KolumneDas Doppelgesicht des Henkel-Konzerns

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Henkel erwartet für 2020 ungefähr das gleiche wie für das laufende Jahr: ein Wachstum, das sich nur knapp über der Nulllinie hält. Und auch bei der Marge gibt es keine guten Nachrichten für die Aktionäre des Konzerns: Nach der neusten Prognose fällt sie von 16,2 Prozent auf nur 15 Prozent vor Steuern und Zinsen. Der scheidende Chef Hans Van Bylen geht am Ende seiner unglücklichen Amtszeit also mit Zahlen, die noch viel schlechter sind als allgemein erwartet. Die Aktie rauschte deshalb Ende letzter Woche kräftig nach unten. Seit ihrem Höchststand im Sommer 2017 hat sie fast ein Drittel ihres Werts verloren.

Wenn man genauer hinschaut, sieht das Bild allerdings durchaus nicht überall im Konzern düster aus. Im Gegenteil: Die Verkäufe von Waschmitteln und Kosmetik, von Hautpflegemitteln und Shampoos entwickelt sich durchaus gut, wenn auch nicht gerade spektakulär. Ausgesprochen schlechte Zahlen meldet dagegen die Klebstoffsparte, wo die sinkende Nachfrage aus der Industrie – vor allem aus der Autobranche – kräftig auf die Umsätze und die Gewinne drückt. Der Konzern zeigt also, nicht zum ersten Mal, sein erstaunliches Doppelgesicht: ein stabiles Konsumenten- und ein volatiles Industriegeschäft.

Investoren hassen die Verbindung zweier ganz unterschiedlicher Betätigungsfelder in einem einzigen Konzern. Eigentlich spricht alles für eine Abspaltung der Klebstoffsparte. Synergien zwischen dem Konsumenten- und dem Industriegeschäft gibt es so gut wie keine. Als fokussierter Waschmittel- und Kosmetikhersteller könnte Henkel seine Bewertung erheblich steigern. Ginge es nach freien Aktionären, müsste sich Henkel als „pure play“ neu erfinden.

Henkel ist eine Art Vermögensverwaltung für die Mehrheitseigentümer

Doch die Mehrheitseigentümer aus der Familie Henkel folgen einer ganz anderen Logik: Um ihr Milliardenvermögen zu erhalten und zu mehren, geht es für sie vor allem um Risikominimierung. Und dabei fährt man, frei nach der Portfolio-Theorie der Finanzwissenschaft, am besten mit einer Strategie, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Zugespitzt könnte man sagen: Die Henkel AG funktioniert als eine Art Vermögensverwaltung für die Familie der Mehrheitseigentümer. Die Interessen von Klein- und Großaktionären decken sich bei dem Düsseldorfer Konzern ganz offensichtlich nicht.

Witzigerweise entdeckt man den gleichen Widerspruch bei einem Konkurrenten des Henkel-Konzerns: der Beiersdorf AG in Hamburg. Auch dort vereint der Konzern eine Konsumenten- und eine Industrie-Sparte unter einem Dach. Und auch dort spricht eigentlich die Logik der Industrie und der Kapitalmärkte gegen diese veraltete Konstruktion. Der Grund, warum man trotzdem an ihr festhält, findet sich genauso wie in Düsseldorf allein in der Aktionärsstruktur: Auch bei Beiersdorf regiert ein Mehrheitseigentümer durch, die Familie Herz.

Man kann sicher sein: Würde sich Henkel oder Beiersdorf dazu durchringen, das Geschäft aufzuspalten, explodiert der Aktienkurs. Doch dazu wird es wohl selbst in ferner Zukunft nicht kommen. Wer sein Geld als Kleinaktionär in solchen Konzernen anlegt, muss daher wissen, was er tut. Einfluss nehmen kann er nicht.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.