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Wirecard-Skandal Bundeswehr vergibt Millionenauftrag an Firma von Marsalek-Geschäftspartner

Der frühere Wirecard-Manager Jan Marsalek wird bis heute von Interpol gesucht. Angeblich soll er in Russland unter der Obhut von Sicherheitsbehörden leben  
Der frühere Wirecard-Manager Jan Marsalek wird bis heute von Interpol gesucht. Angeblich soll er in Russland unter der Obhut von Sicherheitsbehörden leben  
© dpa
Eine Software soll der Truppe dabei helfen, die Bedrohungsszenarien der Zukunft zu analysieren. Den Zuschlag erhielt im Sommer eine kleine Firma – hinter der Personen stehen, die mit dem Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek Projekte in Russland und anderswo verfolgten

Es gibt wohl nicht viele Leute, die jemals von der Firma 4strat gehört haben. Das IT-Start-up wurde 2016 in Berlin gegründet, indirekt beteiligt war damals auch ein Sohn eines Generals, der im Verteidigungsministerium für IT-Themen verantwortlich war. Einer der 4strat-Geschäftsführer bis heute: ein Ex-Zeitsoldat aus dem Planungsamt der Bundeswehr.

Ausgerechnet die Bundeswehr sorgte kürzlich für den wohl wichtigsten Auftrag, den die kleine Firma bislang bekommen hat: Das Unternehmen erhielt im Sommer 2022 den Zuschlag für das Software-Projekt „Future Analysis Cooperation System“, kurz FACT – das Nachfolgesystem für jene IT-Plattform für die Analyse künftiger Bedrohungsszenarien, mit der der 4strat-Chef in seiner Zeit im Planungsamt noch selbst befasst war. Budget für das Projekt FACT bis 2032 laut Wehrressort: fast 10 Mio. Euro. Wie viel davon an 4strat fließt, will es nicht veröffentlichen – Geschäftsgeheimnis.

Vielleicht ist es nur einer jener Aufträge, die nach der Affäre um Berateraufträge im Verteidigungsministerium vor einigen Jahren etwas merkwürdig wirken. Doch das Geschäft im Hause von Ministerin Christine Lambrecht (SPD) sticht noch aus einem anderen Grund heraus: Nach Recherchen von Capital gehören zu den Eigentümern von Auftragnehmer 4strat seit Jahren auch Personen, die nach dem Skandal beim Zahlungskonzern Wirecard aufmerken lassen – erst recht, wenn es um die Bundeswehr geht: frühere Geschäftspartner des Ex-Wirecard-Vorstands Jan Marsalek aus seiner Heimat Österreich. Dabei handelt es sich um einen IT-Unternehmer und den Gründer der Unternehmensberatung Repuco, auch ein hochrangiger österreichischer Militär aus dem Marsalek-Netzwerk spielt bei der 4strat-Software nach eigener Aussage eine Rolle. Bei allen Personen gibt es Berührungspunkte mit Russland, wo Marsalek unter der Obhut dortiger Geheimdienste untergetaucht sein soll.

So findet sich die Firma 4strat etwa auch in einem Vertragsentwurf, den der österreichische Repuco-Berater – damals 4strat-Miteigentümer – im April 2019 an Marsalek übermittelte. Zuvor hatte die „Financial Times“ wiederholt massive Betrugsvorwürfe gegen Wirecard erhoben, der Zahlungskonzern setzte vieles daran, gegen Kritiker vorzugehen – im Internet, aber auch mit Überwachungsaktionen in der Offline-Welt. Verantwortlich für diese „Feindaufklärung“, wie er es selbst in jener Zeit in einer Aussage bei der Münchner Staatsanwaltschaft nannte, war Marsalek. In seinem Angebot für Marsalek offerierte der Berater seine Dienste für „Professional Media-Monitoring und Data-Driven Crisis Management“´ – für 25.000 Euro im Monat, eine Summe, die für Medienanalysen extrem hoch erscheint. Laut dem Vertragsentwurf, der Capital vorliegt, sollte 4strat dabei als „Subkontraktor“ mitwirken – während sich das Unternehmen zeitgleich schon um einen sensiblen Auftrag bei der Bundeswehr bemühte.

