WirecardDas Doppelleben des Jan Marsalek

Ex-Wirecard-Vorstand Jan MarsalekWirecard

Noch Anfang 2018 hatte der junge Vorstand des aufstrebenden Fintech-Unternehmens Wirecard in sein luxuriöses Münchner Domizil zu einem Treffen der besonderen Art geladen: Es ging um ein neues Spezialprojekt, das ihn beschäftigte – die Rekrutierung von 15.000 Söldnern in Libyen.

Heute ist Jan Marsalek im Zuge der Ermittlungen um den Skandal-Konzern abgetaucht. Er wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Deutsche Ermittler sehen in ihm eine Schlüsselfigur des weitreichenden Betrugs, mit dem die Bilanz des Zahlungsabwicklers seit Jahren künstlich aufgebläht und geschönt wurde, und der den prestigeträchtigen Aufstieg zum Dax-Konzern geebnet hat.

Wie Unterlagen und Aussagen direkter Zeugen aufdecken, reichten die Interessen Marsaleks weit über unorthodoxe Buchführung hinaus. Der 40-jährige Österreicher hat mehrere Leben geführt, in denen sich komplizierte geschäftliche und politische Interessen überschnitten. Manchmal neigten sie stärker zu Wirecards aggressiven Expansionsplänen in neuen Märkten, dann wieder deckten sie sich mit Marsaleks eigenen ungewöhnlichen privaten Investments. Und manchmal schienen sie sich nahtlos in die Arbeit russischer Geheimdienste einzufügen.

Gewährsleute in drei Ländern bestätigen, dass sich inzwischen drei westliche Geheimdienste für den Ex-Wirecard-Vorstand interessieren. Insbesondere gibt ihnen Marsaleks Verbindung mit Personen oder Netzwerken Rätsel auf, die mit dem russischen Militärgeheimdienst GRU zusammenhängen – jener Organisation, der sowohl der Mordversuch an dem früheren Spion Sergei Skripal in Salisbury angelastet wird, sowie der verdeckte Krieg in der Ukraine und die Beeinflussung der US-Präsidentenwahl 2016.

Libyen war ein Strang in Marsaleks Welt jenseits von Wirecard seit dem Jahr 2015. Seine dortigen Aktivitäten – von denen die Financial Times einige Puzzleteile zusammensetzen konnte – geben Einblick in sein alternatives Wirkungsfeld: geheimnisvolle Projekte, die ihn in Länder des mittleren Ostens und häufig in Konfliktzonen führten.

Nach Libyen wagten sich wegen des blutigen Bürgerkriegs im vergangenen Jahrzehnt aus dem Westen nur die abenteuerlichsten Investoren und die mutigsten Politiker. Aber in seinen Nachwehen ist das nordafrikanische Land zum Schauplatz eines verborgenen Krieges widerstrebender Interessen geworden – wirtschaftlicher wie diplomatischer Natur. Und zu einem Nest von Spionen.

Besessen von Sicherheit

In den vergangenen sechs Monaten hat die Financial Times mit einem halben Dutzend Personen gesprochen, die direkt mit Marsalek an Projekten in Libyen gearbeitet haben und Zugang zu Dokumenten und E-Mails über seine Geschäfte hatten, die weit außerhalb des Tätigkeitsbereichs an der Spitze eines bedeutenden deutschen Technologiekonzerns lagen. Die meisten dieser Kontakte wollen nicht namentlich genannt werden, weil sie um Leib und Leben fürchten.

„Im Allgemeinen ist Marsalek ein sehr merkwürdiger Charakter: Er hat eine extreme Affinität zu Sicherheit und ist sehr geheimniskrämerisch“, sagte ein Kontakt, der mit ihm arbeitete. „Ich konnte nie sagen, ob es real war oder inszeniert.“ Ein anderer erinnert sich an ein Mittagessen im Juni 2017 in der Käfer-Schänke in München. Das Luxusrestaurant ist eines von Marsaleks Lieblingslokalen.

An einem mit gestärkter Leinendecke und makellosen Kristallgläsern gedeckten Tisch prahlte er vor seinen Gästen mit einer Reise zu den Wüstenruinen von Palmyra in Syrien, die er auf Einladung des russischen Militärs unternommen hatte. Er sei mit „den Jungs“ da gewesen, kurz nachdem sie es vom islamistischen IS zurückerobert hatten, sagte er. Eine fantastische Erfahrung. Das russische Verteidigungsministerium reagierte nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.

Es sei schwer nachvollziehbar, inwieweit Marsalek sich bewusst gewesen sei, mit wem er sich einließ, betonte ein Geheimdienstmitarbeiter, oder ob hinter seinen oft unbeholfenen Handlungen eher ein verblendeter Sinn für Abenteuerlust steckte. Auch der Anwalt Marsaleks, dem die Financial Times in Deutschland eine Liste mit Fragen zu dessen Aktivitäten vorlegte, lehnte eine Stellungnahme ab.