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Kolumne Der neue Realismus bei Thyssenkrupp

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Die neue Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz spricht endlich die richtigen Dinge an. Aber sie arbeitet bei der Sanierung des Konzerns auf denkbar dünnstem Eis

Nach vielen, sehr vielen Jahren hört man aus Essen endlich mal wieder Klartext. Die neue Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz spricht die Defizite des Industriekonzerns deutlich an. Die ganze Durchwurstelei, die schlechten Leistungen in vielen Bereichen, das viel zu geringe Sanierungstempo, die aufgeblähte Bürokratie – alles kommt bei ihr nun aufs Tapet. Unter ihren Vorgängern wehte dagegen ein stetes Wunschdenken durch die Gänge der Vorstandsetage. Was bekam man nicht als vorgesetzt in Essen (und vorher schon am alten Firmensitz in Düsseldorf): das Gerede vom „besten Stahlkonzern“ der ganzen Welt, die Utopie des „integrierten Technologiekonzerns“, die Irrsinnsidee der teuren Zweiteilung des Unternehmens.

Wer heute den früheren Machern des Konzerns begegnet, hört von ihnen kein einziges Wort der Selbstkritik. Der frühere Aufsichtsratschef Jürgen Cromme, der viele Milliarden Euro in den USA und Brasilien versenkte und mit dem die Dauermisere ihren eigentlichen Anfang nahm, erteilt in diesen Tagen zum Beispiel Startup-Gründern naseweise Ratschläge. Nun ja.

Thyssenkrupp-Chefin Merz braucht eine Strategie

Mit Martina Merz steht dagegen erstmals jemand an der Spitze, dem man zumindest die notwendige Diagnosefähigkeit attestieren kann. Mit ihr zieht offenbar ein neuer Realismus bei Thyssenkrupp ein. Das sollte man nicht unterschätzen, denn für Manager gilt das Gleiche wie für Ärzte: ohne die richtige Anamnese keine richtige Therapie. Noch gibt es unter der neuen, offiziell bisher nur für ein Übergangsjahr berufenen Konzernchefin, keine Strategie. Aber immerhin einen klaren Zeitplan, um dem Konzern überhaupt Luft zu schaffen, sich eine neue Strategie auszudenken.

Bis zum Ende des Jahres will Thyssenkrupp die internen Voraussetzungen für einen Börsengang der Aufzugssparte schaffen, im ersten Quartal nächsten Jahres fällt dann die finale Entscheidung, ob der wertvollste Teil des ganzen Unternehmens tatsächlich an die Börse geht oder an einen Käufer. Es gibt kein wichtigeres Thema für den Konzern als dieses. Ohne das Geld, dass die Aufzugssparte in den Konzern bringt, kann Thyssenkrupp die laufende Sanierung nicht bewältigen.

Keine finanziellen Spielräume

Denn Martina Merz arbeitet finanziell auf denkbar dünnstem Eis. Das Eigenkapital hat sich in nur einem Jahr um ein Drittel verringert, die Nettofinanzschulden des Konzerns übersteigen es um 167 Prozent. Damit ist kein Spielraum mehr für weitere Abenteuer, Fehlentscheidungen oder gar grandiose Übernahmepläne vorhanden. Deshalb kann Thyssenkrupp auch keine Dividende ausschütten – und zwar nicht nur dieses Jahr (wie nun unter Merz auch beschlossen), sondern auch nächstes Jahr nicht. Die Thyssenkrupp-Stiftung muss sich darauf einstellen, dass auf viele Jahre nicht mehr viel Geld für schöne Projekte aus der Konzernkasse kommen kann. Auch das gehört zwingend zu einem neuen Realismus in Essen.

Natürlich gibt es durchaus auch Lichtblicke im Portfolio des Konzerns, die eine Basis für eine Wiedergesundung bilden. Aber sie können sich nur entfalten, wenn man die vielen Verlustbringer, Schwachleister und den ganzen alten Schlendrian im Konzern endlich in den Griff bekommt.

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de . Hier können Sie ihm auf Twitter folgen .

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