Kann solch ein Dienstleister für die Bundeswehr ein vertrauenswürdiger Partner sein? Für das Verteidigungsministerium kein Problem: Dem Ministerium seien keine Anhaltspunkte bekannt, die „die Zuverlässigkeit der Firma 4strat als Auftragnehmer der Bundeswehr in Frage stellen würden“, versicherte ein Sprecher auf Anfrage. Dagegen kritisiert der Ex-Bundestagsabgeordnete Fabio De Masi, der bereits im Januar 2022 öffentlich auf Verbindungen des Unternehmens zu relevanten Personen aus dem Wirecard-Skandal hinwies: „Das Verteidigungsministerium hat sich über viele Jahre engagiert, damit eine Firma aus dem Umfeld von Marsalek einen IT-Auftrag bekommt.“

Vergabe mit Auffälligkeiten

Bei der Truppe hat das Projekt FACT einen langen Vorlauf. Schon im Jahr 2010 startete ein Vorläuferprojekt im Planungsamt der Bundeswehr, zuständig war dort das „Dezernat Zukunftsanalyse“. Das Ziel: die Einführung eines Softwaretools, mit dem sich die globalen Trends und Szenarien, die Auswirkungen auf Deutschlands Sicherheit haben, analysieren lassen – von Militärstrategien anderer Staaten über die Verfügbarkeit von Rohstoffen bis hin zur Entwicklung der Inflation. Die IT-Plattform soll den Bundeswehr-Planern dabei helfen, aus Hunderten Einflussfaktoren konkrete Bedrohungsszenarien zu simulieren und Strategien abzuleiten, wie sich die Truppe in den kommenden zehn, 20 oder 30 Jahren aufstellen soll – etwa was den Zuschnitt ihrer Verbände oder ihre Ausrüstung angeht. Nicht nur mit Blick auf die aktuelle Konfrontation mit Russland ein hochsensibler Bereich.

Solche sogenannte Foresight-Software haben in Deutschland heute nur ganz wenige Unternehmen im Angebot: vor allem 4strat und die IT-Firma Itonics aus Nürnberg, deren Tool auch Strategieabteilungen von Großkonzernen nutzen, etwa aus der Auto-, Pharma- oder Nahrungsmittelbranche. Schon vor Jahren, noch bevor 4strat gegründet wurde, hatte Itonics dem Planungsamt der Bundeswehr seine Software zur Erprobung geliefert. Damals mit dem Vorläuferprojekt von FACT befasst: der heutige 4strat-Chef, der nach seinem Ausscheiden bei der Truppe zunächst auch eine kurze Zeit für Wettbewerber Itonics arbeitete. 2016 startete die Bundeswehr dann eine Markterkundung für das Projekt FACT, die im Sommer 2018 in eine erste Ausschreibung mündete. Ende 2019 erteilte das zuständige Beschaffungsamt einen ersten Zuschlag für FACT – an das erst drei Jahre zuvor gegründete Start-up 4strat, das damals in erster Linie von Fördermitteln aus Österreich lebte.

Unterlagen aus dem langwierigen Vergabeverfahren, die Capital vorliegen, erwecken den Eindruck, dass die Bundeswehr den Auftrag an 4strat unbedingt durchdrücken wollte. Nicht nur in früheren Jahren, sondern selbst dann noch, als durch den Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags und Medienberichte neue Erkenntnisse über die Kontakte und Aktivitäten wichtiger Personen hinter 4strat auf dem Tisch lagen – und nach der Zeitenwende im Verhältnis zu Russland infolge des Angriffskriegs gegen die Ukraine.

Zu den Seltsamkeiten in diesem Vergabeverfahren gehört etwa, dass das Planungsamt der Bundeswehr schon im August 2019 stolz die „webbasierte Plattform FACT“ vorführte und öffentlich darüber berichtete – Monate, bevor überhaupt der erste Zuschlag für FACT an die Firma 4strat erfolgte. Bereits Mitte 2018 hatte ein damaliger 4strat-Mitarbeiter zudem in einer Präsentation für das firmeneigene Softwaretool „Foresight Strategy Cockpit“ auf einer Fachtagung auch die Bundeswehr als Kundin aufgeführt. Anfang 2022 beteuerte dagegen Lambrechts Parlamentarische Staatssekretärin Siemtje Möller (SPD) auf eine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag, bei der Bundeswehr „sind beziehungsweise waren“ keine Produkte der Firma 4strat in Nutzung. Wie auch immer das alles zusammen passen soll.

Klar ist dagegen: Nach einer Beschwerde des unterlegenen Bieters Itonics stoppte das Beschaffungsamt die Vergabe für FACT im Juli 2020 wegen formaler Mängel. Im Januar 2022 schrieb es den Auftrag neu aus, Gewinner des Verfahrens: erneut 4strat. Konkurrent Itonics hatte diesmal kein Angebot mehr abgegeben, sondern legte Beschwerde beim Bundeskartellamt ein: Aufgrund von „verdeckten Produktvorgaben“ zugunsten von 4strat und einer „Masse an Mängeln“ in den Vergabeunterlagen könne man ein Angebot „nicht seriös kalkulieren und erstellen“, obwohl man weiter Interesse habe.

