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Chefin der Zentralbank Elwira Nabiullina – Putins Bankerin

Zentralbankchefin Elwira Nabiullina
Zentralbankchefin Elwira Nabiullina
© IMAGO / SNA
Elwira Nabiullina hat sich einen guten Ruf als weltweit respektierte Ökonomin erarbeitet. Doch jetzt steht die Chefin der russischen Notenbank im Feuer. Sie bekämpft die Sanktionen und sorgt so damit, dass Russland den Krieg fortsetzen kann

Aschfahles Gesicht, ganz in Schwarz gekleidet, den Kopf in die rechte Hand gestützt: Elwira Nabiullina, Gouverneurin der russischen Zentralbank, sitzt am Ende eines sehr langen Tisches im Kreml. Am anderen Ende, etwa sechs Meter von den anderen Teilnehmern des Treffens entfernt, sitzt Russlands Präsident Wladimir Putin. Die 58-Jährige versucht augenscheinlich herauszufinden, in was für einer Lage sie sich eigentlich befindet und zu begreifen, wie es dazu bloß kommen konnte.

Vier Tage zuvor hatte Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine gestartet. Der Rubel war fast 30 Prozent in die Riefe gerauscht. Der Westen hatte eine Salve von Sanktionen abgefeuert und sogar die russische Zentralbank getroffen. Nabiullina habe vorher viele Stresstests für Banken und Finanzsystem durchführen lassen, zitiert die „Financial Times“ einen ehemaligen hohen Beamten, der die Ökonomin kennt. „Aber niemand hat ihr gesagt, dass es dazu [zu einer Invasion] kommen wird.“

Nabiullina hatte zwar die Folgen eines Ausschlusses russischer Banken aus dem Kommunikationsnetz Swift analysieren lassen - aber mit einer Sanktionierung der Notenbank hatte sie nicht gerechnet. Und plötzlich muss sie zur Stabilisierung von Wirtschaft und Finanzsystem eines Landes beitragen, das sich im Krieg befindet.

Vor dem Überfall auf die Ukraine hatte sich Nabiullina einen guten Ruf aufgebaut, seit sie 2013 Chefin der russischen Zentralbank wurde. Sie räumte im Bankensektor auf und wickelte einige in Schieflage geratene Finanzinstitute ab. Ihr gelang es, die Inflation in Russland auf den niedrigsten Stand seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu drücken. Im Frühjahr gab sie als Ziel aus, die Inflation unter vier Prozent zu drücken. Derweil zog der Kreml Truppen an der Grenze zur Ukraine zusammen.

Großer Devisenschatz angelegt

Ihren ersten Erfolg als Notenbankgouverneurin erzielte Nabiullina nach der Annexion der Krim durch Russland. Fallende Ölpreise und von den USA sowie der EU verhängte Sanktionen sorgten dafür, dass der Rubel etwa die Hälfte an Wert verlor. Sie setzte auf orthodoxe Methoden, verbrannte insgesamt rund 70 Milliarden Dollar Devisenreserven und katapultierte den Leitzins auf mehr als 17 Prozent - doch schließlich wuchs die Wirtschaft wieder, die Inflation ging spürbar zurück, und der Rubel gewann ohne Interventionen der Zentralbank wieder an Stärke.

Nabiullina gelang es, einen der weltweit größten Devisenvorräte anzulegen - der Schatz hatte vor dem Angriff ein Volumen von 643 Milliarden Dollar. Das Ziel war nach den westlichen Reaktionen auf die Krim-Annexion, eine ausreichend große Kasse anzulegen, um mögliche westliche Wirtschaftssanktionen künftig ohne größeren Schaden zu überstehen.

Investoren feierten die Notenbankerin, die damalige IWF-Chefin und heutige EZB-Präsidentin Christine Lagarde verglich ihre Fähigkeiten 2018 mit denen eines „großen Dirigenten.“ Fachzeitschriften wie „Euromoney“ und „The Banker“ sahen in ihr eine der besten Geldpolitikerinnen.

Heute steht Nabiullina vor einer völlig anderen Aufgabe. Die russische Wirtschaft ist von harten Sanktionen des Westens getroffen, hunderte ausländische Firmen haben das Land verlassen. Die Folgen sind in Russland immer stärker zu spüren:

Die Konjunktur ist eingebrochen. Nabiullina rechnet für dieses Jahr mit einem Minus von mehr als 9 Prozent und einer Inflation von mehr als 20 Prozent. Im russischen Parlament räumte sie „Schwierigkeiten“ der gesamten russischen Wirtschaft ein und sprach von einer „strukturellen Transformation“, die angesichts der Sanktionen nötig sei. „Sie setzt ein tapferes Gesicht auf, während die Wirtschaft schwer kämpft“, so das „Wall Street Journal“.

