DigitalisierungDas böse D-Wort

Das mit der Digitalisierung kann nerven. Grund 1: Die implizite „Los jetzt, oder ihr seid weg vom Fenster“-Drohung. Grund 2: Digitalisierung ist wenig greifbar. Reden wir von Roboterfabriken, von Online-Shops oder von elektronisch bearbeiteten Bestellungen? Immer lautet die Antwort: Ja. Das hilft nicht weiter, sondern führt dazu, dass viele Mittelständler gereizt auf das D-Wort reagieren.

Dieselben Unternehmen allerdings kommunizieren intern wie extern per Mail, betreiben ERP-Systeme und dokumentieren Prozesse längst nicht mehr auf Papier. 60 Prozent der Mittelständler sind bereits digital vernetzt mit ihren Geschäftskunden, besagt der „Digital 2017“-Report. Die Digitalisierung steht nicht klopfend vor der Tür, sie ist längst mittendrin im Betriebsalltag.

Es geht es darum, die Optionen sinnvoll abzuwägen. Jeder Mittelständler muss für sich überlegen, wo er lieber abwinkt und wo er digitale Chancen nutzt – und wo er etwas Hilfe gut gebrauchen kann. 86 Prozent der Mittelständler wünschen sich von der Politik einen forcierten Breitbandausbau, besagt der „Digital 2017“-Report, und 81 Prozent einen sicheren Rechtsrahmen für die neuen Möglichkeiten.

Günstige Kredite – und oft einen Zuschuss

Häufig sind Wünsche spezifischer: eine sichere IT-Architektur, digitale Vertriebskanäle oder einfach eine modernere Website. Sofort stellt sich die Frage: Wie setze ich das um, wer kann mir dabei helfen? Dafür gibt es eine Vielzahl von Anlaufstellen, für fachliche wie für finanzielle Hilfe. Mittelständler profitieren dabei von günstigen Zinssätzen und sogar von Zuschüssen – Geld, das nie zurückgezahlt werden muss.

„Digitalisierung ist der Schlüssel für erfolgreiche Wertschöpfung im 21. Jahrhundert“, sagte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, als sie im Sommer 2017 den ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit der KfW vorstellte. Das Programm fördert die Digitalisierung von Produkten und Prozessen in Firmen mit maximal 500 Mitarbeitern. Die Kredite können auch für die Finanzierung von Schulungen genutzt werden, den Ausbau des innerbetrieblichen Breitbandnetzes oder Investitionen in Fernwartung. In allen Fällen kann die KfW kann einen umfangreichen Teil des Ausfallrisikos übernehmen und so den durchleitenden Hausbanken die Kreditvergabe erleichtern.

Seit Juli gibt es auch ein zweites Förderprogramm, das über die KfW läuft: ERP-Mezzanine für Innovation bietet Finanzierungspakete speziell zur langfristigen Finanzierung marktnaher Forschung und der Entwicklung neuer Produkte, Prozesse oder Dienstleistungen. „Die Digitalisierung liegt uns besonders am Herzen, weil sie für Unternehmen immer mehr zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird“, begründet Harriet Wirth, Leiterin des KfW-Produktmanagements, die beiden neuen Programme.

Wenn Expertise wichtiger ist als Geld

Die bundeseigene KfW ist keineswegs die einzige Anlaufstelle für Fördermittel. Bayern greift Mittelständlern mit Digitalbonus Bayern unter die Arme, Nordrhein-Westfalen mit Mittelstand innovativ!. Auch die EU hat Programme aufgelegt, mit deren Hilfe Mittelständler die Kosten für Digitalisierungsprojekte leichter stemmen können. Das wichtigste, Horizon 2020, hat extra für Mittelständler die Bewerbungshürden gesenkt.

Oft genug geht es weniger um Geld als um Expertise. Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt daher mit Go digital Modellvorhaben von Technologiefirmen mit weniger als 100 Mitarbeitern – durch Know-how. Alle anderen Mittelständler können ebenfalls Expertise anzapfen, und zwar über die zwei Dutzend deutschlandweit verteilte Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren, die ebenfalls vom Wirtschaftsministerium angeschoben worden sind. Im Digitale-Agenda-Netzwerk finden Unternehmer versierte Ansprechpartner, die ihre Fragen beantworten können. Auch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, BAFA, bezuschusst Beratungen, in denen es um die digitale Transformation geht, um bis zu 90 Prozent.

Es fehlen die Mitarbeiter fürs Digitale

An Mut und Innovationsfreude mangelt es deutschen Unternehmen nicht, besagt die McKinsey-Studie „Die Digitalisierung des deutschen Mittelstands“. Als größtes Problem benennen die Unternehmen: Woher die Expertise für digitale Projekte nehmen? Zwar beschäftigen sich einige Forschungsprojekte wie Arbeiten 4.0, Facts4Workers und SatisFactory auf Deutschland- oder Europa-Ebene um die Rolle des Menschen in einer digitalisierten Arbeitswelt, doch das löst die aktuellen Probleme der Mittelständler nicht. 43 Prozent klagen, besagt eine Umfrage des Instituts für Mittelstandsforschung, ihnen fehlen die Mitarbeiter mit digitalem Fachwissen.

Das deckt sich mit den Erfahrungen von Jörg Breiski. Der Bedarf an digitalen Experten steigt rapide; viele Mittelständler stellen fest: Im eigenen Hause finden sie solche Fachleute nur selten“, sagt der Experte von der Personalberatung Kienbaum. „Ich rate Firmen, nach Experten Ausschau zu halten, die in der Familienphase sind und nun lieber im Grünen wohnen als im Hinterhof-Loft“, sagt Breiski. „Die Leute entwachsen irgendwann der hippen Start-up-Szene, sie suchen nach mehr Stabilität. Und die können Mittelständler bieten.“