„Ausführliche“ Prüfung binnen vier Wochen

Daraufhin lud die zuständige Vergabekammer des Bundes Ende Juni 2022 die Beteiligten zu einer mündlichen Anhörung. Auf Fragen von Capital zu dem Bundeswehr-Auftrag verwies ein 4strat-Sprecher auf diesen Termin: „4strat ist nicht zuletzt in einem Nachprüfungsverfahren und einer mündlichen Verhandlung im Sommer dieses Jahres vor der Vergabekammer Bonn allen offenen Nachfragen nachgekommen“, teilte er mit. „In diesem Verfahren wurde festgestellt, dass gegebenenfalls bestehende Vorwürfe nicht zutreffend sind.“ Fast wortgleich verteidigte das Wehrressort den Auftrag: In einem „Nachprüfungsverfahren“ habe die Vergabekammer „ausdrücklich festgestellt, dass es keine Anhaltspunkte gibt, dass die Firma 4strat für die Auftragsdurchführung nicht geeignet ist“. Ebenso wenig bestünden Interessenkonflikte der beteiligten Personen mit Bundeswehr-Bezug.

Was manch einer der Beteiligten heute als „ausführliches“ Prüfverfahren darstellt, dauerte ausweislich der Dokumente jedoch tatsächlich gerade einmal vier Wochen. Auch eine „ausdrückliche Feststellung“ des Gerichts hat es in dieser Sache nicht gegeben – jedenfalls gab es nach dem Austausch von Schriftsätzen keinen entsprechenden Beschluss der Vergabekammer. Bei dem Anhörungstermin signalisierte die Kammer vielmehr, dass sie den Antrag auf Nachprüfung von Itonics aus formalen Gründen ablehnen werde, weil die Firma letztlich kein neues Gebot abgegeben hatte. Daraufhin zog Itonics den Antrag zurück: Man wolle „der Auftragsvergabe für ein Instrument der nationalen Sicherheit in schwierigen Zeiten nicht im Wege stehen“.

Ende Juli kam es dann zum Vertragsschluss mit 4strat, inzwischen ist die Software bei der Bundeswehr im Einsatz – „ohne Beanstandungen“, wie das Verteidigungsministerium betont. Allerdings unterließ es das Ministerium, die Öffentlichkeit zeitnah über die Auftragsvergabe zu informieren – wie es das Vergaberecht eigentlich verlangt. Eine Vergabebekanntmachung, die das Ministerium auf Bitten von Capital vorlegte, datiert erst von Ende September. Allerdings lässt sich diese bis heute nicht in der entsprechenden EU-Datenbank finden. Die Bekanntmachung sei übermittelt worden, es könne „nicht nachvollzogen“ werden, weshalb sie nicht aufgerufen werden könne, teilte das Ministerium mit. „Der Vorgang wird derzeit geprüft.“

Auftragnehmer 4strat selbst wollte sich zu Fragen zu dem Vertrag mit der Bundeswehr nicht äußern, ebenso wenig zu Fragen zur Firma, etwa zu Mitarbeiterzahl und Umsatz. Die einzige Bilanz, die im Bundesanzeiger frei zugänglich ist, datiert aus dem Gründungsjahr 2016. 4strat stehe für „verlässliche, kompetente und umfassende Unterstützung seiner Kunden“, erklärte ein Sprecher. Dem Unternehmen sei „bewusst, dass es aufgrund seines Geschäftsschwerpunkts einem besonderen Augenmerk von Wettbewerbern und der Öffentlichkeit ausgesetzt ist“. Nähere Angaben zu Auftraggebern, Kunden und Vertragsdetails mache man grundsätzlich nicht. Dadurch bleibt unklar, ob das Start-up schon Erfahrungen mit Großaufträgen wie dem bei der Truppe gesammelt hat. Auf der Firmenwebsite werden als Kunden etwa das österreichische Verteidigungsministerium, Ikea, die Beratungsfirma Strategy& und die Techniker Krankenkasse genannt. Das Bundesverteidigungsministerium versicherte, 4strat habe im Vergabeverfahren alle Teilnahmeanforderungen „zweifelsfrei“ erfüllt und die nötigen Referenzen vorgelegt.

