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Energiewende Here Comes the Sun: Überholt die Solarenergie schon bald die Kohle?

Blick auf einen Photovoltaik-Kraftwerk im Nordwesten Chinas
Photovoltaik-Kraftwerk im Nordwesten Chinas: Das Land ist führend beim Ausbau der Solarenergie
© picture alliance / Lu Ying
Die Energiekrise hat eine ungewollte Renaissance der Kohlekraft ausgelöst – die den Klimaschutz torpediert. Doch sie führt auch zu einem historischen Boom erneuerbarer Energien, wie eine Studie nun prognostiziert

Die nächsten beiden Winter werden nicht nur kalt und hart, sondern schmutzig. Diese Formel haben viele Energieexperten und Klimaschützer im Kopf, wenn sie auf die Energiekrise schauen, die Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelöst hat. Denn in vielen Ländern springt die Kohlekraft in die Lücke, die Russlands Gas hinterlässt.

Die andere vage Hoffnung vieler Experten ist, dass diese Energiekrise auch eine Chance bietet; dass sie den Umbau der Energieversorgung beschleunigt: weniger Kohle, Öl und Gas, mehr Erneuerbare. Aber das waren mehr Szenarien und Anekdoten – oder kleinere Erfolgsmeldungen wie des Berliner Solar-Start-ups Enpal, dass in diesem Jahr seinen Umsatz mehr als verdreifachen wird. „Unsere Nachfrage explodiert gerade“, hatte der Gründer Mario Kohle bereits im Frühjahr zu „Capital“ gesagt.

Eine neue Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) gibt den Hoffnungen der Krise-als-Chance-Fraktion nun Nahrung: Sie erwartet bis 2027 nicht nur eine drastische Beschleunigung des Ausbaus erneuerbarer Energien. In den kommenden fünf Jahren, so die IEA, werde sich die Gesamtkapazität weltweit fast verdoppeln und Solarenergie Kohle als größte Stromerzeugungsquelle ablösen. Die Energiekrise habe einen „beispiellosen Aufschwung für erneuerbare Energien ausgelöst“. Das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, bleibe damit erreichbar. In dieser Prognose ist das Wachstum erneuerbarer Energien um 30 Prozent höher als noch vor einem Jahr erwartet.

Quelle: IEA
Quelle: IEA

Viele Länder investieren derzeit verstärkt in erneuerbaren Energien, um ihre Abhängigkeit von importierten fossilen Brennstoffen zu verringern – darunter auch China, Indien und die USA. Das ist insofern interessant, weil China und Indien immer wieder Schlagzeilen mit dem Bau neuer Kohlekraftwerke machen – was sie weiterhin tun oder zumindest planen. Sie fahren allerdings zweigleisig: China ist ebenfalls führend beim Ausbau von Solarenergie, fast die Hälfte des Zubaus könnte bis 2027 auf das Konto der Chinesen gehen. Der Boom der Erneuerbaren hat derzeit nicht nur den Klimaschutz als Motor: Erstmals geht es vielen Ländern auch um Energiesicherheit und Diversifizierung.

Die IEA rechnet bis 2027 mit einem Anstieg der weltweiten Stromerzeugungskapazität aus erneuerbaren Energien um 2400 Gigawatt (GW) – das entspricht etwa der gesamten Kapazität Chinas. „Die Welt wird in den nächsten fünf Jahren so viel erneuerbare Energien ausbauen wie in den 20 Jahren zuvor“, sagte IEA-Direktor Fatih Birol. Die Krise sei „ein historischer Wendepunkt“.

Die Studien der IEA haben seit jeher Gewicht. Über Jahre hatte die Energieagentur in erster Linie die Kapazitäten der fossilen Energiereserven berechnet. 2021 legte die IEA dann die wegweisende Studie „Net Zero by 2050“ vor, in der sie erstmals einen Fahrplan und Szenarien skizzierte, was die Welt tun müsse, um 2050 klimaneutral zu sein. „Um bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen, müssen sich die jährlichen Investitionen in saubere Energie weltweit bis 2030 auf rund 4 Billionen Dollar mehr als verdreifachen“, hieß es in dem Report. Fatih Birol sprach von „der größten Herausforderung, der sich die Menschheit je gestellt hat“. Um Netto-Null-Emissionen zu erreichen, „müssen sich alle Regierungen auf ein einziges, unerschütterliches Ziel konzentrieren und miteinander sowie mit Unternehmen, Investoren und Bürgern zusammenarbeiten.“

Die neue Prognose ist ein Indikator, dass in vielen Ländern der Ausbau nun schneller vorangehen könnte – und dem Netto-Null-Szenario zumindest näherkommt.

Quelle: IEA
Quelle: IEA

Dass fossile Energien damit in naher Zukunft verschwinden, ist allerdings eine Illusion. Über Jahre wird die Weltwirtschaft noch eine große Abhängigkeit haben, der weltweite Bedarf von Öl wird laut den Daten der IEA bis 2030 sogar steigen, von heute 95 auf 102 Millionen Barrel pro Tag. „Die Berichte über den Tod des Erdöls sind stark übertrieben“, hielt denn auch die „Financial Times“ als Reaktion auf den IEA-Report süffisant fest. „Erneuerbare Energien sind wettbewerbsfähiger geworden, (…) Aber Öl wird es noch eine Weile geben.“

Der Boom der Kohle ist laut den Erwartungen der IEA indes ein vorübergehendes Phänomen.

Und für Deutschland hatten die Energieexperten noch eine weitere gute Nachricht: „In Europa wird Deutschland den mit Abstand größten Ausbau der grünen Energie aufweisen“, sagte IEA-Chef Birol.

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