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Interview Joseph E. Stiglitz: „Das beste Mittel gegen Ungleichheit ist ein faires Steuersystem“

Joseph E. Stiglitz erhielt 2001 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Heute ist er Professor an der Columbia University.
Joseph E. Stiglitz erhielt 2001 den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften. Heute ist er Professor an der Columbia University.
© Ex-Press / IMAGO
Sechs Minuten hatte Capital Zeit, um Nobelpreisträger Joseph Stiglitz während eines Deutschland-Besuchs zu interviewen. Dabei ging es um sein Herzensthema: die Ungleichheit. Vor welche Herausforderungen stellt sie eine neue Regierung?

Capital: In Deutschland wird gerade eine neue Regierung gebildet. Was muss die Regierung Ihrer Meinung nach tun, um Ungleichheit effektiv zu bekämpfen?

JOSEPH STIGLITZ: Die Menschen brauchen Arbeit, eine wichtige Aufgabe der Regierung ist es also, für Vollbeschäftigung zu sorgen. Der Arbeitsmarkt muss funktionieren und die Löhne steigen. Das erfordert starke Tarifabschlüsse und einen höheren Mindestlohn. Darin ist man in Deutschland schon besser als in vielen anderen Ländern. Das soziale Sicherheitsnetz etwa ist hier viel besser als in den Vereinigten Staaten. Das beste Mittel gegen Ungleichheit ist jedoch ein faires Steuersystem. Und da hat auch Deutschland noch was zu tun.

Wie hat sich die Pandemie auf die Ungleichheit ausgewirkt?

Die Coronapandemie hat die soziale Ungleichheit vergrößert, verschärft und offengelegt. Das ist schlimm, aber gleichzeitig gibt es einen Silberstreif am Horizont: Die Regierungen können nun nicht mehr wegschauen. Sowohl die Regierungen in den Vereinigten Staaten als auch in Europa fühlen sich stärker verpflichtet, etwas dagegen zu unternehmen. In den Vereinigten Staaten das Rettungspaket die Kinderarmut in einem Jahr um 50 Prozent reduziert. Das ist ein erstes positives Zeichen.

Während der Coronapandemie haben wir erlebt, dass internationale Lieferketten unterbrochen wurden, einige Unternehmen haben Fabriken wieder in ihre Heimatländer zurückverlegt. Ist das das Ende der Globalisierung?

Ja, zumindest verlangsamt sich seit vielen Jahren das Tempo der Globalisierung. Das liegt etwa daran, weil wir immer mehr Dienstleistungen statt Waren konsumieren. Und die lassen sich nicht so einfach international handeln. Zudem digitalisieren sich die Unternehmen, das bedeutet, dass weniger Arbeit von Menschen erledigt werden muss. Damit lohnt es sich für Unternehmen seltener, die Arbeit in Entwicklungsländer mit niedrigen Löhnen zu verlegen. Hinzu kommt, dass viele Menschen regional einkaufen und lange Transportwege vermeiden wollen, um das Klima zu schützen. Alles findet schon heute wieder lokaler statt.

Hat sich dieser Prozess durch die Pandemie beschleunigt?

Ja, eindeutig.

Wohin wird uns das führen – in eine Renationalisierung der Wirtschaft?

Ich bin der Meinung, dass die Vorteile der Globalisierung übertrieben dargestellt worden sind. Die Menschen und Unternehmen merken das und wenden sich ab. Das muss nichts Schlechtes sein und unserer Gesellschaft nicht schaden. Was ich mit Sorge sehe, ist, dass die Kluft zwischen den Vereinigten Staaten und China im Ergebnis wächst. Das könnte uns etwas kosten.

Was denn?

Die Frage ist, wie stark sich die Regionen voneinander entkoppeln werden. Das ist noch in der Schwebe.

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