Mit Marsalek in Russland

Ein näherer Blick auf die Berliner IT-Firma lohnt sich aber nicht nur für Freunde des Vergaberechts. Sondern auch für alle, die sich für Jan Marsaleks Aktivitäten und Kontakte in die Sicherheitsszene interessieren – ein Aspekt, der im gerade begonnenen Münchner Strafprozess gegen Ex-Konzernchef Markus Braun kaum eine Rolle spielen dürfte, weil die Schlüsselfigur Marsalek nicht auf der Anklagebank sitzt, sondern womöglich in Russland.

Bei 4strat waren von Anfang an zwei Personen maßgeblich involviert, die über Jahre Geschäftskontakte mit Marsalek unterhielten. Bei dem einen handelt es sich um den Berater G., der bis Ende 2006 als Vize-Kabinettschef im ÖVP-geführten Wiener Bundesinnenministerium diente, später die Beratungsfirma Repuco gründete und bis heute über exzellente Drähte zu Sicherheitsbehörden verfügt. Der andere ist der Informatik-Professor G., Eigentümer des IT-Unternehmens Research Industrial Systems Engineering (RISE) mit Hauptsitz in Schwechat bei Wien, die unter anderem auch IT-Projekte für öffentliche Auftraggeber betreut. In Deutschland war die Firma etwa maßgeblich an der Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte beteiligt. Nach eigenen Angaben ist RISE auch Entwickler der 4strat-Software.

Bei der Gründung im Jahr 2016 waren die beiden Marsalek-Bekannten über ihre Firmen zu je 30 Prozent an 4strat beteiligt. Anfang 2020, kurz nach dem ersten Zuschlag der Bundeswehr für das Projekt FACT, stockten sie auf jeweils 50 Prozent auf. Damals schieden der Ex-Zeitsoldat und der Sohn des Bundeswehr-Generals als Mitgesellschafter aus. Seit Ende 2021 ist die Firma RISE des Wiener Uni-Professors G. die alleinige 4strat-Eigentümerin.

Beide 4strat-Miteigentümer tauschten sich über Jahre direkt mit Marsalek aus – entsprechender umfangreicher Mailverkehr liegt Capital vor, dazu Verträge und Rechnungen. Daraus geht hervor, dass der Repuco-Berater Mitte Juni 2014 den IT-Unternehmer seinem Bekannten Marsalek vorstellte: Der RISE-Chef sei „aus Österreich heraus auch in Russland unterwegs“ und habe in einigen Fällen als Technologielieferant im Subauftrag gegen Wirecard geboten. Nur einige Tage später kam es bereits zu einem ersten Treffen. Er sei beeindruckt gewesen von „Ihrem persönlichen ,Vortrieb'“, schmeichelte der RISE-Chef dem Wirecard-Manager im Anschluss.

Aus diesem Auftakt erwuchs ein reger Austausch mit mehreren Hundert Mails zwischen Marsalek und dem IT-Unternehmer, dessen Firma in Wien auch ein Büro in unmittelbarer Nähe der russischen Handelsvertretung unterhält. Dabei ging es um mehrere Projekte, bei denen RISE für Wirecard arbeitete. Mindestens einmal begleitete der Firmenchef Marsalek sogar bei einem Termin in Russland. Dort wollte Wirecard ein großes Zahlungsabwicklungsprojekt für den ÖPNV in Sankt Petersburg an Land ziehen. Nach dem Termin im Juni 2016 dankte der RISE-Mann Marsalek für „die spannende Reise“ – nebst Spesenabrechnung über 11.000 Euro für den Flug im Learjet.

Flüchtlingskonzept für Libyen

An dem Konsortium, das 2016 auf einen Zuschlag des Gouverneurs von Sankt Petersburg für das ÖPNV-Projekt hoffte, war auch eine russische Partnerfirma von Wirecard namens Skytec beteiligt. Bei Skytec, ein Zahlungsdienstleister für Airlines, handelte es sich um „eine Tochter von Rostec“, wie Marsalek einmal intern an Kollegen schrieb. Rostec ist Russlands größter Rüstungsriese, eine Staatsholding, auf deren Panzer und Kampfjets Präsident Wladimir Putin auch im Krieg gegen die Ukraine setzt und die schon seit der Krim-Annexion 2014 unter US-Sanktionen steht. Wohl deshalb wurde bei Skytec der wahre Eigentümer kaschiert: Formal gehörte die Firma einer Luxemburger Holding, hinter der zwei russische Unternehmer stehen – darunter ein Vertrauter des Putin-treuen Gouverneurs der Region Uljanowsk. Bei Wirecard intern und der konzerneigenen Bank setzte sich Marsalek massiv für Skytec ein.