Rubel zurück zu alter Stärke

Nicht nur die russische Wirtschaft kämpft, die Zentralbank tut das auch. Ein Problem dabei ist, dass sie wegen der Sanktionen an einen Großteil des Devisenschatzes nicht herankommt. Doch unter Nabiullinas Führung ist es dennoch gelungen, den Schaden zu begrenzen. Der Rubel ist wieder auf dem Niveau vor dem Überfall auf die Ukraine, und Russland schafft es bisher, seine Auslandsschulden trotz der Sanktionen zu begleichen und damit die technische Pleite zu vermeiden.

Der Preis dafür ist allerdings hoch. Der Leitzins wurde verdoppelt, und Russland führte Kapitalkontrollen ein, um den Abfluss von Devisen ins Ausland zu verhindern. Ausländer dürfen russische Aktien an der Börse in Moskau nicht verkaufen. Exporteure - darunter die Energiegiganten Gazprom und Rosneft - müssen Euro- und Dollar-Einnahmen in Rubel tauschen und übernehmen damit beim Rubel-Stützen die Rolle der Zentralbank. In ausländischer Währung dürfen sich russische Unternehmen nicht mehr verschulden.

Das ist genau das Gegenteil von dem, was die wirtschaftsliberale Ökonomin will. Der Krieg zerstört, was sie in den vergangenen Jahren aufgebaut hat: ihre wirtschaftlichen Prinzipien und ihren Ruf. Sie trägt dazu bei, dass Russland den Krieg fortsetzen kann. „Sie ist eine sehr professionelle, erfahrene Makroökonomin und Zentralbankerin“, sagte die ukrainische Notenbankchefin Walerija Hontarewa der „Financial Times“ über ihre Amtskollegin. „Aber ohne Werte ist Professionalität wertlos“.

Dabei wollte die Liebhaberin von Opern und französischer Poesie nach dem Angriff auf die Ukraine offenbar von ihrem Posten zurücktreten. Der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge wies Putin sie allerdings an, im Amt zu bleiben. Der russische Präsident ist hochzufrieden mit Nabiullina und sorgte dafür, dass sie im Juni ihre dritte Amtszeit beginnen muss.

„Muss loyal sein“

Die ethnische Tatarin ist eine der wenigen Frauen, die in der russischen Administration einen Job an der Spitze haben. Dem Vernehmen nach wäre ihr Rücktritt in der jetzigen Lage von Putin wohl als Verrat gewertet worden. Mit ihm arbeitet Nabiullina seit mehr als 20 Jahren zusammen. Bevor sie an die Spitze der Zentralbank wechselte, war sie seit 2007 Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung.

Über den Krieg hat sich Nabiullina öffentlich nicht geäußert. Doch angesichts einer Kündigungswelle in der Zentralbank bat sie Bloomberg zufolge in einem an die Mitarbeiter adressierten Video darum, „politische Diskussionen“ zu vermeiden, die lediglich „die Energie kosten, die wir brauchen, um unseren Job zu machen.“ Die wirtschaftliche Situation sei „extrem“, so die Notenbankchefin. „Wir alle hätten uns gewünscht, dass all das nicht passiert wäre“.

„Sie denkt, dass ihr Job wichtig für die russische Bevölkerung ist und sie das besser kann als jemand anderes, was nicht unwahrscheinlich ist“, sagte Sergej Gurijew der „Financial Times“. Der russische Ökonom lehrt im Pariser Exil an der Universität Sciences Po. „Also muss sie Putin gegenüber loyal sein und kann nicht zurücktreten.“ Wenn sie sich gegen Putin wende, werde sie herausgeworfen und könne den Russen nicht mehr helfen.

Die ukrainische Notenbankchefin Hontarewa fällt ein anderes Urteil: „Der einzige Weg nach vorn für sie ist, den Wechselkurs zu stabilisieren (…) und eine Banken-Panik zu verhindern - und dann ihr Rücktrittsgesuch zu schreiben.“ Dann werde sie eine weltweit respektierte Person sein. Andernfalls werde sie sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag „mit all den anderen Banditen“ wiederfinden.

Der Beitrag ist zuerst erschienen bei ntv.de

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