Afghanistan Die Wirtschaft der Taliban – woher kommt das viele Geld?

Ein Taliban-Kämpfer an der Grenze zu Pakistan. Je mehr Regionen und damit Grenzübergänge die Taliban kontrollierten, desto größer wurde ihre wirtschaftliche Potenz.
Ein Taliban-Kämpfer an der Grenze zu Pakistan. Je mehr Regionen und damit Grenzübergänge die Taliban kontrollierten, desto größer wurde ihre wirtschaftliche Potenz.
© IMAGO / Pacific Press Agency
Die Taliban finanzieren sich hauptsächlich durch den Handel mit Opium, heißt es immer wieder. Die Droge ist zwar ein wichtiger Geschäftszweig der Terrorgruppe – die neuen Herrscher des Landes haben aber auch andere Einnahmequellen

Die Wirtschaft Afghanistans ist schwach. Das ist nicht erst so, seit die Taliban erneut die Herrschaft über das Land übernommen haben. Das ist auch nicht erst so, seit die Amerikaner in das Land einmarschiert sind. Eigentlich ist das schon immer so – und das liegt zu einem großen Teil an der Geografie des Landes. Afghanistan umfasst einen Großteil des Hindukusch, einer der höchsten Gebirgsketten der Welt. Hier eine wirtschaftliche Infrastruktur – oder gar staatliche Strukturen – aufzubauen, hat sich bis jetzt als fast unmöglich erwiesen.

Drei Besatzer haben es bisher versucht: Die Briten zweimal, die UdSSR und zuletzt die Amerikaner und ihre Verbündeten. Alle sind sie gescheitert. In der Folge war das Land zuletzt stark von ausländischen Hilfsgeldern abhängig. Der Weltbank zufolge belief sich das afghanische Bruttoinlandsprodukt 2020 auf 19,8 Mrd. Dollar – rund 43 Prozent davon machten ausländische Hilfen aus.

Nach der Machtübernahme durch die Taliban bleibt ein Großteil des Geldes aus. In Deutschland liegen die Hilfsgelder für Afghanistan bereits seit vergangenem Mittwoch auf Eis. Auch die Nato verkündete den Stopp der Finanzhilfen für Afghanistan. Die EU diskutiert derweil noch darüber, ob die Entwicklungshilfe teilweise eingestellt werden soll.

Der Westen sperrt den Taliban die Konten

Auch der Zugang zu ausländischen Devisenreserven in Höhe von 9,4 Mrd. Dollar der afghanischen Zentralbank ist gesperrt. Einem Sprecher der Bank zufolge könnten die Taliban höchstens auf 0,2 Prozent der Gelder zugreifen. Der Internationale Währungsfonds hat wegen der unsicheren politischen Lage im Land ebenfalls den Zugang für IWF-Ressourcen und zu sogenannten Sonderziehungsrechten gesperrt. Den Taliban ist damit der Zugriff auf den afghanischen Anteil von 240 Mio. Dollar versperrt. Ein 370 Mio.-Dollar-Kreditprogramm, das die Wirtschaft des Landes ankurbeln sollte, hat der IWF ausgesetzt.

In den vergangenen Jahren entwickelten die Taliban aber ein eigenes Wirtschaftssystem, um sich selbst und ihre Infrastruktur zu finanzieren. Obwohl die Amerikaner und ihre Verbündeten 2001 die fünfjährige Herrschaft der Terrorgruppe beendet hatten, ist es den Taliban seit 2003 gelungen, in vielen Regionen und Provinzen des Landes quasi-staatliche Strukturen und damit eine eigene Wirtschaft aufzubauen. Eine Wirtschaft, die, wie sich jetzt zeigt, hochdiversifiziert ist und Geld aus vielen verschiedenen Quellen in die Kassen spült. Woher kommt also das Geld der selbsternannten Gotteskrieger?

#1 Steuern

Auch wenn die Taliban seit 2001 nicht mehr das ganze Land kontrollieren, herrschten sie trotz der Präsenz westlicher Truppen über viele Regionen Afghanistans. In diesen Regionen etablierten sie ein System, dessen Einnahmenstruktur sich an der der offiziellen Regierung in Kabul orientierte. Dazu gehört auch, dass die Gruppe Steuern erhob. Eine Studie von David Mansfield, Afghanistan-Experte am Londoner LSE, zeigt, dass die Einnahmen durch die Besteuerung legaler Güter in der Region Nimrus bei rund 40 Mio. Dollar pro Jahr lagen . Die Betonung auf legale Güter ist wichtig, da die Taliban auch illegale Waren, etwa Drogen, besteuern – das spülte rund 5 Mio. Dollar in die Kassen der Terrorgruppe.