Auf Anfrage bestritt RISE eigene Projekte in Russland. „Es gab und gibt keine Kontrakte mit russischen Unternehmen“, erklärte eine Sprecherin. Für das ÖPNV-Projekt in Sankt Petersburg habe Wirecard bei RISE „Beratung für ein Konzept zugekauft“. Dafür habe es auch „zwei Termine mit den fachlichen Teams vor Ort“ gegeben. Im Laufe der Zulieferfunktion habe sich der RISE-Chef mit Marsalek „einige wenige Male“ geschäftlich ausgetauscht, stets per Sie und immer nur im Kontext von Wirecard. „Wirecard war damals ein wirtschaftsgeprüftes und angesehenes Unternehmen“, betonte die RISE-Sprecherin. Mögliche Kontakte Marsaleks zu russischen Sicherheitsbehörden seien nicht bekannt gewesen. Die Geschäftsführung „garantiert persönlich dafür, dass sich RISE angesichts ihrer öffentlich exponierten Auf­traggeber gar nicht anders als absolut und ausnahmslos korrekt verhalten kann“.

Wie viel Umsatz RISE mit Aufträgen bei Wirecard gemacht hat, wollte die Firmensprecherin unter Verweis auf vertragliche Verschwiegenheitspflichten nicht mitteilen. Es sei aber bei den Kooperationen „ausschließlich um Themen im Kontext von Payment und Banking“ gegangen, betonte sie. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, der im Juni 2022 erstmals über die Kontakte von Firmenchef G. zu Marsalek berichtete, hatte RISE den Umsatz mit Wirecard zwischen 2014 und 2017 mit 1,3 Mio. Euro beziffert. In der dreistelligen Zahl an Mails, die G. und Marsalek über die Zeit austauschten, geht es etwa auch um ein Projekt in Asien. 2017 riss der Kontakt dann offenbar ab.

Zuvor gab es mit Marsalek auch einen Berührungspunkt bei einem anderen Land: dem bürgerkriegszerrüteten Libyen. Anfang September 2016 schickte der RISE-Chef dem Wirecard-Vorstand eine Präsentation für das Projekt AMIMA, kurz für „Asyl- und Migrationsmanagement“. Betreff der Mail: „Libyen Flüchtlingscamp, Issue für befreundeten Politiker“. In dem Konzept, das Capital vorliegt, geht es darum, wie sich Flüchtlingsströme per Sensoren und Software verfolgen, kontrollieren und betreuen lassen. Falls notwendig, könne mit diesem Tool jede Einzelperson in ganz Europa identifiziert werden, heißt es darin. Das System sei „für mehrere Millionen User“ ausgelegt, schrieb G. an Marsalek. Die Rechenzentren dafür könnten auch in Europa stehen.

Auszug aus dem AMIMA-Konzept aus dem Jahr 2016: Marsalek interessierte sich für das Thema Flüchtlingsmanagement – laut E-Mails auch für einen „befreundeten Politiker“
Auszug aus dem AMIMA-Konzept aus dem Jahr 2016: Marsalek interessierte sich für das Thema Flüchtlingsmanagement – laut E-Mails auch für einen „befreundeten Politiker“
© eigene Recherche

Nach Angaben von RISE handelte es sich bei dem AMIMA-Konzept um eine „interne Weiterentwicklung“ für ein Projekt des österreichischen Innenministeriums zur elektronischen Registrierung von Flüchtlingen namens Pre-ID, bei dem RISE Anfang 2016 nach Regierungsangaben für knapp 1 Mio. Euro als Dienstleister mitwirkte. Für welchen „befreundeten Politiker“ Marsalek das Konzept haben wollte, sei der Firma „nie bekannt“ gewesen. „Wirecard hatte Interesse, in Libyen eine Payment-Lösung zu etablieren“, erklärte die Sprecherin. „Für uns ging es um ein Projekt des ,Banking the Underbanked‘, das heißt die Ausstattung der Flüchtlinge mit bestimmten Ressourcen“ – was etwas seltsam klingt, wenn man die Präsentation liest: Darin geht es nämlich weniger um einen humanitären Ansatz, sondern viel um das Tracking von Personen, etwa bei Grenzübertritten. Das Wort „Kontrolle“ taucht mehrfach auf, die Worte Bank, Konto oder Payment nicht ein Mal. Auf das Konzept habe es „seitens Wirecard“ nie Reaktionen gegeben, erklärte RISE. Auch Marsaleks private Aktivitäten in Libyen „waren in keiner Weise bekannt“.

