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Fliesenhersteller Deutsche Steinzeug „Ich hätte mir mehr Verständnis erhofft“

Fliesenproduktion bei der Deutschen Steinzeug
Fliesenproduktion bei der Deutschen Steinzeug
© Agrob Buchtal / Marcus Rebmann
Kaum eine Branche ist so abhängig vom Erdgas wie die Keramikindustrie. Dieter Schäfer, Vorstandschef der Deutschen Steinzeug, über den Notfallplan Gas, die hohen Energiepreise und harte Verhandlungen mit seinen Kunden

Die Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG ist der größte Keramikfliesenhersteller des Landes. Das Unternehmen hat 1115 Mitarbeiter. 2021 lag der Umsatz bei 152 Mio. Euro. In den vier Werken in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Rheinland-Pfalz stellt das Unternehmen Fliesen sowie Schwimmbad- und Fassadenkeramik her. Vorstand der Deutschen Steinzeug ist seit 37 Jahren Dieter Schäfer.

Herr Schäfer, als Fliesenhersteller benötigen Sie sehr viel Gas. Beunruhigt Sie die aktuelle Situation?

Dieter Schäfer, CEO der Deutschen Steinzeug
Dieter Schäfer, CEO der Deutschen Steinzeug
© DSCB/Christian Daitche

Natürlich, denn wir wissen: Wenn kein Gas mehr aus Russland fließt und es eng wird, werden nach dem Notfallplan Gas erstmal weiter Krankenhäuser und Pflegeheime bedient. Dann vielleicht noch die Chemieindustrie, weil sie so viele Vorprodukte für andere Branchen liefert. Wir sicherlich nicht, weil wir nicht als systemrelevant gelten. Meine größte Sorge ist, dass es bei einem Lieferstopp nicht nur zu einer Rationierung des Gases kommt, sondern dass uns dann auch noch vorgeschrieben wird, wo und wie wir es einsparen müssen.

Wie meinen Sie das?

Wir betreiben in Deutschland vier Fliesenwerke in drei Bundesländern. Wenn wir wissen, wir müssen eine bestimmte Menge Gas sparen, können wir damit arbeiten. Dafür gibt es technische Notfallpläne. Da lassen sich Wartungsarbeiten zum Beispiel so legen, dass ein Werk temporär nicht bewirtschaftet wird. Das Schlimmste dagegen wäre, wenn wir jedes Werk ein bisschen stilllegen müssten. Das wäre für uns eine Katastrophe.

Inwiefern?

Wir könnten die Verfügbarkeit einzelner Produkte dann nicht mehr gewährleisten. Einige Serien stellen wir zum Beispiel in verschiedenen Werken her, das würde so nicht mehr funktionieren.

Wofür setzen Sie das Gas ein?

Erstens in den Sprühtürmen. Dort wird dem Schlicker, einer flüssigen Tonmasse, die Flüssigkeit entzogen. Im Innern der Türme herrscht eine Temperatur von über 500 Grad. Das Wasser verdampft, und aus der Masse wird Sprühkorn, ein feines Granulat, das dann zu Fliesenrohlingen gepresst wird. Diese werden je nach Verfahren bei bis zu 1200 Grad gebrannt. Vor allem für die Öfen benötigen wir sehr viel Gas.

Lässt es sich nicht durch andere Energieträger ersetzen?

Perspektivisch ist das vielleicht irgendwann möglich. Es laufen Experimente mit Wasserstoff. Bis zu 20 Prozent des Gases ließen sich durch Beimischungen theoretisch jetzt schon ersetzen. Allerdings gibt es diesen Wasserstoff noch nicht auf dem Markt. Für einen Umstieg müssten wir unsere Öfen komplett umrüsten – abgesehen davon, dass wir von der Technik für den Einsatz von Wasserstoff noch weit entfernt sind, wäre das für uns eine Millioneninvestition.

Es geht ja nicht nur um ein mögliches Ende der Gaslieferungen aus Russland – auch die Preise sind stark gestiegen.

Tatsächlich bereitet uns das ganze Thema Energie erhebliche Probleme. Bei den variablen Kosten verzeichnen wir insgesamt einen Anstieg von etwa 30 Prozent. Darin ist der Energiekostenanteil von 35 auf 50 Prozent gestiegen.

Können Sie so noch wirtschaftlich arbeiten? Andere Hersteller wie etwa Boizenburg Fliesen haben wegen der hohen Energiepreise die Produktion schon zeitweise stillgelegt.

Auch wir mussten unsere Preise erhöhen und haben uns mit unseren Kunden auf einen Energiekostenzuschlag geeinigt. Das waren harte Verhandlungen. Dabei weiß doch jeder, wie die Energiepreise gestiegen sind. Ich hätte mir mehr Verständnis erhofft.

Wie konnten Sie den Zuschlag dennoch durchsetzen?

Indem wir zugesichert haben, mit den neuen Preisen die nächsten Monate weiter verlässlich zu produzieren. Für viele unsere Kunden ist die Verfügbarkeit mittlerweile das Wichtigste. Ob Stahl oder Zement – auf den Baustellen ist ja im Moment alles knapp oder kommt verspätet.

Wenn es noch Jahre dauert, bis andere Energiequellen nutzbar sind, was sind dann Ihre Pläne für die nähere Zukunft?

Bis dahin ist der Weg klar: Energie effizient nutzen und sparen. Daran arbeiten wir ja nicht erst seit Beginn des Krieges. Für die Produktion nutzen wir zum Beispiel die Abwärme der Öfen. Als Innovation haben wir die Sechs-Millimeter-Wandfliese entwickelt. Weil sie dünner ist, verbraucht sie 40 Prozent weniger Material. Auch bei Produktion, Transport und Verpackung wird dadurch gespart.  

In Asien lassen sich Fliesen deutlich billiger fertigen. Ist es für Sie denkbar, Produktion nach Fernost zu verlagern?

Die Frachtkosten sind so hoch, dass sich das nicht rechnet: Pro Quadratmeter Fliesen würden wir für den Transport im Container zehn Euro zahlen. Das macht keinen Sinn. Ich bin deshalb überzeugt: Die Fliese wird immer mehr zum Kontinentalprodukt. Anders sieht es bei der Keramik für Fassaden und Schwimmbäder aus. Da lohnt sich der Export auch nach außerhalb Europas – und wir sind Weltmarktführer.


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