Bernd Ziesemer Rückzug der erfahrensten Russland-Investoren

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die deutsche Siemens AG und der finnische Fortum-Konzern beenden ihr Engagement im Reich Putins. Diese Nachrichten wiegen schwer

Die beiden Meldungen kamen vergangene Woche am gleichen Tag: Die deutsche Siemens AG und der finnische Fortum-Konzern ziehen sich beide vollständig aus Russland zurück. Damit nehmen zwei der erfahrensten westlichen Investoren wegen des Kriegs in der Ukraine ihren Abschied aus dem Reich Wladimir Putins. Im Fall von Siemens geht es um das Ende einer fast 170jährigen Erfolgsgeschichte, die 1853 mit einem Auftrag des Zaren für den Bau einer Telegrafenverbindung zwischen Warschau und Preußen begann.

Im Fall von Fortum geht es um Wurzeln, die bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück reichen. Beide Unternehmen verfügen über ein Russland-Knowhow wie kaum ein anderes. Im Kalten Krieg gehörten beide Konzerne zu den wenigen Unternehmen aus dem Westen, die gute Geschäfte mit der Sowjetunion machten. Und nach dem Zerfall des Sowjetreichs 1991 waren beide Unternehmen ganz vorn, als es darum ging, im neuen Russland zu investieren.

Siemens beschäftigt 3.000 Mitarbeiter in Moskau und Petersburg. 2019 verbuchten die Münchner einen Milliardenauftrag für 13 Hochgeschwindigkeitszüge. Fortum gehört umgekehrt zu den allerwichtigsten westlichen Investoren in der russischen Elektrizitätsbranche. Direkt und über die deutsche Tochter Uniper kontrollieren die Finnen mehr als ein Dutzend der größten Kraftwerke in Russland. Beide Konzerne steuern jetzt einen „geordneten Rückzug“ aus einem Markt an, der für sie noch vor kurzem mit vielen Hoffnungen verbunden war. Solange Putin regiert, dürften beide Konzerne nicht zurückkehren.

Mehr als 1000 Firmen sind gegangen

Der Abschied solcher Unternehmen wiegt schwerer als viele westliche Sanktionen, die sich nach einem Ende des Kriegs mit einem Federstrich wieder aufheben ließen. Das gilt zum Beispiel für eingefrorene Konten der russischen Zentralbank oder das Verbot, moderne Technik an russische Energiekonzerne zu liefern. Sind aber die Strukturen eines Unternehmens in einem Land erst einmal beseitigt, dann dauert es viele Jahre, sie wieder aufzubauen. Selbst falls die Konzerne dazu überhaupt bereit sein sollten.

Einen derartigen Exodus westlicher Unternehmen aus einem großen Land gab es noch nie in der Nachkriegsgeschichte. Mittlerweile haben sich über 1000 große und mittlere Firmen aus Russland verabschiedet. Viele kleinere, die niemand genau erfasst, kommen hinzu. Kurzfristig kann man Putin mit diesem Exodus nicht besonders beeindrucken, der Krieg geht unvermindert weiter. Die russischen Staatsmedien erzählen der Bevölkerung das Märchen, man könne den Abzug der Unternehmen durch einen Ausbau der „vaterländischen Produktion“ ersetzen. In Wahrheit werden die Folgen für die ganze Volkswirtschaft mittel- und langfristig fürchterlich sein. Putin schickt die jungen Russen als Soldaten in einen sinnlosen Krieg – und zerstört gleichzeitig die wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven der nächsten Generationen.

Die Auswirkungen auf die Firmen selbst, die sich aus Russland zurückziehen, bleiben dagegen sehr überschaubar. Im schlimmsten Fall schreiben sie einmalig einige Milliarden Euro ab. Aber sie können nach diesem kurzen finanziellen Schmerz sehr gut weitermachen ohne langfristige Folgen. Siemens macht beispielsweise gerade einmal ein Prozent seiner Umsätze im Reich Putins. Schafft Deutschland auch noch den Abschied vom russischen Erdgas, dann kann man getrost sagen: Wir kommen gut ohne Russland aus, aber Russland nur sehr schwer ohne uns.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

  


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