„Fenster in die Schattenfinanz“

Gerade Libyen spielte für Marsalek aus mehreren Gründen eine große Rolle. Zum einen, weil Wirecard dort schon mit Zahlterminals Geschäfte machte. Zum anderen stand das Land, das nach dem Nato-Schlag gegen den früheren Machthaber Muammar al-Gaddafi 2011 ins Chaos abgeglitten und zum Spielball westlicher und russischer Interessen geworden war, über längere Zeit im Fokus von Marsaleks privaten Aktivitäten. Diese steuerte er nicht aus der Konzernzentrale von Wirecard in Aschheim – sondern aus einer herrschaftlichen Villa in der Münchner Prinzregentenstraße. Dort empfing er immer wieder Personen aus der Sicherheitsszene wie einen früheren österreichischen Topagenten oder einen Ex-Geheimdienstchef aus Libyen, aber auch den damaligen Eigentümer der IT-Firma Virtual Solution, die die mobile Kommunikation mehrerer deutscher Bundesministerien sichert.

Seit nach der Wirecard-Pleite immer mehr Informationen über Marsaleks Doppelleben bekannt wurden, steht daher auch die Frage im Raum: War der Topmanager nur ein Hobbyagent, der in geopolitischen Spielchen mitmischen wollte? Oder kooperierte der Mann, dessen Konzern auf einem Schatz von Finanzdaten aus allen möglichen Ländern saß, nebenbei mit Sicherheitsbehörden, wie manche heute glauben – und wenn ja, nur mit russischen? Wirecard, so sagt es der österreichische Geheimdienstexperte Thomas Riegler, sei durch die Wurzeln im Geschäft mit Onlineporno und Glücksspiel stets ein „Fenster in die Schattenfinanz“ gewesen – und dadurch auch interessant für die Sicherheitsbehörden.

Eine Schlüsselrolle in Marsaleks zweiter Karriere außerhalb der Dax-Welt spielte auf jeden Fall der Ex-Beamte aus dem österreichischen Innenministerium, der über seine Beratungsfirma Repuco von 2016 bis Ende 2021 auch an dem heutigen Bundeswehr-Auftragnehmer 4strat beteiligt war. Schon seit dem Frühjahr 2016 lieferte Repuco-Mann G. für 7.000 Euro im Monat regelmäßig eine „strategische Marktanalyse Russland“ an Marsalek – bezahlt von Wirecard. Topthemengebiete laut Vertrag: die „politische Situation im Inland – Machtverhältnisse mit besonderem Bezug auf Präsident Putin“ sowie „Sicherheit, Kriminalität und Korruption“. Berater G. rühmte sich einmal gegenüber Marsalek, man verfüge in Russland über „besonders langfristige Beziehungen zu vielen Entscheidungsträgern“.

Auszug aus einem Vertragsentwurf für ein „Media Monitoring“ und „Data-Driven Crisis Management“ für Wirecard aus dem Frühjahr 2019. Der heutige Bundeswehr-Dienstleister 4strat war als Subauftragnehmer vorgesehen
Auszug aus einem Vertragsentwurf für ein „Media Monitoring“ und „Data-Driven Crisis Management“ für Wirecard aus dem Frühjahr 2019. Der heutige Bundeswehr-Dienstleister 4strat war als Subauftragnehmer vorgesehen
© eigene Recherche

Repuco-Berater G. war einst enger Mitarbeiter des österreichischen ÖVP-Innenministers Ernst Strasser, der später wegen Korruption zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Zwei seiner früheren Kollegen aus dem Innenministerium gründeten eine Sicherheitsfirma namens Gradus Proximus, die 2016 von Marsalek mit einem Social-Media-Monitoring für Wirecard für stattliche 25.000 Euro im Monat beauftragt wurde. Der Konzern war kurz zuvor schon einmal ins Visier von Leerverkäufern geraten und ging gegen Kritiker im Internet vor. Worum es bei diesem Auftrag offiziell ging: „Sammlung, Analyse und Bewertung öffentlich zugänglicher Informationen zu möglichen Akteuren, die Aktionen gegen das Unternehmen planen und durchführen, um unter anderem dessen Börsenwert zu reduzieren.“ Im April 2019 übermittelte G. dann Marsalek den bereits erwähnten Vertragsentwurf mit dem Logo seiner anderen Firma EMV Tectum, der teils wortgleiche Passagen aus dem noch laufenden Vertrag der Ex-Ministeriumsmitarbeiter von Gradus Proximus enthielt – und in dem 4strat als „Subkontraktor“ benannt war.

Ob der Vertrag am Ende auch abgeschlossen wurde und 4strat im Unterauftrag für Wirecard tätig wurde, ist unklar. In jedem Fall lieferte auch Gradus Proximus bis zum Kollaps von Wirecard im Juni 2020 Berichte an Marsalek. Fragen zu diesem Vertrag und zu den Beziehungen seines Mandanten mit Marsalek ließ der Anwalt von Repuco-Berater G. unbeantwortet.

