KommentarWarum Greta Thunbergs Botschaft problematisch ist

Greta Thunberg spricht auf einer Demonstration
Greta Thunberg spricht auf einer Demonstrationdpa

Seit einigen Wochen ringe ich mit mir, wie ich das Phänomen Greta Thunberg finden soll; dieses schwedische Mädchen, das seit Wochen durch Europa zieht und mit Schülern gegen den Klimawandel demonstriert. Am Donnerstag wurde sie sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Ich bekenne: Mir bleibt Greta Thunberg, die wie eine Mischung aus Momo, Jeanne d’Arc und Bibi Aisha durch unsere Städte zieht, fremd, ja mich stört etwas richtig – und dabei geht es nicht um die Frage, ob Schüler für den Klimaschutz schwänzen dürfen oder komplexe physikalische Zusammenhänge zum Braunkohleaussteig verstehen müssen (denn letzteres tut Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter auch nicht).

Es sind ein paar Sätze, mit denen Thunberg Ende Januar auf die Weltbühne getreten ist: „Ich will eure Hoffnung nicht“, sagte sie auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. „Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre.“

Probleme sollen für Kinder lösbar sein

Jetzt kommen die Schüler ins Spiel, denn auch meine drei Kinder sind Schüler (sieben, neun und elf Jahre alt): Ich will nicht, dass sie Panik haben, dass sie jeden Tag Angst spüren. Nicht, weil sie Probleme vergessen oder verdrängen sollen, sondern weil sie an die Lösbarkeit von Problemen glauben sollen.

Sie sollen in einer Welt aufwachsen, in der wir Probleme erkennen und anpacken und nicht in Schockstarre oder Fatalismus verfallen, sondern in einer Welt, in der wir glauben, dass die Menschen für die gewaltigen Probleme Lösungen finden – durch Erfindungen, Ideen, Fortschritt, neue Technologien. Der Eifer der Innovation soll sie antreiben und reifen lassen, und nicht die apokalyptische Panik des Alltages.

Greta Thunbergs Kritik hat auch einen speziell deutschen Beigeschmack: Für Deutschland passt sie nicht. Im Kern wirft sie den Erwachsenen – oder den Regierungen – vor, dass sie nichts oder nicht  genug tun. Für Deutschland stimmt dieser Vorwurf nicht, wir tun sogar eine ganze Menge: Wir geben seit knapp zwei Jahrzehnten inzwischen zweistellige Milliardensummen aus, haben das Land mit Windrädern, Biogasanlagen und Solarzellen übersät, ummanteln unsere Häuser mit Styropor, verbieten Plastiktüten, steigen (hart an den Grenzen der Physik) aus der Braunkohle aus und gehen gerade die nächste monströse Milliardenwette auf die E-Mobilität ein. Wir tun also viel – bloß sind wir leider nicht besonders erfolgreich damit.

Deutschland ist kein Leuchtfeuer beim Klimaschutz

Der CO2-Ausstoß in Deutschland stagniert trotz dieses gewaltigen Einsatzes an Geld und Ressourcen seit einigen Jahren, im Gegensatz etwa zu dem von Großbritannien oder dem des „Klimasünders“ USA (den letzten Report finden Sie hier, eine gute Analyse dazu hier.) Und ein Leuchtfeuer für die Welt sind wir auch nicht geworden.

Greta Thunberg hat für uns die falsche Botschaft: Wir haben zu viel Angst in diesem Land vor dem Klimawandel – und bräuchten mehr Offenheit. Je massiver die Eingriffe in die Natur werden (und je mehr wir parallel anfangen, Schlüsselindustrien zu gefährden), je mehr also der Umbau der Energieversorgung voranschreitet, desto mehr Alternativen müssen geprüft werden, in alle Richtungen, seien es neue Anreize zur Energieeinsparung, neue Technologien oder Energieträger. „Nichts davon sollten wir vorab und grundsätzlich verwerfen“, schrieb unlängst mein Kollege Christoph Kucklick, Chefredakteur des Wissenschaftsmagazins „Geo“. Das sollte unsere Parole sein, und nicht Panik.