KolumneDie Gefangenen des chinesischen Marktes

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Vor dem Ausbruch der großen Finanzkrise 2007/2008 verteidigte der damalige Chef der Citigroup, Charles „Chuck“ Prince, das hochriskante Geschäft mit Schrottpapieren mit einem Satz, der seither zum Synonym für gefährliche Kurzsichtigkeit in der Wirtschaft geworden ist: „So lange die Musik spielt, müssen wir aufstehen und tanzen.“ So ähnlich wie der Banker damals verhalten sich heute auch viele deutsche Unternehmen in der Volksrepublik China. Kollektiv ahnen sie, dass sie sich immer tiefer in eine Falle hineinbegehen; individuell aber machen sie so lange weiter, wie es eben geht. Oder um in der Welt der Musik zu bleiben: Sie tanzen nach der Pfeife der chinesischen Regierung, um kurzfristig gute Geschäfte zu machen, auch wenn sie sich langfristig damit selbst angreifbar machen. Was fehlt, ist eine Strategie.

In der letzten Woche konnte man den Widerspruch zwischen kollektiver Vernunft und individueller Bedenkenlosigkeit so gut beobachten wie selten zuvor. Auftritt eins: VW-Vorstandschef Herbert Diess fordert seinen Konzern auf, „chinesischer“ zu werden, da sich das Schicksal des ganzen Unternehmens auf dem dortigen Markt entscheide. Auftritt zwei: BASF-Chef Martin Brudermüller kündigt den Bau eines weiteren großen Verbundstandorts in Südchina an, der über mehrere Jahre hinweg 10 Mrd. Euro verschlingen wird. Auftritt drei: Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) plädiert für „mehr Härte“ gegen China und warnt vor der wachsenden Systemkonkurrenz zwischen westlicher Marktwirtschaft und chinesischem Staatskapitalismus.

China ist ein starker Gegner

Die Gemengelage ist, historisch gesehen, völlig neu für die deutsche Wirtschaft. In den Jahren des Kalten Kriegs mit der Sowjetunion machte man zwar auch gute Geschäfte mit dem politischen Gegner. Aber die schwache Sowjetwirtschaft war nirgends ein echter Konkurrent auf dem Weltmarkt – und nur eine Handvoll von deutschen Konzernen wie Mannesmann oder Ruhrgas waren damals wirklich abhängig vom Handel mit den Kommunisten. Heute haben wir es im Kampf der Systeme erstmals in der Geschichte mit einem starken Widersacher zu tun. Auf dem Weltmarkt macht uns China auf immer mehr Feldern Konkurrenz – mit technologischer Hilfe des Westens. Und zugleich haben sich nicht wenige unserer Konzerne in eine starke Abhängigkeit vom Absatzmarkt China hineinmanövriert.

In den vergangenen Jahren hörte man in vertraulichen Gesprächen mit deutschen Konzernchefs oft die Sorge, die Chinesen könnten mit wachsender Stärke zunehmend nach ihren eigenen Regeln spielen. In der Öffentlichkeit aber lobte man die Volksrepublik in höchsten Tönen und tat so, als ob sie sich Schritt für Schritt in eine Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild verwandle. Niemand kritisierte offen die diktatorische Politik nach innen und die wachsende Aggressivität nach außen. Jetzt geht die Zeit des Doppeltalks allmählich zu Ende, wie das Papier des BDI zeigt. Man protestiert kollektiv, damit man sich individuell nicht den Zorn der Chinesen zuzieht. Aber immerhin: man kritisiert, was zu kritisieren ist.

Der langsame Wandel in der deutschen Wahrnehmung hat etwas mit dem chinesischen Staatspräsidenten und Parteichef Xi Jinping zu tun. Unter seinen vorsichtigen Vorgängern war die Volksrepublik China stets darum bemüht, Konflikte mit dem Westen nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Man hielt sich an den Ratschlag des großen Reformers Deng Xiaoping, alle Großmachtallüren zu vermeiden. Unter Xi gilt das nicht mehr, wie beispielsweise seine militärische Aufrüstung im Südchinesischen Meer zeigt. Auch sein Seidenstraßenprojekt trägt allzu deutliche imperialistische Züge, um es einfach zu ignorieren. Xi zwingt die Politiker und Wirtschaftsführer im Westen geradezu dazu, Farbe zu bekennen.