Planspiele für Privatarmee in Libyen

Der Ex-Beamte schickte Marsalek aber nicht nur Berichte über Russland. In den Jahren 2017 und 2018 nahm er auch an mehreren Treffen teil, bei denen es um die Aufstellung einer Söldnertruppe in Libyen ging. Dieses Projekt enthüllte bereits im Sommer 2020 die „Financial Times“. Dabei versuchte G., über seine Kontakte Finanzmittel bei der österreichischen Regierung zu organisieren. Marsalek schwebte damals eine 15.000 Mann starke Privatarmee aus Ex-Milizionären für die libysche Südgrenze vor. Das Ziel: die Grenze kontrollieren, damit keine Flüchtlinge mehr aus dem südlichen Afrika Richtung Mittelmeer und weiter nach Europa gelangen. Darüber hinaus trat G. 2017 als Vermittler beim Verkauf von Zementfabriken in Libyen auf – in der libyschen Zementbranche war damals auch Marsalek investiert.

In dem Protokoll eines Treffens im Februar 2018 in der Münchner Villa wird Marsalek als Geldgeber („donor“) für das Grenzschutzprojekt in Libyen benannt. Wenige Wochen später überwies der Wirecard-Manager von einem privaten Konto 50.000 Euro an den früheren Uno-Mitarbeiter Kilian Kleinschmidt, der eine Studie für das Projekt erarbeiten sollte, wie das Onlinemagazin Zackzack kürzlich aufdeckte. Kleinschmidt nennt Marsalek heute einen „Laufburschen“ für das Projekt einer restriktive Flüchtlingspolitik, wie es in Österreich damals der Politik-Shootingstar Sebastian Kurz bei seiner Bewerbung für das Kanzleramt verfolgte – wobei nach Schließung der Balkan-Route zunehmend die Route über Libyen im Fokus stand. Marsalek selbst schrieb im Februar 2018 in einer Mail an einen früheren US-Botschafter, er und „ein Freund“ hätten Kurz‘ ÖVP und die rechte FPÖ im Wahlkampf 2017 „unterstützt“. Daher habe man „enge Verbindungen“ in die Führungsetage beider Parteien.

War mit dem „Freund“ vielleicht der damalige 4strat-Miteigentümer G. von Repuco gemeint? Oder ein Mitstreiter von Marsalek und G., ein früherer hochrangiger Militär aus Österreich? Der Brigadier, damals Spitzenbeamter im Wiener Verteidigungsministerium, war ebenfalls bei diversen Treffen anwesend – etwa als Marsalek 2017 im Nobelrestaurant Käfer eine illustre Runde versammelte: darunter Frankreichs Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, Ex-CSU-Chef Edmund Stoiber, der frühere österreichische ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel und Ex-Bundeswehr-General Erich Vad, der jahrelang Militärberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war – alles Leute, die in einer zu weichen Migrationspolitik ein Risiko für die Sicherheit sehen.

Auch an Marsaleks Planspielen für Libyen war der Brigadier beteiligt. So sagte er etwa auf Ministeriumspapier eine Förderung von 20.000 Euro zu. Zudem hielt er Kontakt zu einem russischen Politikwissenschaftler mit Libyen-Expertise („our friend from Russia“), der dem Militärgeheimdienst GRU nahe stehen soll. In dem Protokoll eines Treffens in der Münchner Villa wird Marsalek mit den Worten zitiert, der Russe sei ein Mann, der „mehrere Hüte“ trage. Seinerzeit operierten russische Kräfte verdeckt in Libyen, darunter wohl auch Söldner der berüchtigten Privatarmee Wagner, die heute in der Ukraine wütet.

Aber auch zwischen dem Brigadier und der Firma 4strat, die in diesem Sommer von der Bundeswehr mit dem Projekt FACT betraut wurde, gibt es eine Verbindung. So brüstete sich der Marsalek-Vertraute im vergangenen Jahr in einem Beitrag für eine renommierte Schweizer Militärfachzeitschrift, er habe bei der 4strat-Software „Foresight Strategy Cockpit“ die „Lagebildprozesse bis hin zum Risikobild 2030“ sowie die „Implementierung“ des Tools „maßgeblich gestaltet“. Dieser Eigendarstellung widersprach 4strat-Eigentümer RISE: Der Brigadier sei „einer der vielen Nutzer“ der Software, der „wie viele Spezialisten“ Vorschläge zur Weiterentwicklung des Produkts mache. „An der Entwicklung und Implementierung war und ist er nicht beteiligt.“

Klar ist dagegen, dass das Wiener Verteidigungsministerium gegen den Spitzenmilitär wegen seiner Kontakte mit Marsalek und nach Russland eine interne Untersuchung eröffnete. Später wurde der als FPÖ-nah geltende Brigadier innerhalb des Ressorts versetzt, obwohl er Fehlverhalten bestreitet: Seine Kontakte nach Russland seien alle offizieller Natur gewesen. Der Wechsel sei auf eigenen Wunsch erfolgt. Inzwischen ist er im Ruhestand.

