AfghanistanIn Afghanistan wird Bitcoin zur Alternative für den „teuflischen“ Dollar

Kann der Bitcoin der lokalen Währung Konkurrenz machen?
Die ersten Hawala-Banker tauschen offenbar bereits Bitcoin gegen Afghani umIMAGO / Xinhua

Teils kilometerlange Schlangen vor den Banken in Kabul sind zum Symbol geworden für den befürchteten Zusammenbruch der ohnehin schwachen afghanischen Wirtschaft. Für alle Geschäfte des täglichen Lebens sind Afghanen auf Bargeld in der Landeswährung Afghani oder in US-Dollar angewiesen. Doch die Scheine sind knapp. Das Finanzsystem konnte in den vergangenen Jahren nur durch die ständige Einfuhr von Dollarnoten durch die Zentralbank am Leben gehalten werden. Ob und wie die Taliban ohne die Hilfe der Amerikaner die gesamte Wirtschaft vor dem Zusammenbruch bewahren können, ist unklar.

Bereits in den Monaten vor dem Siegeszug der Taliban versuchten immer mehr Afghanen, ihr Vermögen mithilfe von Kryptowährungen zu sichern. Laut Daten der Firma Chainalysis ist die Verwendung digitaler Währungen in Afghanistan sprunghaft angestiegen. Im aktuellen „Global Crypto Adoption Index“, der die Verbreitung von Kryptowährungen weltweit vergleicht, liegt das bitterarme Land auf nun Platz 20. Vor einem Jahr waren die Krypto-Aktivitäten in Afghanistan noch so gering, dass es gar nicht im Index auftauchte. Bei Transaktionen direkt zwischen Nutzern, sogenannten Peer-to-Peer-Transaktionen, liegt Afghanistan sogar auf Platz sieben. Laut Google stieg direkt vor dem Fall Kabuls an die Taliban die Zahl der Suchanfragen nach „Bitcoin“ oder „Crypto“ noch einmal an.

Bitcoin schützt vor Unsicherheit im eigenen Land

Eine sichere Alternative in Zeiten eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs zu bieten, ist zentrales Argument der Advokaten von Bitcoin und anderen Cyber-Devisen. In Afghanistan zeigen sich nun Vor- und Nachteile von Kryptowährungen. Auch Videoblogger Farhan Hotak hat einen Teil seines Geldes in Kryptowährungen angelegt und vermehrt. Das Guthaben in einem Wallet, einem digitalen Speicher, gebe ihm die Gewissheit, dass sein Vermögen zumindest teilweise gegen die Unsicherheit im eigenen Land geschützt sei, zitiert der US-Fernsehsender CNBC Hotak.

Im Alltag in seinem Heimatdorf in der Provinz Zabul kann er das virtuelle Vermögen allerdings nicht nutzen. Lebensmittel und alle Waren des täglichen Bedarfs werden hier ausschließlich für Bargeld verkauft. Ein Umtausch von Kryptowährungen in Afghani oder Dollar ist in der abgelegenen Region kaum möglich. So ist er, trotz erklecklichen Gewinnen aus seinen Kryptohandelsaktivitäten, darauf angewiesen, sich unter anderem mit Baujobs Bargeld zu verdienen. Auch umgekehrt ist es für die meisten Afghanen kaum möglich, ihr Barvermögen im Land in Kryptowährungen umzutauschen. So könnten sie es vor einem drohenden Wertverlust des Afghani schützen.

Hawala-Banker tauschen Krypto- in lokale Währung um

Schilderungen von Afghanen auf Twitter zufolge bieten in Kabul erste Geldtransfer-Büros, die mit dem traditionellen Hawala-System arbeiten, an, Bitcoin-Transfers aus dem Ausland in lokaler Währung auszuzahlen. Wie in vielen armen Ländern spielen Geldüberweisungen von Auslandsafghanen in der Heimat eine wichtige Rolle für viele von deren Familien in der Heimat. Doch Filialen internationaler Unternehmen wie Western Union im Land sind ebenso wie die meisten Banken geschlossen.

Ob die Rolle von Kryptowährungen in Afghanistan unter den Taliban weiter wächst, ist kaum abzusehen. Unklar ist überhaupt, wie viel Kontrolle die neuen Herrscher überhaupt über die Wirtschaft und das Finanzsystem erlangen können. Aktuell versuchen die Islamisten alles, um die internationale Gemeinschaft und vor allem die USA zu überzeugen, Afghanistan weiter finanziell zu unterstützen und nicht vom globalen Finanzsystem abzuhängen. In den sozialen Netzwerken fordern einige ihrer Anhänger allerdings bereits lautstark, eine auf Bitcoin basierende Währung als Alternative zum „teuflischen“ Dollar zu schaffen.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de