Diese Zahlen bestätigen zwar, dass die Taliban Geld mit dem Drogenhandel verdienen. Sie zeigen aber auch, dass diese Geschäfte nur einen kleinen Teil ihrer Einnahmen ausmachen. Eine weitere Einschränkung: Die genannten Zahlen beruhen auf Schätzungen, der Auswertung von Satellitenbildern und Interviews und können sich in anderen Regionen des Landes anders darstellen.

Die Studie von Mansfield belegt zudem, dass die Taliban legale Produkte in der Provinz Nimrus ähnlich hoch besteuerten wie illegale. Bei sauberen Waren, wie etwa Zement liegt die Abgabe pro LKW bei 125 Dollar, die für einen mit Benzin bei 562,5 Dollar. Bei Produkten, die zumindest in den meisten Ländern illegal sind, sieht das ganz ählich aus. Für Drogen oder deren Derivate oder Vorprodukte erheben die Taliban ebenfalls ganz profan eine Steuer oder Zölle: 1,25 Dollar pro Kilogramm Opium oder Haschisch, 3,75 Dollar pro Kilogramm Heroin. Das entspricht rund ein Prozent des transportierten Wertes. Seit 2018 sei das Steuer- und Zollsystem in der Region noch professioneller geworden, heißt es in der Studie. Offizielle Quittungen sollten verhindern, dass für Waren mehrmals Steuern gezahlt werden mussten.

Längst erheben die Taliban nicht nur Steuern und Zölle auf Transporte. Auch Unternehmen und Ladenbesitzer müssen eine Abgabe von zehn Prozent zahlen. Für Landwirte gilt eine Abgabe namens „Ushr“: Zehn Prozent auf ihre Ernte ist als Steuer abzuführen. Zudem gibt es die islamische Vermögensabgabe „Zakat“ – eigentlich als Almosen für Arme gedacht. Auch von Medien-, Telekommunikations- und Bergbauunternehmen verlangen die Taliban Geld. Zudem erheben sie Abgaben für die Nutzung von Straßen. Experten bezeichnen das Steuersystem der Taliban als Erpressung: Wer nicht zahlt, riskiert sein Leben.

#2 Bergbau

Afghanistan ist ein reiches Land – jedenfalls was Bodenschätze anlangt, die unter den Bergen des Hindukusch liegen: Lithium, Kupfer, Aluminium, Gold, Kohle und Kobalt. Schätzungen zufolge sollen sie einen Wert von 1 Billion Euro haben. Dass sie bisher von der Regierung in Kabul kaum angetastet wurde, lag vor allem an der grassierenden Korruption. Sie verhindert, dass Aufträge vergeben werden und dass Gelder dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Trotzdem: Schon die Regierung des geflüchteten Präsidenten Ashraf Ghani unternahm Schritte, um die Rohstoffe abzubauen. So hat sie etwa Rechte an chinesische Firmen verkauft.

Doch auch wenn es wenig Bergbau in Afghanistan gab, heißt das nicht, dass er gar nicht stattfand – und wenn, dann profitierte die Taliban, indem sie Steuern erhoben. Teilweise baute die Terrorgruppe die Rohstoffe auch gleich selbst ab und verkaufte sie ins Ausland. Weil viele der Rohstoffe im Ausland als illegal abgebaut galten, wurden sie auf den Märkten mit gefälschten Herkunftsbezeichnungen gehandelt. Das gilt etwa für Marmor.

Der Reichtum an Bodenschätzen könnte neue Akteure nach Afghanistan locken, die jetzt, da die Amerikaner abgezogen sind, die Gunst der Stunde nutzen. So zeigten jüngst etwa China, Russland und auch die Türkei gesteigertes Interesse an dem Land. Bisher verdienten die Taliban im Jahr rund 450 Mio. Dollar mit dem Bergbau, wie aus einem Bericht der Nato hervorgeht.

#3 Drogen

Die Taliban seien ein Drogenkartell, hieß es in der Vergangenheit immer wieder. Die Gruppe verdiene ihr Geld hauptsächlich mit dem Anbau von Schlafmohn und der Produktion von Opium und Heroin. Ganz falsch ist das nicht, nur ist es eben auch nicht ganz richtig. Denn längst hat die Gruppe auch dieses Geschäftsfeld diversifiziert.

