Déjà-vuDie „Entherrschung“ von Siemens Energy

Joe Kaeserimago images / Sven Simon

Entherrschung: Auf so ein Wort­ können nur Juristen kommen. Vielen Kleinaktionären der Siemens AG dürfte die Vokabel dieser Tage zum ersten Mal begegnen. Der Konzern schließt mit seiner Kraftwerkssparte, die im September an die Börse geht, einen „Entherrschungsvertrag“ ab: 45 Prozent der Anteile an Siemens Energy bleiben beim Mutterkonzern, der das margenschwache Geschäft aber nicht mehr in der eigenen Bilanz konsolidieren will. Daher das juristische Konstrukt, das die Stimmenzahl des Mutterkonzerns bei der Hauptversammlung von Siemens Energy sowie die Zahl seiner Aufsichtsratssitze begrenzt. Nur dank dieser Klauseln gilt das neue Unternehmen als unabhängig – und der scheidende Siemens-Chef Joe Kaeser kann an die Spitze des Aufsichtsrats von Siemens Energy rücken, ohne die eigentlich vorgeschriebene zweijährige Pause zwischen beiden Mandaten einzuhalten.

Diese Folge aus der Reihe „Déjà-vu“ ist in Capital 07/2020 erschienen

„Entherrschungsverträge“ sind in der deutschen Wirtschaft selten, aber nicht ungewöhnlich. Als die Bayer AG ihr Kunststoffgeschäft in die Covestro AG überführte, gab es eine entsprechende Abmachung, ebenso bei der Loslösung von Uniper aus dem Eon-Konzern. Man braucht das Konstrukt immer, wenn sich ein Konzern nicht auf einen Schlag von einem Geschäftsbereich trennen kann. Eines aber gab es unter den Dax-30-Konzernen in den letzten Jahren nie: dass der Vorstandschef eines Mutterkonzerns bruch- und bedenkenlos in den Aufsichtsrat eines abgespaltenen Unternehmens wechselt – und auf dem Weg dorthin auch noch in allerletzter Minute die bereits auserkorene Vorstandsspitze in die Wüste schickt. So aber lief es bei Siemens Energy, wo Konzernchef und CFO gehen mussten, weil sie sich Kaeser nicht beugen wollten.

Künftig stellt der Mutterkonzern drei Aufsichtsräte bei Siemens Energy, was juristisch den Anforderungen genügt. In Wahrheit aber zieht Kaeser alle Strippen. Viel Widerstand ist weder vom neuen Vorstandschef noch von den anderen Aufsichtsratsmitgliedern zu erwarten. Energy-Chef Christian Bruch verbrachte so gut wie seine ganze Laufbahn bei der Linde AG, seine Berührung mit dem Kraftwerksgeschäft ist 16 Jahre her. Bei Siemens verfügt Bruch über keinerlei Hausmacht, während Kaeser jeden Winkel des Konzerns kennt.

Und im Aufsichtsrat? Da sitzen zwar einzelne Schwergewichte wie der frühere Voith-Chef Hubert Lienhard, aber auch diverse alte Kumpels und nette Gesichter ohne viel Branchenkenntnis. Als „unabhängiger“ Vertreter nimmt etwa der Amerikaner Randy Zwirn Platz, der 18 Jahre bei Siemens diente. Hinzu kommt Sigmar Gabriel, der Prominenz ins Gremium bringt, aber Kaeser kaum ins Alltagsgeschäft reinreden dürfte. Zudem hat sich Kaeser stets als meisterhafter Strippenzieher unter den Betriebsräten und IG-Metall-Vertretern erwiesen. Im Zweifel kann er sich immer mit der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat kurzschließen, falls die Vertreter des Kapitals nicht sofort mitziehen.

Juristisch ist also alles mustergültig „entherrscht“ bei Siemens Energy. In Wirklichkeit aber herrscht hier nur einer: Joe Kaeser. Man darf gespannt sein, wie er seine Macht nutzt.

 


Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und politische Aspekte von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit.