KommentarDas doppelte Desaster

Rechts: Die Abrisskante nach dem Erdrutsch bei Blessem-Erftstadt, links: Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der am Rande einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Hochwassergebiet lacht
Rechts: Die Abrisskante nach dem Erdrutsch bei Blessem-Erftstadt, links: Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der am Rande einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Hochwassergebiet lachtlinks: picture alliance/dpa | Marius Becker, rechts: IMAGO / Reichwein

Am Ende dieser Woche bleiben von der Flutkatastrophe die Trauer um die Toten, der Schlamm und die Zerstörung. Aber für die große Mehrheit, die das Desaster am Bildschirm verfolgt hat, bleiben vor allem die Bilder.

Und manchmal erzählen die ja nicht nur etwas über ihren eigentlichen Gegenstand, sondern auch über den oder die Betrachter. Das jedenfalls war mein Gefühl bei zwei ganz besonderen Fotos aus Erftstadt, der schwer getroffenen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen. Das eine zeigt eine Abrisskante, die ein riesiger Erdrutsch hinterlassen hat. Darunter ein Loch, in dem früher Häuser standen und Menschen lebten; mitten in einem Ort, der im Schlamm versinkt. Das andere zeigt Armin Laschet. Wer die Nachrichten verfolgt, konnte der Szene mit dem Unions-Kanzlerkandidaten kaum entkommen. Er stand etwas abseits, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Opfern sein Mitgefühl aussprach. Und er lachte.

Mich hat der lachende Laschet mehr beschäftigt, als mir angemessen erschien, und ich bin ziemlich sicher, mit diesem Gefühl nicht allein zu sein. Laschets Aussetzer klebt irgendwie im Gedächtnis. Die Szene braucht keine Erklärung, sie steht für sich, ist unmittelbar verständlich. Verwirrt hat mich wohl der gewaltige Kontrast der Bilder: Das eine irgendwie entlarvend, das andere hochkomplex. Laschet lacht zwischen Trümmern und Leid. Alles klar. Die Flut kommt so gewaltig wie nie. Was zum Teufel hat das zu bedeuten?

Bei ihrer letzten Sommerfragerunde in der Bundespressekonferenz zeigte sich Angela Merkel am Donnerstag ziemlich zufrieden mit sich und ihrer Bilanz. Aber im Kampf gegen den Klimawandel müsse es künftig schneller vorangehen. Eine tiefgreifende Transformation stehe bevor. Sie sagte das ohne besondere Betonung, eine Selbstverständlichkeit, das Gebot der Umstände halt.

Laschets Lachen, Baerbocks Lebenslauf, Scholz‘ Rolle im Wirecard-Skandal

Und so ist es ja auch: Wir müssen nicht mehr darüber streiten, ob der Klimawandel vom Menschen gemacht ist. Oder ob er verheerende Folgen hat. Aber ungleich schwerer lässt sich beurteilen, was konkret getan werden muss und was es nutzen wird? Was die Folgen von Erderwärmung und Gegenmaßnahmen für jeden Einzelnen sein werden? Für die Zukunft der Kinder und Enkel, für die Art, wie wir leben?

Es ist diese Unübersichtlichkeit wahrhaft globaler Fragen, die es so verlockend macht, Einsichten vor allem ganz woanders zu suchen. Also etwa zu ergründen, ob die Korrekturen an Annalena Baerbocks Lebenslauf Zweifel an der Eignung für das Kanzleramt rechtfertigen. Oder – aber da wird es schon etwas komplizierter – Olaf Scholz‘ Rolle im Wirecard-Skandal verwerflich ist. Oder das Lachen von Laschet. Dieses eine Bild aus Erftstadt. Und natürlich ist es nicht egal, was die Bewerber für das wichtigste Amt im Land für Menschen sind. Sie müssen genau beobachtet werden.

Doch dabei geht es immer auch um die Reduktion von Komplexität – wir legen uns die Welt so zurecht, dass wir sie verstehen können. Eine selektive Wahrnehmung ist die einzige Chance, die Informationsflut in unserem Alltag zu überleben. Wobei der Mensch nichts so mühelos bewertet wie andere Menschen. Am Ende bleibt dann nur die Frage, wem man vertraut und wem nicht. Wahrscheinlich muss das so sein. In den Flutgebieten aber kam beides zusammen: Eine Mahnung der Natur, dass etwas geschehen muss. Und eine lange Prozession von Politikern, die um Vertrauen warben. Das Erscheinen des Büromenschen in regenfester Kleidung vor Ort ist dabei bezeichnend für die Art, wie Wahlkämpfe funktionieren.

Wahlkampf im Flutgebiet

Politiker, die in Flutgebieten um Stimmen werben, sind spätestens seit Gerhard Schröders Auftritten bei der Oderflut 2002 ein Standardmotiv. Wenn der Matsch an den Füßen klebt, lassen sich offenbar außergewöhnlich wirkungsvoll die eigenen Fähigkeiten demonstrieren. Man könnte auch sagen: Bei solchen Vorführungen wird besonders deutlich, wie sehr sich Politik von ihrer Darstellung gelöst hat. Denn ob jemand richtig und energisch handelt, entscheidet sich in seinem Büro, am Telefon oder am Besprechungstisch. Jedenfalls nicht an der Biegung des Flusses. Und wenn Laschet am falschen Ort zur falschen Zeit lacht, dann ist das ein Zeichen dafür, dass er an seiner Professionalität in Stresssituationen arbeiten sollte – es wäre aber vermessen, danach beurteilen zu wollen, ob es ihm an Empathie und Ernsthaftigkeit fehlt.

Bislang wurde der Kampf um die Nachfolge von Angela Merkel seltsam gedämpft geführt. Sehen und spüren konnte man wenig davon, dass nach 16 Jahren eine Ära endet und etwas Neues beginnt. Seit der Flut hat die Auseinandersetzung – neben der unberechenbaren Pandemie – zumindest ein großes Thema: den Klimawandel.

Jetzt wäre die Zeit, darüber zu streiten, wie der Umbau so ziemlich aller Lebensbereiche funktionieren soll. Welche Lenkungswirkungen lassen sich über einen Preis für CO2-Emissionen erzielen? Was wird verboten? Wie können weltweite Allianzen geschaffen werden? Das große Klimapaket der EU-Kommission wird dazu beitragen, die Dinge konkreter zu machen.

Es wäre der Schritt von der Darstellung zur Debatte. Die Aufregung um das Laschet-Bild gehörte dann zu einer Wahlkampfphase, die gerade ausläuft. Und das Bild der Abrisskante – so furchtbar es ist – zu einer zumindest graduell anderen, in der um Antworten gerungen wird. Wenigstens ein wenig. Ist das eine naive Vorstellung? Franz Kafka schrieb in seinem kürzesten Prosastück über die Bäume im Schnee, sie seien fest mit dem Boden verbunden: „Aber sieh, selbst das ist nur scheinbar.“


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