liegt die Lösung bei neuen Playern – in diesem Fall den Fintechs.

Klar, auch hier stand bislang meist der Privatkunde im Mittelpunkt, der mit Produkten wie digitale Konten in der App, online Tools für die Steuererklärung oder den Lunch mit Freunden per Klick zurückzahlen umworben wurde. Aber mehr und mehr rücken auch die Unternehmen in den Fokus der Fintechs.

Am Ende ist Fintech nicht nur eine Erfolgsgeschichte, wenn nur „Digital Natives“ abgeholt werden, die sowieso alles per App bezahlen, sondern wenn es das Herzstück der Wirtschaft erreicht. Die Anfänge sind noch zart, aber sie sind da. Und sie machen mir Hoffnung darauf, dass einer der wichtigsten deutschen Wirtschaftsfaktoren den Absprung in die Digitalisierung schafft – ohne sich von internationalen Playern abhängen zu lassen, wie es in anderen Wirtschaftsbereichen bereits passiert ist. An dem Tag, an dem ich beim Bäcker per App bezahlen kann, weiß ich, dass es uns gelungen ist.


Ramin Niroumand ist Gründer und CEO des Fintech-Ökosystems Finleap. Hier finden Sie weitere Kolumnen von ihm