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Sinkende Gaspreise Das Weihnachtswunder auf dem Energiemarkt

Die Gasspeicher füllen sich in Deutschland nach der Kälteperiode Anfang Dezember wieder
Die Gasspeicher füllen sich in Deutschland nach der Kälteperiode Anfang Dezember wieder
© IMAGO/Sven Simon
Die Preise für Erdgaslieferungen in Europa gehen stetig zurück. Das hat nicht nur mit dem milden Wetter zu tun, sondern mit drei weiteren Gründen

Kurz vor Heiligabend stellte Lion Hirth seinen Lesern eine seltsame Frage: „Welche Wettervorhersage nutzt Ihr?“, schrieb der Ökonom und Energieexperte der Berliner Hertie School im Kurznachrichtendienst Twitter. „Meine heißt TTF.“

Was Hirth meinte: Die Prognosen für die Temperaturen der kommenden Tage und Wochen in Mitteleuropa gehen kontinuierlich nach oben. Und ebenfalls seit Tagen gehen die Preise für Erdgas am niederländischen Handels- und Referenzpunkt TTF nach unten. Die Kosten für eine Megawattstunde mit Lieferung im Januar 2023 fielen am Freitag zeitweise auf unter 85 Euro – weniger als zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr. 

Tatsächlich dürfte dieser akute Preisverfall ein Ergebnis der vergleichsweise milden Wetterlage sein, die nicht nur für die Weihnachtsfeiertage, sondern auch für den Jahreswechsel vorhergesagt wird. Allerdings sind sie auch Teil einer längerfristigen Entwicklung, die in dem Ausmaß noch im Sommer kaum jemand erwartet hätte. Der Preis von fast 350 Euro pro Megawattstunde, wie er Ende August erreicht wurde, galt zwar als brutaler Ausreißer nach oben. Dass aber die Kosten für Erdgas so rasch wieder zurückgehen würden, schlossen die meisten Experten aus

Goldman-Experten setzen auf weiteren Preissturz

Als die Energieexperten der Investmentbank Goldman Sachs Mitte September einen Gaspreis von 100 Euro für das erste Quartal 2023 vorhersagten, galt das noch als optimistische Prognose für die gebeutelte Industrie Europas, die unter hohen Energiekosten ächzte. Inzwischen rechnen die Goldman-Leute mit 85 Euro, und auch dieser Wert könnte schon bald nach unten revidiert werden.  

Auch das sind langfristig betrachtet immer noch hohe Preise – sie liegen etwa viermal so hoch wie das, was Anfang 2021 bezahlt werden musste. Aber die fast horrorartigen Ausschläge des Sommers sind vorüber, die Kosten pendeln sich auf niedrigerem Niveau ein. Verantwortlich für die Entwicklung dürften drei Umstände sein – die ordentlichen Füllstände der europäischen Erdgasspeicher, der sinkende Verbrauch und der rasche Aufbau neuer Lieferquellen. 

Die Speicherfüllstände in der EU lagen im Dezember durchschnittlich bei 88 Prozent, in Deutschland als dem größten Speichermarkt sogar noch höher. Nach den kalten Tagen der ersten Dezemberhälfte, in denen zum Teil Gas entnommen wurde, wird inzwischen sogar wieder aufgefüllt, weshalb die Speicherstände insgesamt deutlich über denen der Vorjahre liegen – eine Vorsichtsmaßnahme, mit der bösen Überraschungen im Januar und Februar vorgebeugt werden soll. Das gelingt auch deshalb, weil der Ausfall der russischen Lieferungen durch Importe von verflüssigtem Gas (LNG) kompensiert werden konnte. Inzwischen kommen sogar erste LNG-Einfuhren direkt in deutschen Häfen an. 

Zugleich ist es der deutschen Industrie und den privaten Verbrauchern gelungen, ihre Gasnachfrage zu reduzieren – in schwankendem Umfang zwar, aber doch sichtbar. Dass das nicht auf Kosten eines starken Einbruchs der Produktion ging, gehört zu den positiven Überraschungen dieses ansonsten an Hiobsbotschaften reichen Jahres. Die zu erwartende Rezession scheint, wenn sie denn kommt, eher milde auszufallen. Manche Fachleute befürchten mittlerweile sogar, dass die sinkenden Energiepreise einen zu leichtfertigen Verbrauch anheizen könnten – eine zentrale Kritik am unlängst beschlossenen Gaspreisdeckel der EU. 

Um das kleine Weihnachtswunder auf den Energiemärkten komplett zu machen, sind zuletzt auch die Ölpreise deutlich gesunken, was sich auch an den Tankstellen bemerkbar macht. Die Gründe hierfür dürften – neben dem Ölpreisdeckel der EU – zwar vor allem in der schwach laufenden Konjunktur insbesondere in Asien liegen. Den europäischen Unternehmen und Verbrauchern allerdings kommen die niedrigeren Kosten entgegen. 

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