StreitgesprächBayer vs. Grüne: Wie ernähren wir zehn Milliarden Menschen?

Für das Streitgespräch lud Capital Grünen-Chef Robert Habeck (l.) und Bayer-Vorstand Liam Condon in das Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt-Universität
Für das Streitgespräch lud Capital Grünen-Chef Robert Habeck (l.) und Bayer-Vorstand Liam Condon in das Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Humboldt-UniversitätAlexander Gehring und Paula Winkler

Herr Condon, Sie stehen gerade im Zentrum einer der größten Übernahmen weltweit, von Monsanto durch Bayer. Die halbe Welt hat den Eindruck, dass Bayer gerade Darth Vader übernimmt. Ist das nicht doppelt anstrengend?

Liam Condon: (lacht) Es stimmt ja: Monsanto hat ein schlechtes Image, vor allem in Deutschland. Deshalb haben wir von Anfang an betont, dass wir das kombinierte Unternehmen nach Bayer-Werten führen werden. Die Logik des Deals ist klar: Bayer ist stark im Pflanzenschutz, Monsanto führend im Saatgut mit der Kernkompetenz Biotechnologie. Gemeinsam können wir innovativer sein und ganzheitlichere Lösungen anbieten.

Herr Habeck, verstehen Sie zumindest die Logik dieses Deals?

Robert Habeck: Ich verstehe natürlich die interne Logik von Bayer und Monsanto. Sie wollen noch größere Marktmacht. Politisch aber spricht alles gegen diese Fusion. Ganzheitlich heißt doch: größer, neu kombiniert und auf dem Weg zum Oligopol. Das ist der falsche Weg. Das ist ja auch keine Imagefrage, sondern eine materielle: Welche Landwirtschaft wollen wir künftig haben? Eine, die noch stärker Pestizide mit Gentechnik verzahnt und das Ganze noch schön digitalisiert? Das ist die falsche Antwort.

Condon: Sie machen es sich zu einfach! Wer eine nachhaltige Landwirtschaft will, muss auch auf technologische Innovation setzen. Auf besseres Saatgut, widerstandsfähigere Pflanzen und neue molekularbiologische Verfahren. Weil man nur so mit weniger Land, weniger Wasser und weniger Dünger und Pflanzenschutzmitteln mehr Ertrag erreicht. Auf biologische Art. Das muss doch in Ihrem Interesse sein!

Habeck: Nur fürs Protokoll: Wenn ich „biologisch“ sage, meine ich „ökologisch-nachhaltig“, Sie meinen „irgendetwas mit Pflanzen“.

Herr Condon, können Sie die Bedenken von Leuten wie Herrn Habeck verstehen?

Condon: Natürlich, er muss sich als Grünen-Chef gegen Agrarkonzerne und die konventionelle Landwirtschaft positionieren. Meine Aufgabe hingegen ist es zu verstehen: Woher kommen diese Bedenken in Teilen der Gesellschaft, und wie kann ich ihnen begegnen? Da mischen sich mehrere Ängste: die Angst, dass ein großes Unternehmen noch größer wird. Zweitens die Angst, dass Landwirte abhängig werden. Und drittens die Angst, dass Innovationen auf Kosten der Menschen, Tiere und Umwelt gehen, um Gewinne zu machen.

Und sind diese Ängste denn ganz unberechtigt?

Condon: Nun, sie sind erst einmal da, und wir versuchen, ihnen mit Fakten zu begegnen. Jede Zulassungsbehörde der Welt bestätigt uns, dass Produkte aus der Biotechnologie für Mensch und Umwelt unbedenklich sind. Dennoch wird gerade von NGOs und Vertretern Ihrer Partei das Gegenteil behauptet, und viele Menschen glauben das …

Habeck: Es ist genau andersherum: Es sind nicht Ängste, sondern die Fakten, die dagegen sprechen, den Weg dieser sogenannten „grünen Revolution“ einfach weiterzubeschreiten. Es mag sein, dass Sie in Ihren Laboren Innovationen hervorbringen. Aber wenn ich auf die Realität schaue, auf die industriell-chemische Landwirtschaft der vergangenen 30 Jahre, wäre es falsch, diese auf nur noch höherem Niveau fortzusetzen. Fakt ist, dass das Streben nach Größe und immer größeren Skaleneffekten dazu geführt hat, dass immer mehr Betriebe aufgeben mussten. Fakt ist, dass wir einen hohen Verlust an Artenvielfalt haben. Und Fakt ist, dass wir uns bei den genetischen Ressourcen extrem eingeengt haben: Von den 50.000 essbaren Pflanzenarten nutzen wir rund 30. Allein in den vergangenen hundert Jahren haben wir 75 Prozent der Kulturarten verloren.