Déjà vuEine Anwaltskanzlei namens Bayer AG

Bayer: Die juristische Aufarbeitung der Monsanto-Übernahme wird wohl noch lange dauern
Bayer: Die juristische Aufarbeitung der Monsanto-Übernahme wird wohl noch lange dauern dpa

Jan Heinemann gehört in diesen Wochen zu den allerwichtigsten Managern der Bayer AG – obwohl sich der Mittvierziger weder mit Forschung noch mit Marketing, Vertrieb oder Strategie beschäftigt. Der promovierte Jurist leitet seit Oktober 2016 die konzerneigene Rechtsabteilung in den USA. Im beschaulichen Örtchen Whippany vor den Toren New Yorks arbeiten mehr als 180 Leute für Heinemann. Sein Team gehört zu einem globalen Konzern im Konzern: einer Großkanzlei namens Bayer AG. Wohl kein anderes deutsches Unternehmen beschäftigt weltweit so viele Hausjuristen. Und doch muss Konzernchef Werner Baumann auch noch Honorare in Millionenhöhe an externe juristische Berater zahlen.

Die Übernahme des amerikanischen Saatgutriesen Monsanto gehört zu den komplexesten Deals der Nachkriegszeit. Es geht um Kartellrecht und Patente in Dutzenden von Ländern, um schwierigste juristische Details der Übernahme selbst – und zunehmend auch um Tausende von Verbraucher- und Umweltschutzklagen in der ganzen Welt. Allein in den USA klagen weit über 2000 Farmer und Verbraucher gegen Monsanto wegen möglicher Krebsgefahren durch das Pflanzenschutzmittel Glyphosat. Diese Fälle erbt Bayer, sobald der Deal formal in trockenen Tüchern ist. Deshalb ist Heinemanns Job gegenwärtig so wichtig wie seit Langem nicht mehr.

Der Lipobay-Schock steckt Bayer in den Knochen

Nur einmal in der Konzerngeschichte gab es eine vergleichbare Gefahrenlage wie heute: Um die Jahrtausendwende geriet Bayer durch Tausende Klagen gegen das Medikament Lipobay in Europa und den USA unter heftigen Druck. Am 8. August 2001 musste der Konzern das Präparat nach mehreren Todesfällen vom Markt nehmen. Die gerichtlichen Auseinandersetzungen über Lipobay ziehen sich in Einzelfällen bis heute hin. Ein Gericht in Venedig verurteilte Bayer noch 2013 zu 350.000 Euro Schadensersatz an einen Lipobay-Patienten. Tausende Verfahren in den USA wurden durch einen teuren Vergleich beendet. Insgesamt kostete Lipobay den Konzern mehrere Milliarden Euro, der damalige Vorstand musste 15.000 Stellen abbauen. Zeitweise sah es so aus, als ob das ganze Unternehmen aus den Fugen geraten könnte.

Der Lipobay-Schock steckt dem Konzern bis heute in den Knochen. Damals begann die gewaltige juristische Aufrüstung bei Bayer. Der heutige Aufsichtsratsvorsitzende Werner Wenning leitete während der damaligen Krise den Vorstand und musste den ganzen Konzern umbauen. Seitdem spielen Risikomanagement und Verbraucherrecht, Ethik und die strikte Einhaltung interner Regeln eine sehr große Rolle bei Bayer. Es fragt sich nur, ob man diese Kultur auch bei Monsanto durchsetzen kann.

Natürlich kann man die Glyphosat-Klagen nicht direkt mit Lipobay vergleichen. Der Konzern hält die Verfahren in den USA für völlig unbegründet, den eindeutigen Nachweis einer Krebsgefährdung konnten die Monsanto-Gegner bisher nicht führen. Und doch sollte man die Rechtsrisiken in den USA nicht unterschätzen. So oder so wird sich Bayer mit den Prozessen noch Jahre beschäftigen müssen. Jan Heinemann und seine Nachfolger müssen um ihre Jobs nicht fürchten.