Scharfe Kritik in Österreich

Als die Bundeswehr im Januar 2022 das Vergabeverfahren für FACT startete, war das enge Verhältnis zwischen dem Berater G., dem Brigadier und Marsalek längst kein Geheimnis mehr. Bereits im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestags wies vor allem der damalige Linken-Abgeordnete De Masi auf diese Verbindungen hin. Die Namen sind auch im Abschlussbericht des Ausschusses aus dem Sommer 2021 erwähnt. Im Juni 2022 berichtete zudem der Bayerische Rundfunk ausführlich über die Geschäftskontakte des RISE-Eigentümers zu Marsalek und das gemeinsame Russland-Projekt mit der Tochterfirma des bereits unter Sanktionen stehenden Rüstungskonzerns Rostec.

Auf die Frage, ob die Hintergründe der 4strat-Gesellschafter vor der finalen Auftragsvergabe für FACT im Juli 2022 geprüft wurden, erklärte das Verteidigungsministerium: Weder RISE noch Repuco seien Bieter in dem Vergabeverfahren gewesen. Die Firmen seien auch nicht Auftragnehmer. Juristisch ist dies korrekt – allerdings kontrolliert der RISE-Eigentümer Professor G. Auftragnehmer 4strat indirekt zu 100 Prozent.

Dagegen schied Repuco, ob Zufall oder nicht, Ende 2021 als Gesellschafter bei 4strat aus. Anfang Januar 2022 erlosch auch die Prokura für Repuco-Mann G. bei 4strat – kurz bevor die neue Bundeswehr-Ausschreibung für FACT erfolgte. Auch Repuco selbst existiert heute nicht mehr eigenständig: G. brachte Repuco im Sommer 2021 bei der Firma msg Plaut Austria unter. Dort mischte er erst noch im Management mit, ein Jahr später schied er aus.

In Österreich sorgten diese ganzen Verbindungen für mächtigen Wirbel, als durch die Recherchen des BR im Juni 2022 auch bekannt wurde, dass die dortige Regierung sensible Aufträge für den Aufbau von Hochsicherheitsnetzen beim Geheimdienst DSN an zwei auffällige Unternehmen vergeben hatte: msg Plaut Austria und RISE. Die DSN ist Nachfolger des skandalumwitterten Dienstes BVT – von undichten Stellen in dieser Behörde hatte jahrelang auch Marsalek profitiert. Umso mehr sorgte es bei österreichischen Abgeordneten für Unverständnis, dass bei der Neuaufstellung des Dienstes Auftragnehmer zum Zuge kommen, bei denen Geschäftspartner des untergetauchten Ex-Wirecard-Vorstands eine führende Rolle spielen.

Doch nicht nur Experten in Österreich waren deshalb alarmiert, sondern auch in Deutschland – etwa der der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz, Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestags, das die Nachrichtendienste überwacht. „Es hat in den letzten Jahren immer wieder Fragezeichen gegeben hinter den Dingen, die in Österreich gelaufen sind“, sagte Innenexperte von Notz im Sommer. „Wenn der Neuanfang glücken soll, dann darf es eben genau solche Kontinuitäten nicht geben.“

Dass auch die Bundeswehr Geschäfte mit einer Firma aus dem gleichen Marsalek-Netzwerk macht und ihr bei einem sensiblen Projekt vertraut, störte dagegen bisher niemanden. Mit Blick auf die Kritik des Geheimdienst-Kontrolleurs von Notz an den Zuständen in Österreich sagte Wirecard-Aufklärer De Masi: „Warum interessiert sich im Bundestag niemand für die Marsalek-Connections der eigenen Ministerien?“ Wie schon bei der Cybersecurity-Firma Virtual Solution sei ein weiterer Auftrag im Sicherheitsbereich an das geschäftliche Umfeld des Wirecard-Managers gegeben worden, sagte De Masi. „Leider drängt sich damit der Verdacht auf, dass unsere Sicherheitsbehörden mit dem von Interpol gesuchten Marsalek enger vertraut waren.“

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