Déjà-vuDie Kleptokraten des Gazprom-Konzerns

Aleksej Miller nimmt an der Inbetriebnahme der letzten (dritten) Gasförderanlage des Feldes Bowanenkowo per Videokonferenz teil.dpa

BASF-Chef Martin Brudermüller spricht von einem „absolut verlässlichen Partner“, auch Wintershall-Chef Mario Mehren lobt ihn in den höchsten Tönen: Alexej Miller, seit Mai 2001 Vorstandsvorsitzender von Gazprom, genießt in großen Teilen der deutschen Industrie viel Vertrauen. Man kennt sich seit Langem, trifft sich häufiger und zieht gemeinsam immer neue Deals durch. Zwar können Gespräche mit dem linkisch wirkenden Manager, der nur mit leisester Stimme und gesenktem Blick spricht, zur Tortur werden, wie ich selbst bei zwei Interviews feststellen konnte. Aber dafür kann man sich im Westen auf sein Wort verlassen.

Cover der neuen Capital

In Russland mehrt sich jedoch die Kritik an Miller – und das offenbar sogar im Kreml. Ende Februar mussten zwei seiner engsten Getreuen unerwartet den Hut nehmen: Alexander Medwedew und Waleri Golubew. Den bärbeißigen Gazprom-Vize Medwedew kennt so gut wie jeder in der Energiebranche: Auf dem Höhepunkt des ersten Gasstreits mit der Ukraine zog der Russe 2006 bei einer Konferenz in Berlin einen Bunsenbrenner aus der Tasche, um zu demonstrieren, wie Gazprom dem ungeliebten Nachbarn die Leitung abdrehen wollte. Damals war Medwedew gerade zum Generaldirektor der Gesellschaft Gazprom Export und damit zu Millers Außenminister aufgestiegen.

Nun spekulieren viele in Russland und im Westen darüber, wann auch Miller gehen muss. Lange Zeit galt der enge Putin-Vertraute, der schon 1992 an der Seite des späteren Präsidenten Geschäfte in Sankt Petersburg machte, als unantastbar. Miller sorgte viele Jahre dafür, dass immer mehr Geld in die russische Staatskasse floss – und dabei auch genügend bei denen ankam, die man in Russland „die Familie“ nennt: dem engsten Kreis um Putin. Gleichzeitig arbeitete Gazprom unter Miller in den vergangenen 15 Jahren wie eine Investmentgesellschaft des Kremls: Wo immer Putin etwas kaufen wollte – seien es unliebsame Medien oder attraktive Immobilien – sprang der große Gazprom-Konzern mit seinen Hunderten von Tochterfirmen ein.

Der Kreml will ein Exempel statuieren

Doch allmählich treiben es einige der Kleptokraten im Gazprom-Konzern selbst nach Putins Gusto zu toll. Anfang Februar nahmen Sicherheitskräfte während einer laufenden Sitzung des Föderationsrats, der zweiten Kammer des russischen Parlaments, einen Abgeordneten fest, der gemeinsam mit seinem Vater, einem Gazprom-Berater, Erdgas im Gegenwert von fast einer halben Milliarde Euro gestohlen haben soll. Solche Fälle gab es auch früher immer wieder. Meist blieben sie unter der Decke. Diesmal aber will der Kreml ein Exempel statuieren.

Noch wagt es niemand, Miller selbst öffentlich anzugreifen. Möglicherweise wollte der Gazprom-Chef durch die Entlassung seiner beiden Mitkämpfer demonstrieren, dass er selbst im Konzern aufräumen kann. Sein Vertrag läuft offiziell noch bis 2022. Eine Entlassung käme im Westen nicht gut an, solange das teure Pipeline-Projekt Nord Stream II nicht in Betrieb ist. Zu sehr sollten sich Millers deutsche Bewunderer aber nicht darauf verlassen, dass ihnen der Gazprom-Chef noch lange erhalten bleibt. Im Gegenteil: Zu große Nähe könnte zum erheblichen Reputationsrisiko werden.