Der Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen zeigt, dass Afghanistan in den vergangenen Jahren für rund 84 Prozent der weltweiten Opiatproduktion verantwortlich war. Lange Zeit spielten der Anbau und die Weiterverarbeitung von Schlafmohn, eine der wichtigsten Zutaten für Heroin, die Hauptrolle in der Drogenwirtschaft der Taliban. Dank neuer und günstigerer Herstellungsverfahren hat die Terrorgruppe es geschafft, das wild wachsende Ephedra-Kraut zu einer wichtigen Einnahmequelle zu verwandeln – sie stellt daraus Ephedrin her, eine Vorstufe von Methamphetamin. In der Provinz Nimrus soll der Methamphetaminhandel den Opiathandel inzwischen sogar überflügelt haben.

Mit dem Opiumanbau sollen die Taliban laut einem Bericht des Uno-Sicherheitsrates im Jahr 2020 rund 460 Mio. Dollar verdient haben. Das entspräche immer noch einem großen Teil der Gesamteinnahmen der Gruppe, die laut Uno zwischen 300 Mio. und 1,6 Mrd. Dollar liegen. Diese Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, es handelt sich dabei nur um Schätzungen, wie sich unschwer aus der Diskrepanz der beiden Zahlen zeigt.

Afghanistan-Forscher wie David Mansfield gehen davon aus, dass die kursierenden Schätzungen zu hoch sind. Er meint, die Gruppe habe eine Tendenz dazu, diese Zahlen zu beschönigen. Das gilt im Übrigen auch für die Einnahmen durch andere Waren. Trotzdem bleibt Afghanistan der weltweit größte Opiumproduzent – obwohl seit dem Einmarsch der USA 2001 rund 9 Mrd. Dollar zur Bekämpfung des Drogenhandels in das Land geflossen sind.

#4 Spenden

Ähnlich wie die offizielle Wirtschaft des Landes sind auch die Taliban auf Geld aus dem Ausland angewiesen. Vor allem Organisationen mit Sitz in den Golfstaaten unterstützen die selbsternannten Gotteskrieger. Auch Privatleute griffen in der Vergangenheit offenbar immer wieder tief in die Tasche: Bis zu 60 Mio. Dollar soll das Netzwerk pro Jahr über Spenden eingenommen haben. Wer die Organisationen sind, listet das US-Finanzministerium auf , sie zählt sie zu Terror-Unterstützern. Auf der Liste steht etwa das Afghan Support Committee, eine von Osama Bin Laden gegründete NGO zur Erhaltung islamischer Traditionen. Oder die Al-Aqsa-Stiftung mit ihrem Hauptquartier in Deutschland und Büros in den Niederlanden, Dänemark, Belgien, Schweden oder Pakistan. Sie leitet Geld an Terrororganisationen weiter. Unter den Empfängern seien Hamas oder eben auch Al-Kaida.

Internationale Abkommen und Embargos haben offenbar wenig geholfen, diesen Geldfluss zu stoppen. Um an die Spenden zu kommen, griffen die Taliban auf ein System zurück, das keine Spuren – weder bei einer Bank noch im Internet – hinterließ. In einigen Fällen scheinen die Taliban gleich auf Bargeldtransporte gesetzt zu haben, in anderen griffen sie auf das Hawala-Netzwerk zurück, einem ausschließlich auf Bargeld basierenden Transaktionssystem. Ein Geldgeber übergibt dabei einen Betrag an einen Hawala-Banker und erhält dafür einen Code. Diesen Code kann er dem Empfänger übermitteln, der sich damit seinerseits an einen anderen Banker des Systems wendet und das Geld abheben kann. Sowohl Sender als auch Empfänger bleiben dabei anonym – die beiden Banker rechnen untereinander ab.

Zu den Geldquellen der Taliban gehören neben Im- und Exporten auch noch Immobilien, die sie in den großen Städten Afghanistans besitzen und betreiben. Ob dieses System den Taliban auch dabei helfen wird, die Wirtschaft des Landes zu steuern, wird sich nun zeigen. Internationale Beobachter gehen davon aus, dass sich das Wirtschaftssystem, das die Taliban in den vergangenen 20 Jahren am Leben gehalten hat, nicht einfach auf das ganze Land übertragen lässt.

Ihr Sprecher Zabihullah Mujahid kündigte in der vergangenen Woche bereits Veränderungen an. So wollten die Taliban die Wirtschaft des Landes revitalisieren, ohne dabei auf das Drogengeld zu setzen. „Afghanistan wird von nun an ein drogenfreies Land sein, aber es braucht internationale Hilfe", verkündete er.

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