KolumneCorporate Resilience: Welche Unternehmen haben die höchste Widerstandskraft?

Finanzzentrum Frankfurt: Die deutsche Wirtschaft hat in der Pandemie Widerstandskraft bewiesenIMAGO / Cavan Images

In einigen Wochen beginnt wieder die Tour de France. Die Fahrer verbrauchen ca. 10.000 Kalorien und verlieren rund 14 Liter Flüssigkeit an einem Renntag. Es gewinnt regelmäßig der Fahrer, der diesen Strapazen die größte Widerstandskraft entgegensetzen kann. Das ist bei Unternehmen kaum anders. Die Fähigkeit, den Corona-Schock zu überwinden und die Geschäftsprozesse schnell anzupassen, war der Schlüssel zum Überleben. Diese Fähigkeit bezeichnet man als Corporate Resilience bzw. übersetzt als unternehmerische Widerstandskraft. Nach der Krise lässt sich festhalten: Die deutschen Unternehmen haben eine beeindruckende Widerstandskraft gezeigt!

Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH

Die Entwicklung der Widerstandskraft lässt sich gut erkennen, wenn man die Finanzlage der Unternehmen vor und nach der Krise miteinander vergleicht. Eine solide Eigenkapitalausstattung und ein überschaubarer dynamischer Verschuldungsgrad (stabile und hohe Cashflows in Relation zu den Schulden) gehören zu den wichtigsten Geboten der Corporate Resilience. Die Einordnung dieser Finanzkennzahlen mündet in einer Beurteilung der Bonität (Rating) der Unternehmen. Das Rating wiederum ist ein sehr guter Gradmesser für die Insolvenzwahrscheinlichkeit eines Unternehmens. So lässt sich bei einem Unternehmen mit einem durchschnittlichen „BBB“-Rating erwarten, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Insolvenz über einen Zeitraum von zehn Jahren in etwa fünf Prozent beträgt.

Wir haben die Bilanzen aller börsennotierten Unternehmen im Dax, MDax und SDax vor nach der Krise ausgewertet. Dabei haben wir die letzten Quartalsberichte per Ende März 2021 mit den entsprechenden Bilanzdaten vor zwei Jahren verglichen. Es fällt auf, dass sich die Ratings der Unternehmen höchstens marginal eingetrübt haben. Die allermeisten Unternehmen (ca. 50 Prozent aller Unternehmen) verfügen weiterhin über ein solides Rating im Bereich „BBB“ (Investment Grade). Nur vereinzelt mussten Unternehmen wie CTS Eventim oder Hochtief eine Abstufung in den Bereich „BB“ (Non-Investment-Grade) hinnehmen. Die Finanzierungskonditionen für die Aufnahme von Fremdkapital haben sich dabei sogar im vergangenen Jahr noch verbessert. So müssen Unternehmen mit einem „BBB“-Rating zuletzt nur noch eine Risikoprämie von 59 Basispunkten (oder 0,59 Prozent) auf die Verzinsung von quasi-risikolosen Staatsanleihen zahlen.

Rating und Credit Spread von Unternehmen im Dax, MDax und SDax vor und nach der Krise

Für die verschiedenen Rating-Stufen werde jeweils die Anteile an allen Unternehmen angegeben (linke Skala). Der Credit Spread (Kreditrisikoprämie) wird in Basispunkten angegeben (rechte Skala). Quelle: Berechnungen des Autors mit Daten aus S&P Capital IQ.

In der Breite haben die deutschen Unternehmen die Herausforderung der Corona-Pandemie deshalb mit Bravour gemeistert. Bei genauerer Betrachtung erkennt man die Erfolgsfaktoren:

  • Niedrige Fixkosten: Plötzliche Umsatzeinbußen können je besser abgefedert werden, je weniger Fixkosten ein Unternehmen hat. Durch die beherzte Einführung des Kurzarbeitergeldes wurden fixe Lohnkosten schnell variabel gemacht. Fixe Kosten für Mieten (Beispiel: Adidas) oder Anlagen (Beispiel: Flugzeugflotte der Lufthansa) können die Ergebnisse aber noch schnell erodieren lassen.
  • Konsequente Digitalisierung: In der Corona-Krise offenbarte sich die ganze Kraft digitaler Geschäftsprozesse und Onlineverkäufe. Konzerne wie Zalando oder Mister Spex gehören deshalb zu Gewinnern und auch Adidas konnte die anfänglichen Probleme durch ein sehr starkes Onlinegeschäft ausbügeln. Händler wie Ceconomy (Media Markt, Saturn), die den Trend zum Onlinehandel weitgehend verschlafen hatten, sind dagegen die Verlierer der Krise.
  • Diversifizierung auf dem Absatzmarkt: Die Pandemie hat gezeigt, dass sich in einer Krise die Absatzmärkte sehr unterschiedlich entwickeln können. So hat die deutsche Exportindustrie (Automobile, Chemie, Maschinenbau) kaum Rückschläge hinnehmen müssen, da der Absatz in Asien oder Amerika die Einbußen auf dem Heimatmarkt gut ausgleichen konnte.

Die meisten deutschen Unternehmen können deshalb mit Zuversicht nach der Corona-Krise durchstarten – sie weisen eine beeindruckende Widerstandskraft auf. Die Zutaten für die Corporate Resilience sind dabei ähnlich wie für Erfolge bei der Tour de France. Die leichtesten Fahrer bzw. die Unternehmen mit dem geringsten Ballast (niedrigsten Fixkosten) und den breitesten Fähigkeiten werden auch in Zukunft die wenigste Energie einsetzen müssen, um schwere Etappen zu überstehen. Die nächste Krise kann kommen!

 


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